Stellt euch vor

ANMERKUNGEN ZU EINIGEM #5

Von Esther Veils

Liebe Kinder, heute mag ich von einer ganz komischen Sache mit euch sprechen. Es handelt sich um etwas, das euch betrifft, aber uns Große etwas angeht. Das werdet ihr noch öfter erleben. Wir sind nämlich, wie ihr inzwischen sicher herausgefunden habt, älter als ihr, und deshalb haben wir schon mehr Erfahrungen gesammelt. Daraus leiten wir das Recht ab, über euch zu bestimmen.

 

Bis zu einem gewissen Ausmaß ist das auch vernünftig und vertretbar. Unsere Aufgabe soll ja sein, euch auf dem Weg durchs Leben zu begleiten, Möglichkeiten zu zeigen und auf Gefahren aufmerksam zu machen. Wenn aber unsere Erfahrungen unser eigenes Urteilsvermögen beeinträchtigt haben, anstatt es zu schärfen, wenn unsere Einschätzung der Lage durch Meinungen beeinflusst wird, die sich auf schiefen oder gar falschen Fakten gründen, dann wird die Anleitung, die wir euch geben sollen, in die Irre leiten.


Dies zur Einleitung. Vielleicht ahnt ihr jetzt schon, worauf ich hinauswill. Wovon ich spreche, ist eure Zukunft. Eine Sache, die ihr nie erleben werdet, wie auch wir sie nie erlebt haben, weil sie im Grunde nicht existiert – und die wir dennoch jetzt bestimmen. Wir könnten uns darauf einigen, dass wir eure spätere Gegenwart verändern, ok? Ich sage ja, es ist komisch.


Weil die nicht vorhandene Zukunft so unermesslich groß ist, will ich mich auf einen kleinen Teil davon beschränken, der vielleicht auch als Beispiel für andere Teile dienen mag. Dieser Teil ist wie eine Boje auf hoher See, die immer wieder auftaucht und ebenso schnell dem Blick entzogen wird, wenn sie von der gischtenden Krone ins Wellental der öffentlichen Aufmerksamkeit gerät, da gerade eine andere Woge hochschlägt. Diese Schwingung unterliegt gewissen Bedingungen, das Auftauchen der Boje ist also vorhersagbar. Dennoch tun alle so, als wären sie überrascht, wenn es geschieht.

 

‚Aus den Augen, aus dem Sinn‘, sagt ein altes Sprichwort, und dieses Prinzip wird von Leuten, denen wir aus diesen oder jenen Gründen die Bestimmung unserer Geschicke in der Welt – wie etwa die politische Führung unseres Landes – anvertraut haben, gerne und häufig erfolgreich ausgenützt. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn ein Thema, das eigentlich beständig besprochen, überdacht und erneut besprochen werden müsste, nach Möglichkeit beschwiegen wird, weil gerade etwas Wichtigeres (Übersetzung: Medienwirksameres, politisch Brisanteres) geschieht und daher in den Fokus rückt.


Ahnt ihr es schon? Ich glaube nicht, also will ich jetzt damit herausrücken. Eines der Ereignisse, die mein heutiges Anliegen auf den Wellenberg der öffentlichen Wahrnehmung heben, heißt Pisa-Studie. Diese Untersuchung bewertet, grob gesagt, die Qualität unserer Schulen im internationalen Vergleich – in diesem Fall allerdings mit einer bestimmten Absicht, nämlich der, die zukünftige wirtschaftliche Verwertbarkeit des Schülermaterials festzustellen. Man mag über derlei Studien sagen, was man will, Tatsache ist, dass es sie gibt. Und Tatsache ist auch, dass unser kleines, von europäischer Geschichte schwer belastetes Land Österreich dabei regelmäßig schlecht abschneidet, und dass dann wieder ein großes Wehklappern anhebt über die notwendige Bildungsreform.


So, da haben wir’s! Es geht um eure Bildung. Deren Auswirkungen werden sich nämlich erst in der sogenannten Zukunft zeigen. Und für die sind zwar wir Großen verantwortlich, doch wird das, was wir jetzt anstellen, für viele von uns keine Auswirkungen mehr haben, so dass sich wohl mancher denkt: „Ist mir wurscht!“ Ein bisschen ist das wie mit der Umwelt. Ein bisschen genauso, denn, um es auf den Punkt zu bringen: Ihr seid Umwelt ebenso wie Pflanzen und Tiere, und wir verschmutzen euch auch ebenso gedankenlos …


Aber zur Sache. Im Nachbeben der Studienergebnisse wird häufig der Ruf nach einer Bildungsreform laut, die – so ich mich nicht irre – ohnehin ständig auf dem Programm wenigstens einer politischen Partei steht, so dass sie bei Bedarf schnell ausgegraben werden kann. Was dabei zustandekommt, wenn einmal etwas durchgesetzt wird, ist allerdings eher ärmlich, und zwar aus mehreren Gründen.


Zum Ersten war die letzte Bildungsreform, wie mir scheint, bloß eine administrative Strukturreform, hat also mit Bildung gar nichts zu tun. Vielleicht wurde es ja sogar Schulreform genannt, das käme dem Ergebnis ein wenig näher. Jedenfalls kann man nicht erwarten, dass eine Umgestaltung von Prüfungen oder deren Bewertungskriterien bessere Bildung in euch gedeihen lässt.


Zum Zweiten etwas, das mir immer wieder einen üblen Geschmack verursacht. Es scheint nämlich, dass Bildung mehr und mehr mit Wissen gleichgesetzt wird, das lediglich ein Teil der Bildung ist, und manchmal auch mit (schulischer) Leistung. Selbstverständlich wollen wir, dass ihr etwas lernt, liebe Kinder, denn Wissen kann euch durchaus helfen, in der Welt, die ihr allmählich von uns übernehmen werdet, zu bestehen, vielleicht sogar zu überleben. Doch ich hege Zweifel, ob das Wissen, das heute vermittelt wird, dereinst dem Überleben dienen kann. Das Überleben wird wichtiger werden. Eure Zukunft kann man nicht vorhersagen, die Gegenwart verheißt jedoch nicht nur Gutes. Ich hoffe, dass euch dann Deutsch und Mathematik helfen werden. Zudem denke ich, dass auch praktische Fähigkeiten – beispielsweise ein Bild zu malen, mit Geld umzugehen, nachzudenken oder eine Suppe zu kochen – zur Bildung gehören.


Man kann in der Schule nicht alles lernen, das ist klar. Die Fächer müssen beschränkt werden; ihr arbeitet ohnehin schon manchmal mehr als wir Erwachsenen. Kenntnisse in den sogenannten Hauptfächern sind keineswegs unwichtig. Mir scheint aber der Fluss an Information, den man euch eintrichtern will, immer schmaler zu werden, dafür auch reißender. Mehr und mehr werden Fächer ausgeklammert, die als unnotwendig erachtet werden. Dass inzwischen sogar schon Vertreter der Wirtschaft Bildungsinitiativen fordern, beruhigt mich im Hinblick darauf nicht, da ich davon ausgehe, dass sie unter Bildung Wissen verstehen, mit dem ihr den Wirtschaftstreibenden nützlich seid (siehe Pisa-Studie), und keinesfalls Bildung, die dazu führen könnte, dass ihr nicht so leicht ruhig gehalten werden könnt.


Ohne mündige Bürger kann unsere Gesellschaft keine gute spätere Gegenwart haben. Ohne Bildung kann es keine mündigen Bürger geben. Bildung heißt meiner Meinung nach, euch die Möglichkeit zu geben, zu werden, wie ihr seid – eure Fähigkeiten zu stärken und euch bei euren Schwächen zu helfen, aber nicht, euer Fortkommen in der Welt von einer Note abhängig zu machen. Ihr sollt das werden können, was ihr euch vorstellt, das, was ihr sein möchtet. Euch diesen Weg zu ebnen, erachte ich als einen Dienst an der Bildung.

 

Aber dumm wie ich bin, hoffe ich auch, dass ihr, liebe Kinder, uns öfter widersprecht, eure Stimme erhebt, und dass wir öfter auf euch hören. Zuhören ist auch ein Teil der Bildung, wusstet ihr das? Wir sind jetzt die Verantwortlichen, aber ihr werdet es später sein. Eure Jugend ist kein Grund, euch von den Entscheidungen auszugrenzen, die jetzt getroffen werden. Ich darf mir mich vorstellen, wie ich möchte, also dürft ihr das auch, oder? Versucht bloß nicht, unseren Vorstellungen gerecht zu werden! Eure Bestimmung bestimmt ihr selbst.

 

(28.10.2018)

  • Sommerszene 2019