Principessa Pina Bausch

SIE GAB IN FEDERICO FELLINIS FILM “E LA NAVE VA” EINE AUSGEZEICHNETE MILCH

Von Ute St. Belmolph

Die Urne der unsterblichen Diva Edmea Tetua wird an Bord der Gloria N. gebracht. Ein Morgen im Juli des Jahres 1914. Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin sind tot, die Julikrise gärt, der Erste Weltkrieg hat gerade noch nicht begonnen. Ein „Schiff der Träume“ legt von seinem Pier im Hafen von Neapel ab.

 

Mit an Bord des klobigen, durch auffällige Nieten zusammengehaltenen Dampfers befindet sich Pina Bausch, die keine Sekunde lang tanzen wird, in der Rolle der blinden Principessa Lherimia, Schwester eines beleibten, queer wirkenden „Granduca di Harzock“ (dargestellt von Fiorenzo Serra), der die österreichisch-ungarische Monarchie repräsentiert. Mit diesem Film, E la nave va, hat Federico Fellini 1983 eine ironische Hymne auf den Abgang einer Kultur angestimmt, deren Nerven im Verwehen des Fin-de-Siècle und vor der großen Metzelei 1914 bis 1918 bis zum Äußersten angespannt waren.

 

Was bedeutet diese Allegorie?

 

Warum gerade jetzt an diesen Film erinnert werden soll? Also nicht etwa, weil der Erste Weltkrieg vor wenig mehr als einem Jahrhundert zu Ende ging. Noch weil das kranke Nashorn im Bauch der Gloria N. am Ende des Films von dem durch diesen führenden Journalisten Orlando (Freddie Jones) gerettet wird und wir uns bis heute Gedanken darüber machen, was die Rhinozeros-Allegorie bedeuten könnte. Und kaum, weil das Filmmuseum Wien gerade bis 28. Februar 2019 eine mit Filmen von Ermanno Olmi untermischte Fellini-Werkretrospektive zeigt.

 

Schon eher mit Blick in die nahe Zukunft: Pina Bausch wird am 30. Juni 2019 ein Jahrzehnt lang tot sein, und einige von uns werden am 20. Jänner 2020 an Fellinis Grab stehen, um den hundertsten Geburtstag dieses phantastischen Regisseurs zu feiern. Die Erinnerung an Bausch hat Wim Wenders vor acht Jahren kunstvoll mit seinem sentimentalen Machwerk Pina verpatzt. Die Melancholie darüber kann eventuell ein Blick in Pedro Almodóvars Hable con ella (2002) ein wenig mildern, in dem die Künstlerin ihre Spuren hinterlassen hat und – in einer Szene aus Café Müller – auch selbst auftritt.

 

Eine Adelige des Zigarettenrauchs

 

Als Principessa Lherimia spielte die Choreografin eine zutiefst dekadente Österreicherin mit deutscher Farbe in ihren italienisch gesprochenen Worten. In den blinden Augen dieser Prinzessin liegt ein wundervoll tiefer, sanfter Haß. Hier erscheint Pina Bausch ganz anders als in den hingebungsvoll ungelenken Heiligenbildern, die die internationale, vor allem aber die deutsche Tanzgemeinde von ihr gemalt hat. Anders auch, als sie sich selbst in aller Vagheit darzustellen pflegte. Die Bewunderung in ihrem Heimatland hatte der Künstlerin nicht nur den Rücken gestärkt, sondern ebenso zugesetzt. Die Verstrickung ihres Tanztheaters in eine mythisch wirkende Kulturlegende muß bedrückend für sie gewesen sein.

 

Bauschs Asche hätte 2009 auch auf ein Schiff gebracht und den Lüften überantwortet werden können. Wie in E la nave va der Staub von Edmea Tetua, der vor der erfundenen Insel Erimo – dem schimmernden Ort ihrer Geburt – vom Wind verblasen wird, bis auf dem schwarzen Kissen nur noch ein heller Fleck übrig ist. Aber andererseits: Pina Bausch war nicht eine Diva im klassischen Sinn, sondern lebensecht kunstvoll eine Adelige des Zigarettenrauchs (ich bin mir dessen gewiß, daß dies eines Tages wieder gewürdigt wird) und der tänzerischen Anverwandlungen des vergänglichen Körpers (ich spekuliere darauf, daß auch dies eines Tages neu gewürdigt wird).

 

Der Tanz ist eine Ironie des Todes

 

Gerade die Sterblichkeit des Körpers macht den Tanz zu jener beeindruckenden Ironie, die sich nie ganz verbergen läßt, auch wenn Tänzınnen sich ihrer oft zu entwinden suchen. Doch derlei Fluchtversuche bleiben vergeblich. Der Tanz zeigt immer wieder den größeren Witz als jene, die ihn, stets vom Tod gekitzelt, ausüben. Pina Bausch hat stets so getanzt und choreografiert, als hätte sie dies gewußt. Merkwürdigerweise übrigens starb einer ihrer größten Fans, der Kritiker Jochen Schmidt, nur wenig mehr als ein Jahr nach dem Ableben seines Idols.

 

Auch Fellinis Diva Edmea Tetua hat einen bis in zu seinem eigenen Tod leidenschaftlichen Bewunderer – den pathetisch ätherischen Conte di Bassano (Pasquale Zito), der seine Kabine zu einer Kapelle mit kostbaren und köstlichen Edmea-Devotionalien vollräumt. Als die Gloria N., von Geschossen eines k.u.k. Kriegsschiffs getroffen, sinkt, bleibt Bassano bei seinen Erinnerungen und geht mit ihnen unter. Daran ist jene ganz große Leidenschaft zu erkennen, wie sie nur aus einer ungestillten Sehnsucht kommen kann, einem wilden Verlangen, das der Enttäuschung nach plumper Erfüllung (noch) nicht begegnet ist.

 

Eine Eruption des Hasses

 

Aus einer solchen Enttäuschung allerdings könnte der Haß in den Augen der Principessa rühren, denn diese ist mit ihrem Bruder in eine luxuriöse Kabine eingeschlossen oder in der Öffentlichkeit von ihrer Entourage gut bewacht. So vertreibt sie sich die Zeit mit dem Rezitieren von Gedichten, der Assoziation von Stimmen mit Farben sowie mit Intrigen und Schachpartien gegen Brüderchen Granduca di Harzock, den sie immer besiegt. Der Eskapade ist Lherimia dennoch nicht abgeneigt: In einem unbeobachteten Moment läßt sie sich von ihrem „Primo Ministro“ (Philip Locke) küssen und befiehlt wenig später dessen Verhaftung.

 

So kann der Ausbruch des Ersten Weltkriegs auch verstanden werden – als Eruption des Hasses einer aristokratischen Elite, deren so beengtes wie grenzenloses Leben keine Wünsche offenließ außer jenem nach Freiheit von der Enttäuschung und nach einer großen Entlastung. In solcher Eskapade wird das Aufgeblähte kleinlich. Als in Fellinis Film das Kriegsschiff am Horizont auftaucht, wird dem Kapitän der Gloria N. von diesem monströsen Stahl-Ungetüm signalisiert, er möge eine Gruppe serbischer Flüchtlinge ausliefern, die Zuflucht an Bord seines Dampfers gefunden hat. Nach anfänglichem Widerstand gibt der Schiffsführer nach und besiegelt damit das Ende mit Schrecken.

 

It’s Only a Paper Moon

 

Den Fahrgästen der Gloria N. sind diese Vorgänge vollkommen rätselhaft. Nichts haben sie mit dem aufziehenden Unheil zu tun, all die großen Sänger und exaltierten Diven, die honorigen Operndirektoren, skurrilen Exzentriker und feinsinnigen Spezialisten für musikalische Raffinements. Sie sind sämtlich Paradiesvögel einer Kulturelite, die von ihrer schrulligen Originalität getrieben werden und von dieser leben: der russische Baß, der mit seiner Stimme Hühner in Trance zu versetzen vermag, die beiden köstlichen alten Herren, die in der Schiffsküche Schubert auf Gläsern spielen oder die distinguierten Operngrößen, die einander im Kesselraum des Schiffs einen Gesangswettbewerb liefern.

 

Die Figuren in E la nave va werden in einem unendlich scheinenden Reichtum an kleinen Szenen und zeichenhaften Details durch ihre Rollen geführt. Die Atmosphäre ist fabelhaft pittoresk, die Sonne, der Mond, die Wolken sind gemalt, das Meer besteht aus schimmernder, wellenschlagender Folie. Lars von Trier hat diese genau kalkulierte Künstlichkeit später in seinem Film Melancholia sehr dezent in ganz wenigen Momenten zitiert.

 

Sprich mit ihr

 

Federico Fellini wollte kein „engagierter“ Künstler sein, was ihn heute in gewisser Weise zum Avantgardisten macht. Aber hier hat er, wie schon 1979 in Orchesterprobe, doch kommentiert – und dieser Widerspruch verstärkt den Eindruck eines Vorreiters aus der Vergangenheit noch. Der sensible und gefühlvolle Blick des Regisseurs entzieht sich jeglicher Sentimentalität. Eine Ausnahme. Pina Bauschs Leben etwa wurde 1998 mit einer Biografie von Jochen Schmidt quittiert, die schwer an ihrem Titel trägt: Tanzen gegen die Angst.

 

Die Künstlerin aus Wuppertal hat sich nicht gewehrt. Fellinis Principessa Lherimia dagegen hätte einen solchen Kitsch vielleicht wohl genossen, aber zugleich ganz sicher als zusätzliche Enttäuschung empfunden und ihren gefühligen Biografen beinhart verhaften lassen. Sogar aus dem Wachkoma heraus, in das ihr Hass sie getrieben hat. Hable con ella, zum Beispiel mit Orlandos Worten aus dem Rettungsboot, in dem er das Nashorn in die Zukunft rudert: „Lo sapevate che il rinoceronte dà un ottimo latte?“

 

(13.2.2019; bearbeitet 19.2.2019)

 

Hinweis: Beim Wiener Festival Impulstanz ist im Sommer 2019 das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch mit dem 1998 uraufgeführten Stück Masurka Fogo zu Gast.

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