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PAUL WENNINGER ERZÄHLT IM TANZQUARTIER WIEN EINE STUMME GESCHICHTE MIT SPRECHENDEN WAREN
Von Judith Staudinger
Das Konzept von Paul Wenningers neuem Stück „47items Ingeborg & Arnim“ klingt faszinierend: eine von Michael Donhauser eigens geschriebene Kurzgeschichte wird mittels Waren aus einem Supermarkt, dafür aber ohne Worte, erzählt. Bei der Premiere im Tanzquartier Wien zeigte sich, dass die Geschichte so nicht lesbar wurde, sich bei der Lektüre danach im Programmzettel allerdings vieles erklärte, was zuvor von poetischer Rätselhaftigkeit gewesen war.
Donhausers Geschichte nimmt ihren Schluss in den ersten beiden Sätzen vorweg: die beiden Protagonisten Ingeborg und Armin sind gestorben. Was bleibt, ist ein stillgelegtes Gasthaus. Dieses Fehlen in der eigenen Geschichte übersetzt Wenninger auf geniale Weise: Nur die Dinge, allesamt austauschbare Supermarktware, die das Leben der beiden Hauptfiguren quasi bekleiden, sind präsent und in ständiger Bewegung. Das Leben selber aber bleibt ausgespart, unsichtbar, eingefroren - was sein Fehlen sichtbar werden lässt.
Die vier Perfomerinnen Ewa Bankowska, Laia Fabre, Lisa Hinterreithner und Esther Koller sind die flinken Stage Hands, die diese Erzählweise möglich machen. Im Englischen heißen Bühnenarbeiter Stage Hands, und diese Bezeichnung trifft gut, was die Tänzerinnen hier leisten. Wie Bühnenarbeiter in einem Theaterstück stellen sie Kulissen und Requisiten bereit, damit die Handlung ihren Lauf nehmen kann. Nur sind es hier eben um ein Vielfaches mehr als üblich. Und wo gewöhnliche, meist schwarz gekleidete Bühnenarbeiter darauf bedacht sind, möglichst ungesehen ihre Dinge abzuliefern, da stechen die Frauen in ihren glänzenden roten, goldenen oder blauen Catsuits selbst zwischen den bunten Waren hervor. Die vermeintliche Peripherie wird also ins Zentrum gerückt, wo das erwartete Zentrum, der Darsteller der Handlung, verschwunden ist.
Katzenstreu und Getreidekaffee
Und die Tänzerinnen verrichten ihre Tätigkeit virtuos. In nahezu perfekter Präzision bewegen sie wesentlich mehr als nur 47 Gegenstände über eine Stunde in fast durchgehender Hochgeschwindigkeit durch den Raum. Ihre Hände greifen dabei wie die Zahnräder einer gut geölten Maschine ineinander. Sechs Regale, eine Art stilisierter Supermarkt, sind seitlich senkrecht zum vorderen Bühnenrand aufgebaut und mit Waren von Katzenstreu über Nudeln und Wasserflaschen bis hin zu Getreidekaffee befüllt. Die in der Mitte frei bleibende Fläche wird zum Set der fernen Geschichte. Die Performerinnen flitzen zwischen den Regalen herum, greifen mit blinder Sicherheit die gerade benötigten Waren, tragen sie in der Mitte zu Bauten zusammen und beleuchten die fertigen Szenerien mit kleinen Scheinwerfern.
Mitten in diesem geschwinden Tischlein-deck-dich-Spiel (denn es sind oft Tische, die aufgebaut, mit Essen gedeckt und wieder abgebaut werden) werden wie bei einem Trickfilm Szenen gespielt: unter dem Licht der Schweinwerfer arrangieren die Stage Hands die Gegenstände immer wieder um, bis aus vielen Einzelbildern ein „Film“ im Auge der Betrachter entsteht. Hier liegt die witzige Poetik des Stücks versteckt, ja fast begraben: die (natürlich immer leer bleibenden) Schuhe der Protagonisten etwa wechseln ihre Position unter dem Tisch und machen so die Bewegung der gedachten Figuren vorstellbar, die etwa gerade ein Bein über das andere geschlagen haben könnten. Diese liebevoll eingebauten Details gehen allerdings in dem Trubel des kontinuierlichen Auf-, Um- und Abbaus beinahe unter. Man muss schon Glück haben, um einige davon überhaupt zu sehen, so viel tut sich überall.
Zwei Bäume sind geblieben...
Schön ist das ständige Wechselspiel der Bedeutungen der Waren. Mal ist ein Kuchen ein Kuchen, eine Flasche Wein eine Flasche Wein, aber meistens dienen die Dinge fremden Zwecken: Tomatendosen werden zu Tischbeinen gestapelt, oder Besen fungieren als Lampenhalter.
Bis zum Schluss wächst eine komplette Wohnung samt Interieur auf diese Weise. Verlassen bleibt sie als Bild stehen, während das Finale der Musik vorbehalten ist. Quasi im Abspann kann man noch einmal der von Franz Hautzinger komponierten Klangkulisse lauschen. Dessen Arbeit war zuvor meist zum Ambiente degradiert gewesen. Nicht etwa live improvisiert als Zusammenspiel mit der Bühnenaktion, sondern vom Band kam, noch dazu recht leise gestellt, die mit Bläsersounds angereicherte Elektromusik des Wiener Komponisten und Trompeters.
So geht es Wenninger leider mit mancher Qualität dieser Arbeit: sie wird überdeckt von Geschäftigkeit und Materialfülle. Dass die Handlung nicht gut lesbar ist, schadet gar nicht - im Gegenteil kann man sich freuen, dass die Dinge in der Aufführung mehr Deutungsmöglichkeiten lassen als nach der Lektüre der Kurzgeschichte, bei der einem klar wird, wie viele Bilder eins zu eins umgesetzt wurden. Ohne die Storyline zu kennen, folgt man eher meditativ der Arbeit der Performerinnen in dem künstlichen Supermarkt, konzentriert sich auf die Bewegungsqualität und folgt so der Verschiebung der gewohnten Zentren in die Peripherie, um dem meist zur Unsichtbarkeit Verdammten Aufmerksamkeit zu schenken. „Zwei Bäume sind geblieben, und sie beschatten das stillgelegte Gasthaus. Beide, Ingeborg und Armin, sind zur gleichen Zeit gestorben.“ Und das ist der Anfang, nicht das Ende.
(6.11.2009)
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