Wenn zwei Welten sich treffen

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"I LIKE TO MOVE IT MOVE IT" VON LINZ09 LIESS DIE SCHÜLER EINER BERUFSSCHULE SICH AUFFÜHREN

Es war ein Experiment für beide Seiten, als die beiden Schauspielerinnen und Theaterpädagoginnen Barbara Carli und Gudrun Maier als Teil des Projektes „I Like to Move It Move It" für sieben Wochen mit zwei Klassen der Berufsschule 8 in Linz an einem Bühnenstück arbeiteten. War ihnen zunächst nur Desinteresse entgegengeschlagen, nahmen die beiden Frauen die Begegnung mit den angehenden Isoliertechnikern und Installateuren hinterher als große Bereicherung wahr - mit einigen Überraschungen auf dem Weg. Ein Gespräch mit Barbara Carli, geführt von Judith Helmer.

corpus: Man stelle sich vor, man bietet einen Kurs an und erst einmal geht keiner hin. Denn zunächst wollten die Linzer Berufsschüler nämlich herzlich wenig wissen von dem Angebot der Kulturhauptstadt, mit Hilfe von zwei Theaterpädagoginnen selber zu Spielern zu werden. Wie kam das?

Barbara Carli: Zunächst haben wir unser Angebot außerschulisch gemacht. Der Kurs sollte am Nachmittag laufen - doch niemand hat sich angemeldet. Wir haben festgestellt, wie voll die Tage der Berufsschüler zwischen Lehrstelle und Schule bereits ist. Noch mehr Kurse waren da nicht gefragt.

corpus: Wie reagiert man da?

Carli: Mit einer Alternative: „Linz 09: Gegenvorschläge zum Theaterspielen“. Wir haben die ganze Schule eingeladen, uns per SMS auf ein eigens eingerichtetes Handy mitzuteilen, was man Besseres mit seiner Zeit tun kann als Theater zu spielen. Und da ist den Jugendlichen einiges eingefallen von Sport machen über mit der Freundin schlafen, Moped fahren bis zu P2 spielen. Einer schrieb: „Alles“. Im Grunde bestand da vor dem Projekt wirklich kein Interesse an Theater. Es treffen schon sehr unterschiedliche Welten aufeinander. Umso erstaunlicher war die weitere Entwicklung des Projektes.

corpus: Denn schlussendlich wurde doch Theater gespielt?

Carli: Ja, der Direktor stimmte schließlich zu, das Angebot in die Unterrichtszeit zu verlegen, als Teil des Fachs „Deutsch und Kommunikation". Zwei Klassen mit 12 bzw. 18 Schülern arbeiteten jeweils einmal wöchentlich zwei oder drei Schulstunden lang über einen Zeitraum von sieben Wochen mit uns an Szenen und Collagen, die wir schließlich auch im Schulspeisesaal vor allen Schülern aufgeführt haben. Die Jugendlichen waren im ersten und zweiten Berufsschuljahr, also zwischen 16 und 18 Jahren alt.

corpus: Also im Grunde kein freiwilliges Extraprogramm, sondern ein Teil des Stundenplans.

Carli: Ja, letztendlich lief es so integriert in den Schulvormittag. Hinterher gab es sogar eine Benotung - sie waren so super, dass alle einen Einser bekamen. Sie haben aber auch wirklich außerordentlich mutig mitgearbeitet.

corpus: Ihr habt ein Thema vorgegeben ein Stück entwickelt, oder wie hat man sich das vorzustellen?

Carli: Nachdem wir ja innerhalb von „Deutsch und Kommunikation“ auf dem Unterrichtsplan standen, haben Gudrun Maier und ich uns zunächst das Lehrbuch angeschaut. Darin fanden wir lustige Texte und Bausteine: Listen, worauf man beim Bewerbungsgespräch zu achten hat, oder wie man korrekt ein Telefongespräch führt. Das war der erste Teil. Außerdem haben wir das Expertenwissen der Schüler integriert. Sie haben schon viele Erfahrungen in mehreren Schnupperjobs gesammelt und sind Teil der Berufswelt. Das zu reflektieren war uns allen wichtig. Den dritten Teil bildete die Freizeitwelt der Jugendlichen. Dazu haben wir die SMS-Gegenvorschläge zum Theaterspielen herangezogen.

corpus: Gudrun Maier und Du, Ihr habt schon viel Erfahrung in der Theaterarbeit mit Jugendlichen. Trotzdem war das Projekt auch für Euch Neuland, richtig?

Carli: In dem Sinn ja, dass wir zuvor immer im außerschulischen Bereich gearbeitet haben, mit von vorne herein hoch motivierten Jugendlichen, die aus eigenem Antrieb Theater spielen wollten. Die Stückentwicklung kennen wir daher schon sehr gut, denn gute Jugendtheatertexte gibt es leider nur sehr spärlich. Wir machen immer gute Erfahrungen, wenn wir mit den jungen Spielerinnen und Spielern eigene Texte zu klar definierten Themen erarbeiten, wie etwa „Frauen und Fußball“, „Nachsitzen in der Schule“, „Speeddating“ oder wir nehmen ein Jugendbuch wie Tamara Bachs "Busfahrt mit Kuhn" oder einen Klassiker wie Shakespeares „Verlorene Liebesmüh“ und lassen diese Vorlagen von den Gruppen auf ihre eigene, spezielle Art erzählen bzw. spielen.

Aber wie gesagt, die Voraussetzung ist eine andere. Für die Jugendlichen, mit denen wir für gewöhnlich diese Aufführungen erarbeiten ist Theater eine freiwillige Aktivität neben Reiten, Ballett und Instrumentalunterricht. In der Linzer Berufsschule sind wir zwei Frauen auch in eine echte Männerwelt eingebrochen, in der unser Tun zunächst mit großer Skepsis verfolgt wurde. In den zwei Klassen waren insgesamt 29 Burschen und ein Mädchen.

corpus: Also Theater nicht als anerkannte Freizeitaktivität für höhere Töchter. Wie habt ihr einen Zugang gefunden?

Carli: Es war eine spannende Erfahrung für uns. Die Jugendlichen waren zwar dem Projekt gegenüber zunächst skeptisch, sind aber sehr gut auf die Übungen eingestiegen. Dann merkt man sehr schnell, was für ein Potential sich plötzlich entfaltet. Da trifft ja etwas auf Leute, die das vorher noch nicht erlebt haben. Entsprechend unmittelbar eröffnen sich da wahre Schätze. Die Berufsschüler haben uns sehr lebendig ihre Welt geöffnet. Sie haben Material eingebracht, mit dem wir früher nicht zu tun bekommen haben. Das ist ein sehr ambivalenter Punkt, denn es gibt ja kein nachhaltiges Weiterführen dieses 7-Wochen-Projektes. Wir haben Talente gefunden, die körperlich spannende Angebote machen können und dazu höchst kreativ im Kopf sind - aber die werden so etwas mit ziemlicher Sicherheit nie wieder machen.

corpus: Kannst du ein bisschen berichten aus dieser Erfahrungswelt der Jugendlichen?

Carli: Man spürt permanent einen großen Druck. Diese starken Jungs (und natürlich auch das Mädchen) wissen zu spuren, da gibt es kein provokantes Anecken oder Ausscheren. Sie sehen ja sehr genau, was da draußen auf dem Arbeitsmarkt derzeit passiert, und sie wissen, dass sie mit der Lehrstelle, die sie haben, schon auf der richtigen Seite sind. Die wollen sie auf keinen Fall verlassen. Hier bedingt ja das eine das andere: Wer es in der Berufsschule nicht schafft, verliert auch die Lehrstelle. Die meisten tun alles dafür, ihre Situation zu halten.

corpus: Und wie wird das Theater in dem Zusammenhang erlebt?

Carli: Nunja, die kreative Arbeit bekommt auch von der Administration her mal ein Mascherl - Ertüchtigung für die Berufswelt. „Deutsch und Kommunikation“ ist ja auch das Fach dafür, die jungen Leute in den normierten Kommunikationsstrukturen zu schulen. Theaterspielen ließe sich da leicht utilitarisieren: Präsentieren wird geübt, auch die Mitteilungshaltung beim Sprechen etc. Wen das so gesehen wird und dadurch die Akzeptanz für das Projekt steigt, soll mir das recht sein. Inhaltlich ist unsere Arbeit wesentlich subversiver.

corpus: Geht es euch bei der Arbeit mit den Jugendlichen mehr um den Prozess oder um das Produkt?

Carli: Uns geht es ganz klar um den künstlerischen Output. Es soll cool sein, was die Schüler letztendlich präsentieren, es soll „fahren". Dabei bedingt natürlich das eine auch das andere: Wenn der Prozess funktioniert hat, ist das Produkt auch herzeigbar. Jugendtheater muss und soll nicht peinlich sein oder nur etwas für die Eltern und Freunde. Als Zuschauerin interessieren mich die Probenbedingungen nicht, sondern die Qualität der Aufführung. Das ist ja ein ganz großer Kick beim Theater - das Herzeigen. Man muss den Jugendlichen im Vorfeld harte Kritik zumuten und durchsetzen, dass Proben eben auch Arbeit ist und nicht nur Vergnügen. Der Knackpunkt ist immer, wenn man in so eine neue Konstellation hineingeht, die Spieler davon zu überzeugen, uns zu vertrauen. Es bringt etwas, was wir verlangen und machen. Indem man dieses Vertrauen einfordert, übernimmt man auch die Verantwortung dafür, nur Herzeigbares auch wirklich zu präsentieren. Alles andere wäre ein Verrat an den Jugendlichen.

Linz 09 hat da ja einen etwas anderen Ansatz. Es ist ihnen wichtig, dass an den Schulen überhaupt etwas in dieser Richtung passiert. Eine Präsentation war nicht verpflichtend, aber aus unserer Sicht gehört die Erfahrung der Aufführung einfach dazu. Und letztendlich war es ein sehr positiver Abschluss für diese Arbeit mit all ihren Startschwierigkeiten und Widerständen. Was wir gezeigt haben, hat auch die Skeptiker überzeugt.

corpus: Und was nehmt Ihr mit aus dem Projekt?

Carli: Eine große Lust und einen offenen Blick, wieder mit BerufsschülerInnen oder jungen HandwerkerInnen zu arbeiten. Meine Überzeugung, dass alle Menschen Theater spielen können, hat sich eindrucksvoll bestätigt.


Barbara Carli und Gudrun Maier sind auch Teil der Gruppe „Rabtaldirndln" und spielen bis zum 31. März 2009 im Grazer Forum Stadtparkt ihre neue Produktion „Soviel ich weiß, kann ich nicht tanzen". Infos: http://forumstadtpark.at

(29.3.2009)