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EINE KOOPERATION ZWISCHEN DEM MÜNCHENER HAUS DER KUNST UND DEM FESTIVAL DANCE2006
Von Helmut Ploebst
Die Rekonstruktion, das Re-Enactment oder hier: „Re-Doing" von Allan Kaprows richtungsweisendem Werk „18 Happenings in 6 Parts" durch den in New York lebenden Tanztheoretiker André Lepecki in Zusammenarbeit mit der Kuratorin Stephanie Rosenthal am Münchener Haus der Kunst stellte einen echten Höhepunkt des Festivals Dance2006 dar.
Die 1959 in der von Kaprow mitgegründeten New Yorker Reuben Gallery ur-
und zugleich letztaufgeführte Arbeit war nicht nur die terminologische
Geburtsstation des „Happening", sondern ein wichtiger Schritt in
Richtung Neuorientierung einiger alter Kunstgenres. Sie ist ein
räumliches, bildnerisches, choreografisches und akustisches Konstrukt,
in dem das Publikum mit „organisiert" wird und nach Plan Platzwechsel
vollziehen muß. Damit ist dieses Happening aber auch Vorläufer des
heute in verschiedenen Formen etablierten künstlerischen oder
kuratorischen Performance-Parcours, in dem die Besucher innerhalb einer
Architektur von Aufführungsort zu Aufführungsort wandern. Zu den
beeindruckendsten Parcours der vergangenen zehn Jahre gehörten auf der künstlerischen Seite Meg Stuarts Aufführungen des Projekts „Highway 101" und auf
der kuratorischen Hortensia Völckers' „Wahlverwandtschaften" im Rahmen der
Wiener Festwochen 1999.
Ausweitung der Ge-Stelle
Wenn es heißt, Kaprows Aktionen seien
„noch kein Theater oder aber keines mehr", dann bezeichnet dies genau
die sich ständig erweiternde Leerstelle des „Theaters", innerhalb derer
Choreografie und Performance eine neue Form definieren. Aus der Dynamik
von Kaprows Setzung und ihren Folgen erweitern sich die seit bald einem
Jahrhundert immer mobileren „Ge-Stelle" der Gattungen. In dieser
allmählichen Expansion wird der Choreografie und dem Tanz deutlich ein
bildnerisches Element zugewiesen, und innerhalb der bildenden Kunst
werden choreografische Strukturen freigelegt (die architektonischen,
musikalischen und performativen kennen wir ja schon). Die Ausweitung
der Ge-Stelle - im Heideggerschen Sinn als Dispositive des
Technologischen - nützt den Gattungen, weil es sie öffnet und
differenziert, und weil es sie im Sinn von Félix Guattaris
Metamodellisierung bereichert und komplexer macht. Was wiederum unter
der die demokratischen Kulturpolitiken beeinflussenden Herrschaft einer
ökonomischen Effizienzlogik ein Politikum darstellt.
Die
Aktivierung der Live-Kunst-Archivalie „18 Happenings in 6 parts“ war
Teil eines komplexeren Arrangements im Münchener Haus der Kunst, wo
noch bis zum 21. Januar 2007 die Ausstellung „Allan Kaprow. Kunst ist
Leben" zu sehen ist. Eine Brücke zwischen der Ausstellung und dem
historischen Happening schlug für einige Tage der Berliner Choreograf
Thomas Lehmen mit seiner Aktion „Lehmen macht - Kommentar zu Allan
Kaprow". Gemeinsam mit seiner 85-jährigen Mutter, seiner Schwester und
einer Assistentin lud Lehmen Leute in einen Raum ein, der auch die
Installation für Kaprows Werk enthielt.
Dieser Raum war nur nach
Durchquerung einer Halle zu erreichen, in dem die Environments von
„Activities" (wie Kaprow seine vormals als „Happenings" bezeichneten
Arbeiten ab 1968 genannt wissen wollte) zu sehen sind, die Kaprow noch
vor seinem Tod an Münchener Künstler „weitergegeben" hat. Die Idee der
Überantwortung findet sich auch bei Lehmen: Jede Besucherin und jeder
Besucher seines Environments aus einem
Wohnzimmer-Küche-Werkstatt-Schule- und Lager-Komplex darf etwas zeigen
und damit weitergeben, das ihres oder seines Erachtens nach von anderen
Menschen gelernt werden sollte. Diese Beiträge werden dokumentiert und
zu einer Sammlung vereinigt. Lehmen nutzt so einen ins Soziale und
Dokumentarische erweiterten Begriff von Choreografie. Es gibt keine
Darsteller, die etwas vorspielen, sondern vielmehr Handlungen aller
Beteiligten, in denen auf das Wissen des Publikums zugegriffen wird.
Ein Modell als Coup
Rothenbergs
schöne kuratorische Idee der Verschränkung von drei verschiedenen
Strategien der Verlebendigung des Archivs ist aufgegangen. Die Ausstellung mit
ihren Vitrinen, Arbeitstischen, Filmprojektionen, Videos und zwei
Räumen, die auf performative Realisierungen hinweisen, animieren die
Anschauungs- und Vorstellungskapazitäten der Besucher. Sie schafft auch
einen wichtigen dokumentarischen „Umraum" für das sogenannte „Re-Doing"
von Kaprows Happening und macht eine Archivalie im Kontext der
Gegenwart wieder erlebbar. Und Lehmens Kommentar zu Kaprow weist über
seine Eigenwertigkeit hinaus auf die Weiterungen der Werke des im April
2006 verstorbenen Amerikaners hin.
In seiner Rekonstruktion ist
André Lepecki, dem führenden Gegenwarts-Tanztheoretiker der USA, ein
beeindruckendes Statement gelungen. Er setzte „18 Happenings in 6
Parts" aus den verschiedensten Text-, Bild- und
Tonaufzeichnungsmaterialien, die von der Aufführungsserie am 4. und
dann vom 6. bis zum 10. Oktober 1959 erhalten sind, zusammen, ließ mit
Noémie Solomon das Bewegungsmaterial neu entstehen und übersetzte mit
Shawn Greenlee das Tonmaterial, das erst im Lauf der Recherchen für
dieses Projekt wieder auftauchte, in lebendige Akustik. Die aus drei
Kabinetten bestehende Rauminstallation wurde von Christin Vahl bis auf
den Bohlenboden der Reubengalerie hin möglichst detailgetreu nachgebaut.
Der
Entschluß, eine sehr nüchterne rekonstruktive Strategie zu wählen, ist
in Zeiten des „Re-Enactment“ ein bemerkenswerter Coup: Anstatt selbst als
Remake-Agent eine Aneignung Kaprows zu demonstrieren, nimmt sich André
Lepecki zurück und eröffnet so innerhalb des laufenden Diskurses eine
Möglichkeit, sich noch einmal mit dem Begriff der Werktreue
auseinanderzusetzen. Denn sein „Re-Doing" ist nicht der Spekulation mit
einer - unmöglichen - historisierenden „Objektivität" verpflichtet. Es
stellt vielmehr ein Modell her, in dem das Erleben eines Happenings wie
jenes aus dem Jahr 1959 möglich wird.
Selbstunterbrechung des Museums
Die Ausstellung zeigt
unter anderem zwei Ankündigungsbriefe der Reuben Gallery, in denen
deutlich wird, daß der Titel des „Events" bis kurz vor seiner
Veröffentlichung nicht feststand. Die „Eighteen Happenings" hätten auch
„Small Arcade" heißen können. Zitiert wird Kaprow wie folgt: „In this
different art, the artist takes off from life. Think of a buying spree
[Einkaufstour, Anm.d.A.] at Macy's; how to grow geraniums in New York.
Do not look for paintings, sculpture, the dance, or music. The artist
disclaims any intention to provide them. He does believe that he
provides some engaging situations..." Diese ironische Einladung zu
einer verschobenen Rezeptionshaltung wirkt heute im „Re-Doing"
innerhalb eines Museums ebenso irritierend wie sie damals im Loft der
Galerie gewesen sein muß.
Vor allem in Zeiten, in denen der
betriebsökonomische Aufwand vieler Bauschalen zur Bewahrung von
bildender Kunst sich zunehmend gegen ihre Inhalte wendet und daher
alles für eine Öffnung dieser Strukturen spricht. Das Museum versucht
also, seine schwere, statische Performance zu durchbrechen und seinen
Raumüberfluß zu teilen. Das wird bei „18 Happenings in 6 Parts"
deutlich erfahrbar. Das Haus der Kunst unterbricht sich selbst in der
Teilung dieses Projekts mit einer ephemereren Institution wie einem
Tanzfestival.
Der Unterbrechung kommt übrigens in der
Zeitstruktur von Kaprows Happening eine nicht zu unterschätzende
Bedeutung zu. Die Pausen machen, zusammen genommen, die Hälfte der
Aufführung aus. Die Besucher haben mehr als genug Zeit, einander
wahrzunehmen, in drei je zweiminütigen Unterbrechungen, in denen sie
aufgefordert sind, sitzen zu bleiben, und in zwei 15-minütigen, während
derer sie sich frei bewegen können. Man befindet sich in einem
gemeinsamen „Gehäuse", das aus drei Zimmern besteht: in einer
Gemeinschaft aus einander Unbekannten, die sich in Erwartung von
Darbietungen selbst voreinander ausstellen und dieselbe Wertigkeit
haben wie die Darsteller. Zwischen Performern und Publikum bleibt
allerdings Distanz. Die Rezeption erfolgt also aus der
Schwellenposition des Zuschauers zwischen Akteur und Konsument.
Das Tap-Tap eines Balls
Die
transparenten Wände der drei Räume verstärken diese Schwellenhaftigkeit
noch über das Mittel der Ablenkung. Immer wieder wird die
Aufmerksamkeit durch bruchstückhaft wahrnehmbare Aktionen in den
Nachbarräumen von dem Geschehen im eigenen Kabinett weggeleitet. Die 18
kurzen Geschehnisse scheinen im Grunde nur dafür dazusein, die
Performance der Unterbrechung, der Schwellenhaftigkeit und der
Ablenkung zu strukturieren. Es sind wunderbar lakonische kleine
Darbietungen. Die Darsteller geben Tänzer, Schauspieler, Aktionsmaler,
Bühnentechniker in kleinen Umbauten und Musiker (sie formen eine Band),
Pantomimen, Spieler (eines Würfelspiels) und Deklamateure. Jede
einzelne Handlung ist genau choreografiert.
Blaue, rote und
gelbe Glühbirnen verweisen auf die Grundfarben, die Aktionsmalerei
erfolgt auf der Vorder- und Rückseite einer Leinwand in komplementärem Rot und Grün,
eine der stakkatohaften Diashows zeigt nackte Leiber in
barockisierender Manier. Kaprows Vorschlag, weder Gemälde noch
Skulpturen noch Tanz oder Musik zu suchen, deutet auf die
Requisitenhaftigkeit der Objekte hin. Ebenso die Lichterketten, die
Spiegel, die Platte mit aufgeklebten Äpfeln und Birnen aus Wachs, der
trashige „sandwich man", die zwei roten und zwei grünen Papierrollen
als Träger von am Ende abgelesener Lautpoesie. Die „elektronische" und
„akustische", konservierte und live gespielte Musik, das Tap-Tap eines
Balls, die Stimmen, die Stille schaffen eine Verbindung zu Cage, dessen
Student Kaprow war, bevor er seine „18 Happenings" aufführte.
André
Lepeckis Aktivierung dieses performativen „Klassikers" der postmodernen
Kunst hebt denselben aus den Sedimenten der Überschreibung durch das
Anekdotische, ohne ihn mit historischem Charisma zu romantisieren. Das
Münchener Format macht klar, daß dieser Akt der „Ausgrabung" die
Anekdote zum wiederholten Mal herausfordert, und daß genau dieses
Wiederholte die einzige Wiederholung im wieder Holen von performativer
Kunst aus der Historisierung bedeutet. Die „18 Happenings" zeigen
heute, daß von der Norm abweichende Kunstrezeption auch nach 47 Jahren
immer noch die Ausnahme bildet. Daher bildet ihre Aktivierung ein Stück
Gegenwart.
(13.11.2006)
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