168 Stunden Bodenunruhe

CLAUDIA BOSSE UND ULYSSES IN EINER HANTOLOGISCHEN RELATION OHNE RELATA

Von Helmut Ploebst

I.

Draußen, im Freien, herrscht schönes Wetter. Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein, ansteigende Temperatur. Genauso, wie ich es hasse. Ein Sonntag, wie geschaffen dafür, bei heruntergezogenen Rouleaux in der Wohnung den ständigen Aufbruch und damit eine Freiheit zu genießen, wie sie nur freiwillig gewählte Arbeiten bringen. Sonntag, 17. Juni 2018, 13.13 Uhr. Was jetzt wohl Claudia Bosse macht. Und wie es wohl Bettina Vismann geht. Die beiden leben seit gestern, 17.30 Uhr, offiziell unten in der Mollardgasse 14, Bezirk Wien Mariahilf, an der frischen Luft. Ich bin sicher, daß sie sich über den Sonnenschein freuen, und genieße das narzißtische Gefühl des vermeintlich Gerechten, der anderen gönnt, was sie freut, obwohl er für sich selbst es gerne ganz anders hätte. Auf meiner Seite, denke ich, wären sicher die Bauern in weiten Teilen des Landes, denen der Frühling eindeutig zu trocken ist. Und natürlich sei der Ackerbau wichtiger als die Kunst! Erst müsse das Wetter für die Landwirtschaft passen, dann für Künstlerınnen im Freien und erst zuletzt für lichtscheue Heimarbeiterınnen.

 

Die österreichische Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik prognostiziert für heute nachmittag: „Wechselnd bewölkt geht es durch die zweite Tageshälfte, somit scheint weiterhin zumindest zeitweise die Sonne. Der Wind aus Nordwest frischt spürbar auf. Die Temperaturen bewegen sich am Nachmittag um 28 Grad. Aktualisiert am 17.06.2018, 12:49 Uhr.“ Atmosphären-, Wärme- und Geodynamik. Ich starte das Live-Seismogramm auf der Anstalts-Website, um die aktuellen Bodenbewegungen abzulesen. Minimal. „Die rote fortlaufende Linie zeigt eine Livebodenbewegung bzw. eine Bodenunruhe an, welche durch Tiefdruckgebiete über den Ozeanen ausgelöst wird.“ Das letzte richtige Erdbeben in Österreich war vor drei Tagen, Richterskalastärke 1,9. Die Erdkruste hält unruhig still für die beiden Künstlerinnen, die sich mit kuratorischer Unterstützung des Tanzquartier Wien 168 stunden (a tribute to everyday life and franz erhard walther) unter freiem Himmel in der Baulücke eines ehemaligen Eckhauses gönnen.

 

Bloomsday, 17.20 Uhr

 

Die weiteren Wettervorhersagen der Zentralanstalt sind günstig für die kommende Woche. Oder, aus der Perspektive des Schönwetterhassers, einigermaßen ungünstig. Wenig Regen, spärlich die Wolken. Aber wenigstens hin und wieder Schatten. Jede auch noch so dezente Tagverdunkelung ist willkommen. Ich weiß, daß Claudia Bosse keine Schönwetterkunst macht. Aber ich ahnte nicht, daß Tiefdruckgebiete über irgendwelchen Ozeanen bei uns hier im meerfreien Mitteleuropa die Erde vibrieren lassen können. Gestern wußte ich dafür zum Beispiel um das Zusammenfallen des Bloomsday und den Beginn von Bosses 168 stunden-Projekt. Zur Feier des ersteren habe ich wieder begonnen, Joyces Ulysses zu lesen. Und habe mich gefragt, ob das ineinandergreift: Die Handlung in Ulysses findet an einem einzigen Tag, dem 16. Juni 1904, statt, und die 168 stunden bezeichnen sieben Tage. Glücklicherweise, aber ich kann mich auch täuschen, scheinen weder Bosse noch Franz Erhard Walther sonderlich an Ulysses interessiert zu sein.

 

Als ich am gestrigen Bloomsday gegen 17.20 Uhr zur Baulücke an der Adresse Mollardgasse 14 komme, meint es das Wetter gut mit Bosse, Vismann, rund dreißig Zuschauerınnen und auch ein wenig mit mir. Schöne graue Wolken, leichter Wind, die Temperatur mag gegen 23° Celsius betragen haben, kein Regen. Später erfahre ich, daß ich, obwohl pünktlich, angeblich zu spät gekommen bin. Denn die erste poetische Begegnung mit Franz Erhard Walther hätte bereits um 17 Uhr stattgefunden. Ich nehme die Information verbindlich entgegen und beschließe sofort, sie für mich als mögliche Lüge abzutun mit dem Ergebnis, daß ich mich nicht ärgere. Um 17.25 Uhr setze ich mich auf eine der bereitgestellten Sitzgelegenheiten, packe mein Notizbuch aus und beginne zu schreiben, weil ich ziemlich sicher bin, daß dadurch viel passieren wird in der Zeit, die ich dieser Performance widmen will.

 

Garantielosigkeit, Abwesenheit

 

Morgens war ich übrigens mit dem Zug um 9.12 von Salzburg nach Wien gefahren, nicht mit dem um 9.08, weil mir dieser Zug eine halbe Stunde zu früh angekommen wäre. Unverständlich, sage ich mir, warum die Leute um denselben Preis freiwillig auf eine geschlagene halbe Stunde im Zug verzichten. Zwei Stunden 54 Minuten sollte die Minimaldauer einer Zugreise von Salzburg nach Wien sein. Und nicht zwei Stunden 22 Minuten, noch dazu mit dieser allzu joycisch anmutenden Zahlensymmetrie (222). Ich werde hier nicht verraten, was ich vorgestern bei der Hinfahrt gelesen habe, aber gestern am Bloomsday hat mich die Süddeutsche Zeitung mit einem Artikel über den längere Zeit verschollen gewesenen Joyceaner John Kidd überrascht, in dem zwar viel über Ulysses, aber auffallend wenig über Kidd steht. Und mit einem zweiten Artikel über eine revidierte Fassung von Hans Wollschlägers deutscher Übersetzung des Ulysses, die nun doch nicht erscheinen wird. Nicht gelesen – aber für später aufgehoben – habe ich, weil dafür doch etwas zu abwesend, ein Interview mit Marina Abramović.

 

Sofortige Lektüre allerdings verlangte ein beunruhigender Kommentar von Gustav Seibt, in dem geschrieben steht: „Das wichtigste Merkmal der Tyrannis ist die Unsicherheit, in die sie die Unterworfenen stürzt. Merkmal der Garantielosigkeit ist die Abwesenheit von Begründungen, selbst von rational begreifbaren Machtgesichtspunkten. Ihre einzige Funktion ist, die Quelle der Garantielosigkeit, den Gewaltherrscher, zu stabilisieren.“ Dem Autor geht es um die Darstellung, wie die „Aufhebung aller Konventionen“ in der Diplomatie, mit Norbert Elias verstanden als zivilisierende „Geisteshaltung“, zur „Garantielosigkeit“ (Jacob Burckhardt) führt, in der die politische Kommunikation – durch Trump, Putin und Kollegen – in archaische Verhältnisse zurückfalle.

 

Jack Hitt über John Kidd

 

Zurück zu Ulysses. Am 12. Juni, natürlich nur zufällig meinem √3249. Geburtstag (Ziffernsumme = 18, wie [20]18), publizierte Jack Hitt seinen Artikel über John Kidd, der heute, einen Tag nach dem Bloomsday, im Sonntagsmagazin der New York Times auf Papier erscheint. [1] Der Text in der Süddeutschen vom 16. Juni ist bloß eine Weiterverarbeitung, das erklärt seine seltsame Struktur. Und zurück zu Claudia Bosse und Bettina Vismann, die sich gestern in ihren beiden Flußkieselfeldern auf der gras- und distelbewachsenen Baulücke eingerichtet haben. Aus meinem Notizbuch:

 

„2 weiße Baldachine, 2 weiß bezogene Feldbetten, 2 Tischchen mit Sesseln und Mikros, 2 Kühlschränke, 2 Holzkisten mit Grünzeug, 2 x 3 Wasserkanister.“ Ich könnte, denke ich, niemals völlig in einem Buch, und sei’s auch Ulysses oder – noch besser – Finnegans Wake, aufgehen wie John Kidd. Vom 15. Juni datiert, ebenfalls in der Süddeutschen Zeitung, ein schöner Artikel mit dem Titel „Ich bin viele“ über die zelluläre „Mosaikstruktur“ im menschlichen Körper. Kathrin Zinkant berichtet von der bisherigen Lehrbuchauffassung, „dass alle Zellen eines Menschen das gleiche Set von erblichen Informationen besitzen“. Doch nun liegen immer mehr Belege dafür vor, „dass jeder Mensch über mehrere erbliche Identitäten verfügt“. Sie seien Ergebnisse einer Evolution innerhalb des Körpers, die „durch zahlreiche Mutationen und Teilungsfehler“, getrieben werden. Wieder aus meinem Notizbuch: „Claudia Bosse trägt ein weißes Kleidchen, rührt in einer Schüssel, setzt sich an ihr Tischchen und Brille auf, öffnet ihren Laptop.“ Vismann trägt übrigens ein rosa Shirt mit Kragen und eine helle Hose.

 

Fleisch der Welt

 

„Kleine Panne mit den weißen Korpuskeln“, scherzt Buck Mulligan auf Seite 7 meiner kommentierten Ulysses-Ausgabe aus dem Jahr 2004, die eigentlich die 1. Seite des Buchs ist, was, bezogen auf Bosses Performance, zwei schöne Assoziationen erlaubt. Erstens das Rosa als kleine Panne im Baldachin-Bett-Kleid-Weiß, das beim Abendläuten zweier Kirchen in der Nähe des Schauplatzes, ohne weiteres an ein Oblatenweiß erinnert, und Mulligan spielt mit seinen „Korpuskeln“ auf Hostien an oder genauer auf die Transsubstantiation in der katholischen Heiligen Messe an (die Verwandlung von Brot in den Leib und Wein in das Blut Christi), was hier mit Freude als Transformation von Performance in Realität und von Rot in Rosé erlebt werden konnte. Und zweitens, im Identischsein der Seiten 1 und 7 der kommentierten Ulysses-Ausgabe das Identischsein des ersten (Bosse) und des einen (Joyce) Tages, wonach die 168 Stunden der Performance auch als ein einziger Tag verstanden werden könnten, in dem jede Stunde sieben Stunden lang währt.

 

Weiter mit der Performance: Claudia Bosse macht sich einen Kaffee mit einem italienischen Espressokocher, Bettina Vismann kocht Wasser und gießt sich einen Tee auf. Bosse liest in zwei dünnen Büchern (die ich entfernungsbedingt nicht erkenne), Vismann in einem: der Merveausgabe von Karen Barads Verschränkungen, wie ich auf die Distanz hin annehme. Was mich ein wenig mitnimmt, ist, daß Bosse nicht raucht. Wofür ich Vismann dankbar bin, ist, daß sie ihre Zigaretten selbst rollt. Unter den Wolken sehe ich (Notizbuch, hier etwas ausgeschmückt): „1 Flugzeug fliegt über bewohntes Gebiet auf den Flughafen Schwechat zu, 1 Vogel fliegt 1 Schleife.“ Also, um bei den Objekten zu bleiben: 1 Barad, 1 Flugzeug, 1 Vogel. Auf Seite 111 (die Hälfte von 222, s.o.) ihrer Verschränkungen schreibt Barad: „Rekonfigurierungen löschen keine Markierungen auf Körpern – die sedimentierenden Effekte ebendieser Umgestaltungen – Er-inner-ungen/Zusammenfügungen – sind eingeschrieben ins Fleisch der Welt. (...) Was wäre, wenn wir anerkennen, dass Differenzieren bzw. Unterscheiden eine materielle Handlung ist, bei der es nicht um radikale Trennung geht, sondern stattdessen darum, Verbindungen und Verpflichtungen einzugehen?“ Das ist der Schluß von Barads in Form eines Theaterstücks geschriebenem Essay mit dem Titel „Quantenverschränkungen und hantologische Erbschaftsbeziehungen: Dis/Kontinuitäten, RaumZeit-Einfaltungen und kommende Gerechtigkeit“.

 

Reparaturen

 

Neben mir unterhalten sich zwei Männer. Einer sagt, daß er kein Mobiltelefon besitzt. Der andere macht, offenbar unter dem Eindruck des Kirchenglockenläutens, diesen Witz: „Der Herrgott hat zwei Fehler gemacht, die Saurier und die Menschen. Einen davon hat er schon ausgebessert.“ Claudia Bosse schaut in der Gegend herum und tippt in ihren Computer. Auch Vismann öffnet ihr Powerbook. Das Lokal auf der Mollardgasse gegenüber der Baulücke heißt „Frau Mayer“. Die Seite 111 bei Barad beginnt mitten im Satz (wie Finnegans Wake). In diesem Satz erklärt die Autorin, daß weder eine gegebene Vergangenheit verändert noch „die Effekte vergangener Handlungen völlig repariert werden“ könnten, sondern vielmehr ist die ,Vergangenheit‘ immer schon offen für Veränderungen“. Stephen Dedalus erinnert sich in Ulysses an den Tod seiner Mutter, Erinnerungen, „abgelegt im Gedächtnis der Natur mitsamt ihrem Spielzeug“, was im Referenzapparat der kommentierten Ausgabe als „Anspielung auf das theosophische Konzept eines universalen Gedächtnisses“ gelesen wird, „in dem alle Momente und Gedanken aufbewahrt werden“. Dieses – mittlerweile reparierte – Konzept beruht auf dem Werk The Growth of the Soul des englischen Theosophen Alfred Percy Sinnett (1840–1921). Indes sagt Buck Mulligan: „Ich behalte nur Ideen und Erinnerungen.“ Das wiederum sei zu verbinden mit dem „mechanistischen Konzept der menschlichen Wahrnehmung und Psyche“ nach David Hartley (1705–1757).

 

Ich verlasse die Performance am Bloomsday um 19.09 Uhr. Und diese Aufzeichnungen heute, tags darauf, um 18.18 Uhr. Um 21.00 eines jeden Tages beginnen die beiden Künstlerinnen, ihre geschriebenen Protokolle an eine Hauswand zu projizieren. Die Begegnung mit dem Gespenst des körperlich abwesenden Franz Erhard Walther steht mir noch bevor.

 

II.

Dienstag, 19. Juni 2018. Die Hitze, die Baulücke, Claudia Bosse mit Sonnenschirm im Designersessel, Bettina Vismann mit Sonnenbrille im Designersessel. 16.51 Uhr, ich stehe im Schatten. 16.56 Uhr, ich sitze im Schatten. 17.01 Uhr, ich stehe wieder auf, weil Bosse und Vismann aufgestanden sind und einen Ballen aus zusammengelegtem karierten Stoff geholt haben. Es wäre schön gewesen, Franz Erhard Walther leibhaftig zu sehen. Er wäre vielleicht beeindruckt gewesen von der halbstündigen Werkdemonstration einer seiner Arbeiten, die er 2014 in einer Ausstellung bei Wiels in Brüssel gezeigt hatte. Vergangenen Mai gab Walther dem Monopol Magazin ein Interview. „Beuys hat zu mir gesagt: ,Der Walther sattelt jetzt auf Schneider um.‘ Heute kann man drüber lachen. Aber dieses bespöttelt werden ... alle haben Witze gemacht. (…) Er konnte es offensichtlich nicht ertragen, dass da ein junger Kerl ist, der für seine Sache einsteht. Mein Werkkonzept hat ja eine Logik! (…) Stücke an sich haben keine Bedeutung. Für mich war es so, dass erst in der Handlung, erst in der Person der Handlung Bedeutung entsteht.“ [2]

 

Relikt des Abbruchhauses Wien Mariahilf, Mollardgasse 14: Bruchstück eines Ziegels mit Doppeladler. Ein materielles Gespenst in Relation zu Bosse und Vismann bei ihrer Walther-Werkdemonstration am 19. Juni 2018.                                                                        Foto: Helmut Ploebst

 

Bosse und Vismann falten eine Stoffbahn auf, an deren beide Enden je ein Sack genäht ist, den sie so über ihre Körper stülpen, daß diese beinahe zur Gänze verhüllt sind und ihre Füße auf der sie verbindenden Stoffbahn zwischen den Säcken stehen. Können Sie sich das vorstellen? Ja? Dann kann ich hier auf ein illustrierendes Foto verzichten. Ich habe gerne Fotos von Bosses und Vismanns Demonstration gemacht. Denn das war definitiv eine materielle Handlung des Differenzierens. Sie hat meine Erinnerung an die Performance verändert. Ich schreibe dies am Freitag, 22. Juni, bis 11.33 Uhr

 

III.

und setze erst am Sonntag, dem 24. Juni, um 16.16 Uhr fort – das aber in vorsätzlicher Würdigung des Bloomsday, der nun acht Tage zurückliegt; das Ende der 168 stunden Leben auf der Brache in der Mollardgasse ist erst seit gestern Geschichte. Zum festlichen Gedenken an dieses Ende schlage ich in hantologischem Untermut den Ulysses auf, diesmal die Vintage Books-Ausgabe vom Juni 1990 zu deren 28. Geburtstag und selbstverständlich auf Seite 168. Leopold Bloom befindet sich auf seiner Expedition durch Dublin, hat ein Begräbnis und eine Visite in der Setzerei einer Zeitung hinter sich, kommt an der Grafton Street vorbei, gelangt zur Duke Street: „Here we are. Must eat. The Burton. Feel better then.“ Doch schon auf der nächsten Seite wird er feststellen: „Couldn’t eat a morsel here.“ Ulysses ist ein urbanistisches Experiment in Bewegung, Bosses 168 stunden eine In-Situ-Bewegung auf der Stelle. Anders als die Prozession Ideal Paradise vor zwei Jahren, ebenfalls im Juni. Ausgangspunkt war auch damals das Abbruchhaus-Grundstück in der Mollardgasse 14. Wie gerade vor fünf Tagen auch an jenem Tag, dem 23. Juni 2016: Hitze, Sonnenbrandgefahr. Damals der Aufbruch, dieses Jahr ein Bleiben, ein Beharren, ein bebendes In-Sich-Aus-Sich.

 

Am 16. Juni 2018, vor acht Tagen, gab es in Österreich zwei Bloomsdaybeben. Eines elf Kilometer unter dem Sölkpaß, ein weiteres acht Kilometer unter Ferlach. Seitdem, entnehme ich der Erdbebenliste, war die Kruste vor allem unter Tirol schön lebendig, mit Magnituden bis zu 2,8 am 17. Juni, 15 Kilometer unter Hall. Ein Blick auf das aktuelle Live-Seismogramm der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik ähnelt dem Normalverlauf am Bloomsday: „Bodenunruhe, welche durch Tiefdruckgebiete über den Ozeanen ausgelöst wird.“ Ähnliche permanente Bodenunruhen finden sich auch in den Gesellschaften, und ich stelle mir vor, wie eine seismische Skala aussehen könnte, die diese Krustenbewegungen anzeigt. Stets bebt die Stelle. Anders als Leopold Bloom bei Davy Byne’s esse ich ein Schinkensandwich. Um dann zu einer anderen Seite 168 zu wechseln, nämlich jener des 1923 – dem Jahr nach der Ulysses-Erstausgabe – anonym in Berlin erschienenen Buchs Der Königsroman. Da klopft der Wiener Ich-Erzähler „an die Pforte des Narrenhauses. Der Oberwärter“, erfahren wir, „sperrte sie auf und nickte“. Der Erzähler schreibt von sich als „Königsnarr“, der hier einkehrt wie Bloom bei The Burton, dem Restaurant, in dem es zugeht wie in einer Anstalt für kulinarische Kretins (ein problematischer Begriff – von altfrz. crestien: Christ –, der Narr ersucht um agentielle Mazeration desselben, etwa durch etymologisch-diskursive Praktiken).

 

Wir lassen uns nicht verbrennen

 

Heute nachmittag war ich wieder im Zug unterwegs und hatte faszinierende und komplizierte Erfahrungen mit der Lektüre eines Artikels über neue archäologische Erkenntnisse zur Höhlenmalerei. Und ein Einsehen bei Marie Schmidts Besprechung des Buchs Unruhig bleiben (Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene, 2016) von Donna Haraway, das gerade in der Übersetzung von Karin Harrasser bei Campus erschienen ist: ein Buch als Seismogramm. Möglicherweise. Das bringt den Schluß des vorliegenden Textes in die Nähe von Karen Barad, die auf Seite 168 im Merve-Band Verschränkungen auf Haraways „beharrliches Infragestellen der Mensch/Nichtmensch-Grenze“ hinweist, was mich wiederum unruhig zu Franz Erhard Walthers Relation zwischen Objekt und Handlung springen läßt und damit die Frage aufweckt, wie sich’s mit der Grenze zwischen diesen beiden verhält. Ich sehe Claudia Bosse mit ihrem Sonnenschirm, ich sehe Bettina Vismann mit ihren Sonnenbrillen. Als Relation zwischen diesen beiden Subjekt-Objekt-Systemen identifiziere ich die Sonne, die uns allen einheizt, ohne von wem auch immer Notiz zu nehmen.

 

Die Sonne also spielt hier mit ultravioletter Schärfe eine baradsche „Relation ohne Relata“, die im Objekt ihr Echo und im Aufspannen respektive Aufsetzen, diesen Handlungen, ihre Performanz findet. Im Halten (des Schirms) und Tragen (der Sonnenbrille) stockt die Handlung zur Haltung und Trägerin der Relation, wie sie durch Bosse und Vismann verkörpert wird: Wir lassen uns nicht verbrennen oder blenden. Auch die Eisenbahn, sage ich zu mir,  ist eine Relation, die keine Relata benötigt – wie Blooms Derive durch Dublin, diese emanative urbane Relation, die erst richtig plastisch macht, wie Verbindungen vorstellbar sind: ähnlich der Verselbständigung toter Materie in ihrer Eigenformulierung als lebendige Körper-Mosaike. Diese Materie kann daher sagen: „Draußen, im ,Freien‘, herrscht schönes Wetter. Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein, ansteigende Temperatur. Genauso, wie ich es hasse.“

Fußnoten:

  1. ^ https://www.nytimes.com/2018/06/12/magazine/the-strange-case-of-the-missing-joyce-scholar.html (zuletzt eingesehen 17.6.2018).
  2. ^ https://www.monopol-magazin.de/franz-erhard-walther-interview-mexiko (zuletzt eingesehen 22.6.2018).

 

 

(25. 6. 2018)