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"Versehen" – Das neue corpusBuch |
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ZEITGENÖSSISCHER TANZ UND TRANSMEDIALITÄT
Es ist ein nächster Schritt. Seit der Gründung von corpus vor fünf und seinem ersten Erscheinen im Web vor vier Jahren hat das corpusKollektiv versucht, den künstlerischen Diskurs im zeitgenössischen Tanz weiterzuentwickeln – als Medium, als Ort für künstlerische Realisierung und Forschung mit und über Kunst. Jetzt ist es soweit: Wir stellen unser erstes Buch vor. „VERSEHEN. Tanz in allen Medien“ ist das Ergebnis von zweieinhalb Jahren Arbeit, die im März 2008 mit einem Laborprojekt im Tanzquartier Wien begonnen hat.
„VERSEHEN“ ist eine Absicht, und „TANZ IN ALLEN MEDIEN“ ist ein Anspruch. Im bisherigen Tanzdiskurs war, wohl aus Versehen, die Aktivität von choreografischen und tänzerischen Strategien in den Kunstfeldern außerhalb des als „Tanz“ kanonisierten Areals unbeachtet geblieben. Uns ist dieses Versehen aufgefallen, und wir haben darüber zu reflektieren begonnen. Dabei hat sich herausgestellt, daß Tanz in allen künstlerischen Medien (wir vermeiden die Bezeichnungen „Disziplin“, „Genre“ oder gar „Gattung“) aufscheint und dort wirksam ist. So wie alle anderen künstlerischen Medien auch im Tanz aufzufinden sind. Da es sich hier aber nicht um Tanz im Film, in der Musik oder in der bildenden Kunst ging, sondern um Film als Choreografie, Literatur als Tanz und so weiter, konnten wir keinen intermedialen, sondern nur einen transmedialen Ansatz nutzen.
Ein radikaler Ansatz, wie wir fanden, denn er wirft das Konzept von klar abgezirkelten Kunst-Terrains mit scharf gezogenen Grenzen, wie sie die Märkte gerne vorgeben, um. Und doch zielt er nicht darauf ab, diese Orientierung stiftenden Areale zu zerstören, oder auch nur zu relativieren, oder etwa Identitäten lächerlich zu machen. Vielmehr dient er dazu, die in allen künstlerischen Medien vorhandenen, von KünstlerInnen vielfach umgesetzten migrativen Aktivitäten zu stärken zugunsten einer Auffassung von Künsten-in-Künsten, der den Diskurs künftig notwendig bestimmen wird.
Kunst in der Gesellschaft
Es ist vielleicht kein Zufall, dass gerade als wir das Buch fertiggestellt hatten, bei Suhrkamp die deutsche Ausgabe von Georges Didi-Hubermans L’image survivante erschienen ist. Ein exzellentes Buch, das ein Kapitel mit dem Titel „Choreographie der Intensitäten: Nymphe, Begehren Streit“ enthält und insgesamt vom Werk Aby Warburgs handelt. Auch in einem der Kapitel von „VERSEHEN“ spielt Warburg eine zentrale Rolle (Werner Rappl: „Übertretungen und Verzweigungen“).
Und ganz sicher ist es kein Zufall, dass gerade jetzt der Diskurs um den Begriff der Transkulturalität an Intensität zunimmt, in dem es um kulturelle Identitäten innerhalb anderer kultureller Identitäten geht. Das corpusKollektiv geht von dem Wissen aus, dass in der zeitgenössischen Kunst die Grundlagen für ein anderes und besseres Gesellschaftsmodell gespeichert sind – nicht exklusiv, aber mit Denkansätzen, die anderswo von selbstreferenzieller Ideologie, von Pragmatik und Utilitarismus unterdrückt werden. Dagegen wendet sich corpus, auch mit diesem Buch. Es ist nicht bloß ein Buch über Kunst geworden, sondern auch ein sehr politisches. Ohne autoritäre Selbsthauptungsinszenierung, das war uns wichtig. „VERSEHEN“ eröffnet daher eine bisher kaum genutzte Möglichkeit zum Diskurs auf mehreren Ebenen, es ist aber, wie seine Heterogenität zeigt, kein „Gesetzbuch“.
Dank an die AutorInnen und die TeilnehmerInnen am Labor, an Sigrid Gareis und das Tanzquartier Wien, an das BMUKK, an das Kulturamt der Stadt Wien MA7, an Tanzplan Deutschland, eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes, an das filmarchiv austria, insbesondere an Thomas Ballhausen, an Barbara Wais / Drahtzieher, an Andreas Backoefer / Verlag epodium, München, an Krassimira Kruschkova und Elke Krasny, David Ender und Werner Rappl. (corpusKollektiv und die HerausgeberInnen)
(17.10.2010)
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