Thierry De Meys Telethéatron

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"FROM INSIDE" MACHT DEN TANZENDEN BETRACHTER ZU EINEM CURSOR

Von Luce Yfaire


Die „intelligente“ Maschine besitzt eine Form von Intelligenz, die kein Selbstgefühl braucht. In dem Bilderroboter „From Inside“ des belgischen Filmemachers Thierry De Mey Platz zu nehmen heißt, ein vertrautes Ausland zu betreten. Vertraut ist das Terrain, weil Auge und Sehzentrum ein Projektionsgerät bilden, das nach deren Möglichkeiten die wahrgenommene Umwelt abbildet. Ausland deshalb, weil De Mey in dieser Installation eine virtuelle Umwelt vorführt, einen Cyberspace simuliert, der in den „Meatspace“ (vgl. William Gibson) unserer physischen Realität hineinreicht.

Meatspace 

Die Live Arts positionieren sich vorwiegend im Meatspace und produzieren dort ihre Fiktionen und Vitualitäten. Aufnahmetechnik, Übertragung und technische Projektion unterscheiden, so die landläufige Meinung, das TV vom Theater. Doch auch Fernsehen produziert ein Live-Erlebnis, das vor allem dann auffällig und damit besser erfahrbar wird, wenn es Sendestörungen gibt.

Thierry De Mey führt - auch - vor, was Live-TV sein kann. Es gibt in seiner Installation Basisprogramme, in die sich der Zuschauer einloggen und dann auswählen kann, was aus dem Angebot ihn interessiert. So wird der Einzelne aus dem Publikum aktiv. Er muß zum lebenden Cursor werden, um nicht an den Oberflächen der Menüs kleben zu bleiben. Oder er sieht dabei zu, wie andere ihre Entscheidungen treffen und verhält sich selbst passiv.

Die Erfindung der Fernbedienung hat etwas im Konsumverhalten verändert. Seither ist es nicht mehr nötig, beim Umschalten auf andere Programme aus dem Fauteuil aufzustehen, zum Gerät zu gehen und dort umzuschalten. Und seither gibt es das Zapping, eine wunderbare Beschäftigung und Geste der Subversion gegenüber den von den Sendern angebotenen „Inhalten“. Wer zappt, zeigt, daß sie oder er fernsehen spielt. De Meys Fernsehen läßt den Zuschauer zur Fernbedienung, zum Interfacespieler werden und rückt ihn körperlich etwas näher an das Medium heran.

Cursor’s curse 

Es gibt drei Programme, die Frankfurt, Gibellina und Kinshasa heißen, und die zum Eintritt einladen. Interaktiv zu erleben sind Bilder von Tänzerinnen und Tänzern der Forysthe Company, herrliche Aufnahmen von jungen Leuten, die das Ruinen-Mal des von einem Erdbeben zerstörten sizilianischen Städtchens Gibellina mit ihren Körpern vermessen, und schließlich Szenen, die De Mey in der kongolesischen Hauptstadt gedreht hat, darunter auch einige mit Tanz. Signifikant dabei ist, daß der künstliche Tanz sich zu verflüchtigen scheint, je intensiver der Blick die soziale Realität sucht. „From Inside“ beginnt mit hochartifizieller Choreografie, in der es um die Gebrochenheit von Oberflächen geht, und schlägt einen Bogen zur Untersuchung von sozialer Choreografie auf dem Trägermedium Film und dessen Organisationsprinzipien.

Mit dieser Installation loggt sich De Mey in eine Reflexionsebene über den Tanz ein, die mit allem Respekt vorführt, daß das Tanzen des Körpers nur ein kleiner Bereich eines wesentlich größeren Phänomens ist. Der Versuch, das Publikum dazu einzuladen, als cursor (engl., von lat. „cursor“ für Läufer) den Fluch (engl.: curse) einer Eigenaktivität zu übernehmen, die wesentlich kreativer ist als das Aufstehen, um am TV-Gerät den Umschalteknopf zu drücken, ist auch eine Einladung zur Veränderung des Schauens.

Ferne

Zwischen Mikroskop und Teleskop ist die Television gewachsen, ein „théatron“, eine Schaustätte, die in die Breite und in die Tiefe dessen reicht, wohin die unmittelbare Wahrnehmung eines Einzelnen nicht reicht. In dieser Schaustätte ereignet sich das Spektakel der medialen Verarbeitung. Dieses wäre dazu prädestiniert, die überlegende Betrachtung („theoría“) zu fördern, wenn es ihm gelänge, sich selbst zu reflektieren. Da die Television eine zum System erweiterte Maschine ohne Selbstgefühl ist, bleibt jede Eigenreflexion wieder nur Element ihrer Veräußerungslogiken. De Meys Installation dagegen ist dafür wie geschaffen, als Telethéatron die theoría zu stimulieren, die es braucht, damit ein Spähender in der Ferne etwas erkennen kann.


(12.7.2008)