Editorial

Von CORPUS

Das erste Dutzend ist vergangen, die gesamte Lebensspanne bleibt unbekannt. Glücklicherweise, denn gerade das Unprognostizierbare verspricht einen gewissen Freiraum, und Freiheit – darunter auch der Kunst und der Publizistik – gehört zu den höchsten Gütern überhaupt. Ohne Fest und Pathos startet corpus heute, am 26. Oktober 2018, in sein dreizehntes Jahr. Ein Internetmagazin als digitales Medium, das die Vorteile der Webseitentechnologie nutzt und zugleich annähernd im Sinn eines Printmediums erzeugt wird. Mit diesem planvoll ambivalenten Zugang ist corpus so gut wie allen anderen Medien weit voraus.

 

Dass die digitale Technologie nur im technologischen Sinn „progressiv“ ist, im Sinn aller gesellschaftlichen und politischen Kontexte aber so reaktionär wie Technik das immer schon war [1], hat corpus bereits bei seiner Gründung miteinkalkuliert. Während der Phase an der corpusKonzeption wurde klar, dass sich mit diesem Medium eine andere Dynamik umsetzen sollte als die hysterische Emphase für die elektronische Weltverdorfung am Beginn des Web 2.0 und seinen „sozialen“ Medien. [2]

 

In zwölf Jahren kann sehr viel – meist Unerwartetes – gelernt werden. Zum Beispiel, dass es nicht leicht ist, einen Freiraum zu gestalten, zu erhalten und weiterzuentwickeln, wenn etwa Finanzierungen unter anderem davon abhängen, dass die geplanten Projekte im Vorhinein bei einer Institution „eingereicht“ werden müssen. Oder es bei Wegfall solcher kontrollbasierten Förderungen äußerst schwer und heikel wird, weiterzuarbeiten. Und wie gut es sein kann, Supporterınnen zu gewinnen, die nicht vereinnahmen, kontrollieren oder zensieren wollen. Und die auch keine Gefälligkeitspublizistik verlangen.

 

Trotz oder gerade aufgrund der zahlreichen Eigenarten, die corpus von anderen Medien unterscheiden, zählt unsere Website innerhalb des vergangenen Jahres, also seit dem 26. Oktober 2017, ganze 264.404 Besuche, das sind durchschnittlich immerhin 724,4 pro Tag. Obwohl es auf corpus zum Beispiel nur ganz wenige Bilder gibt, weil wir nicht so gerne illustrieren. Außerdem bleibt corpus frei von Postings, denn wir sehen in unseren Leserınnen kein Klickvieh und degradieren sie auch nicht zu bloßen „Nutzerınnen“. Dem Neoliberalismus in allen seinen konservativen, technologischen oder eben „liberalen“ Ausformungen steht corpus skeptisch gegenüber. Das hat Folgen. Die Website hatte einmal einen Service-Teil. Der ist mittlerweile verabschiedet, weil corpus nicht mit einem der üblichen medialen Dienstleistungsapparate verwechselt werden soll.

 

Noch etwas: Zeit spielt bei corpus eine große Rolle. Da wir uns versuchsweise an so gut wie keine der normativen medialen Spielregeln halten, wird bei uns Zeit gedehnt, verdichtet und gefaltet, auf jeden Fall stets entzerrt. Dahinter stehen Gelegenheiten, Möglichkeiten, Zufälle oder Autopoiesen, Mäander, Aufmerksamkeiten und bewusst eingeschlagene Abwege. Dabei bleibt corpus konsequent ein experimentelles Medium vor allem für Tanz, Choreografie und Performance – aber eben unter der Prämisse von Performance, Philosophie und Politik. Das sind insgesamt sehr schöne historische Begriffe, die sich durch Pflege, Gebrauch, Verschleiß, Vergewisserungen und Neudefinitionen umformen.

 

Diese Umformungen reichen tief in die Texte und Thematisierungen auf corpusweb.net. Wir werfen unser Material in die zur Zeit aufgeregten und daher extrem spannenden Diskursdynamiken. Dabei ergeben sich Konstellationen, die das Offene an unserer Zukunft gestalten, also jene Freiheit, in der corpus navigiert. Heute, zum Start ins neue corpus-Jahr, veröffentlichen wir ein Interview mit der brillanten französisch-österreichischen Choreografin Gisèle Vienne. Danach wird sich unsere Glossistin Esther Veils wieder zu Wort melden, und sehr bald wird gezeigt, welche neuen künstlerischen Weg die österreichische Choreografin Linda Samaraweerová einschlägt. (ploe)

Fußnoten:

  1. ^ Wo war das eindruckvoller dargestellt als in der Kunst, vor allem im vor 109 Jahren mit Filippo Tommaso Marinettis erstem Manifest vom 20. Februar 1909 angeheizten italienischen Futurismus?
  2. ^ Zur Erinnerung: Facebook wurde zwei Jahre davor gegründet, Youtube 2005, Twitter ist sechs Monate älter als Corpus, Instagram vier Jahre jünger.

 

(26.10.2018)