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URAUFFÜHRUNG IN DEN BERLINER SOPHIENSAELEN: "STILLEN" VON LOTTE VAN DEN BERG
Von Pirkko Husemann
Der Festsaal der Berliner Sophiensaele ist kein einfach zu bespielender Ort, da er an sich bereits wie ein Bühnenbild wirkt. Jede hier spielende Inszenierung ist also gewissermaßen „site specific". Gerade das sind jedoch ideale Bedingungen für die junge Niederländerin Lotte van den Berg, die sich mit ihren ortsspezifischen Produktionen bisher vor allem in ihrem Herkunftsland einen Namen gemacht hat.
Van den Berg, Jahrgang 1974, ist Teil des künstlerischen Leitungsteams der belgischen
Theatergruppe Het Toneelhuis Antwerpen. Ebenso wie sie bisher szenische
Ideen in eine geeignete Umgebung setzte, fügt sich ihr kürzlich im
Rahmen der Veranstaltungsreihe Telling Time uraufgeführtes „Stillen"
perfekt in den morbiden Charme des unsanierten Festsaals in
Berlin-Mitte. Von der Zuschauertribüne aus blickt man rechter und
linker Hand auf verdunkelte Fabrikfenster. An der Rückwand verlaufen
Rohrleitungen und Kabel. Unter der abbröckelnden Decke hängen die
Beleuchtungsvorrichtungen. Auf der Bühne stehen mehrere alte Stühle,
einige davon ohne Lehne oder Sitzfläche.
Der Boden unter ihnen ist
vollständig mit gelb-braunen Seifenstücken gepflastert. Dieses Detail
des Bühnenbilds von Dries Verhoeven erinnert an Meg Stuarts „Appetite"
von 1998. Damals war der Tanzboden von der bildenden Künstlerin Ann
Hamilton mit einer Schicht feuchter Kleie ausgelegt worden. Die Bühne
hatte somit ihre eigene Materialität. Im Laufe der Aufführung schrieben
sich die Spuren des Geschehens nicht nur in die darauf tanzenden
Körper, sondern auch in den Boden unter ihren Füßen ein. Körper und
Bühnenraum gehören auch in „Stillen" zusammen. Wie ein Stück Inventar
sitzt während des Einlasses schon eine ältere Frau im Halbdunkel. Sie
hat ihre Schuhe ausgezogen, die Füße darauf abgestellt, womit ein
zentrales Leitmotiv eingeführt ist. Wer Schuhe trägt, ist geschützt und
kann anderen Schaden zufügen, wie etwa der Darsteller, der mit den
scharfen Kanten seiner Absätze in den Seifenboden hackt, so dass
einzelne Stücke herausplatzen. Wer die Schuhe auszieht, wird hingegen
Teil des Raumkörpers.
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| In "Stillen" wird kein Wort gesprochen. (Foto: Thomas Aurin) |
Eine Frau stillt ihren Durst, indem sie einen
Schluck aus dem Wasserglas nimmt, den Rest des Inhalts auf den Boden
schüttet und genüsslich ihre nackten Füße einseift. Als Zuschauer meint
man, ihre Füße spüren und die Seife riechen zu können. Diese
Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die sinnliche Wahrnehmung des
Raum-/Körpers gelingt Van den Berg durch die Reduktion der
theatralischen Mittel und die Authentizität ihrer sechs Darsteller. Sie
bilden drei Paare. Ein junges, vertreten durch die Tänzerin Annalisa
Derossi und den Schaupieler Gerindo Kamid Kartadinata, legt mit der
Zeit die Schuhe und damit die Schutzhülle ab. Ein älteres Paar,
gespielt von dem hochgewachsenen, 71-jährigen Luc Deboyer und der
beleibten Opernsängerin Lucia Meeuwsen, behält die Schuhe aufgrund der
gesammelten Lebenserfahrung lieber an.
Das dritte Paar ist ungleich.
Die sechsjährige Emily Elflein, ein wahres Elflein im rosa Röckchen, ist
noch so unberührt, dass es barfuss herumspringen kann. Der blinde,
weil mit zugeklebten Augen herum irrende Stephan Jurichs ist seiner
Umgebung hingegen schutzlos ausgeliefert.
Er setzt sich erleichtert auf einen Stuhl
Diese sechs Körper geben sich ganz unverstellt. Van den
Berg nimmt sich viel Zeit dafür: „Man steht blickend oder sitzt
atmend." (Frankfurter Rundschau). In der Stille - denn gesprochen wird
in der ganzen Zeit kein einziges Wort - hat jeder der Darsteller einen
Moment für einen eindrucksvollen und im wörtlichen Sinne berührenden
Auftritt. Das „Stillen" ist dabei auch als Stillen von körperlichen
Bedürfnissen, Begehren und Sehnsüchten zu verstehen. Nicht immer
bekommen die Körper, was sie brauchen.
So liegt die alte Frau im
unvorteilhaft geschnittenen Kleid auf dem Boden, blickt ihren über ihr
stehenden Partner an und erlebt einen rein akustischen Orgasmus,
während er einfach davon geht. Der Augenlose wird wie ein Vogelküken
mit vorgekauten Brotkrumen aus dem Munde seines Ernährers gefüttert.
Später sitzt er wie autistisch auf einem Stuhl, jammert und reibt sich
obsessiv die Hand, bis die anderen Stück für Stück stöhnend oder
gellend hinzu kommen und seinem Leid mit einer grotesken Kakophonie ein
Ende bereiten.
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| Eine Berührung zu wenig. (Foto: Thomas Aurin) |
Zum Schluss entspinnt sich ein
Kreislauf der Ausdrucksgebärden Lachen und Weinen. Der alte Mann weint
still vor sich hin, woraufhin ihn der jüngere an der Hand nimmt, was
das Weinen ins Lachen übergehen lässt. Erleichtert setzt sich der Alte
auf einen Stuhl, wo er zunächst einzunicken scheint, dann aber
zusehends in sich zusammen sinkt, bis er schließlich vom Stuhl fällt.
Es hätte wohl noch einmal der Berührung bedurft... Hier bricht die Alte
in gehässiges Lachen aus, welches sich wiederum in Weinen und sogleich
in einen herzzerreißenden Trauergesang verwandelt.
Das kleine Mädchen
kommt mit einem Wassereimer herein, um dem Toten Gesicht, Hände und
Füße zu waschen. Nach der vollendeten Leichenwäsche schaut sie auf. Der
lang anhaltende Blick aus Kinderaugen ins Publikum bleibt das letzte
Wort. Es ist nur schwer vorstellbar, dass ein so emotional aufgeladenes
Thema wie die „Suche nach den Spuren von Glaube, Hoffnung, Trost und
Verlangen“ jenseits von pathetischen Klischees in Szene zu setzen ist. Lotte van den Berg aber gelingt es, mit einer Reihe von
lakonischen Sinnbildern für den Trost durch Berührung.
(3. 11. 2006)
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