Studentenproteste in Ă–sterreich

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GELEBTE DEMOKRATIE GEGEN GEFÄHRDETE UNIVERSITÄT

Von Fred Arctor, Bettina Hagen, Elisabeth Hirner, Helmut Ploebst und Luce Yfaire


COOPERATIVA PERFORMATIVA IM AUDIMAX

Wien, 8.12., 01.00 - Montagabend im Audimax, das seit dem 22. Oktober besetzt ist. Die rumänische Cooperativa Performativa, die zur Zeit am Tanzquartier Wien arbeitet, hat sich zu einer Aufführung angemeldet. Als die Gruppe eintrifft, ist sie überrascht von einer Situation, die zunächst befremdlich erscheint. In dem großen Hörsaal befinden sich nur etwa vierzig Personen, die Hälfte davon sind solche, die ansonsten in der Winterkälte übernachten müßten. Die andere Hälfte besteht zum Gutteil aus AktivistInnen. Der Rest des Audimax ist - als Leerstelle - von der Verunsicherung einer Gesellschaft besetzt, die nicht recht weiß, was sie mit ihrer Zukunft anfragen soll.

Seit dem 22. Oktober könnten Politiker in diesem Hörsaal sitzen und gemeinsam mit den StudentInnen lernen, wie es weitergehen soll mit dem Politikmachen. Sie könnten lernen, wie man es fortan besser machen würde, wie man aus den eingefahrenen Gleisen herauskommt, wie man Parteiprogramme entstaubt, wie man sich mit der Wirklichkeit konfrontiert. Sie könnten sich fragen, warum hier an der Alma mater nun Obdachlose sitzen oder liegen. Sie könnten Verantwortungsbewußtsein entwickeln, überglücklich darüber sein, daß es keine Gewalt gibt wie nun wieder in Athen, und darüber, daß sich hier eben keine Führerfiguren etablieren, sondern Felder der Bereitschaft nicht nur zum Widerstand, sondern für Verbesserungen in dieser Gesellschaft.

Dieser Konjunktiv erschreckt die Cooperativa zuerst, und sie ist zunächst unsicher, wie sie darauf reagieren soll. Sie agiert dann doch, indem sie die Situation spiegelt: trashig, tastend, roh und zärtlich zitieren die KünstlerInnen, was sie erkennen. Sie machen kein Unterhaltungsprogramm, sondern integrieren sich in eine bereits laufende Performance. Ironisch und kantig reproduzieren sie den Mangel an Echo einer politischen Struktur, die darauf setzt, daß sich die Protestbewegung bald totlaufen wird.

Es ist nicht leicht, einer Reality Performance eine künstlerische zu implantieren, und das außerhalb der geschützten Theateratmosphäre mit ihren festgesetzten Benimmregeln. Die Obdachlosen sind ein alertes Publikum, das ungeschlacht reagiert, wenn es stimuliert wird. Die Cooperativa scheint das dazu zu stimulieren, eben keine Sause zu veranstalten, sondern eher einen ungeschlachten Predigtdienst, unterbrochen von absichtsvoll dilettantisch daherkommendem Kunstabfall. Der Konflikt des Nichtweiterkommens ist eine Erscheinung, die in der „großen“ Politik ihre Entsprechung hat. In Zukunft, sagt die Cooperativa Performativa, werden Establishment und Revolution koexistieren. Das wäre ein neuer Weg in die unruhigen Zeiten, die unvermeidlich auf uns zukommen. Dabei sollten wir nicht vergessen, daß bisher noch jedes Machtsystem erodiert ist. Wenn es zusammenbricht, wann auch immer und ohne Gewaltanwendung, sollte es durch den Geist ersetzt werden, wie er sich in dieser bewundernswerten politischen Bewegung darstellt. (ploebst)


BESUCH VOM MINISTERIUM

Wien, 5.11., 12.20 – Gestern abend im Audimax. Gerade geben die Fraktionen Hip-Hop und Reggae den Ton an. Der Sound ist gut, die Luft etwas verraucht, der Boden klebrig, beim Eingang liegen Schlafsäcke bereit. Auf der Bühne bereiten sich fünf österreichische PerformerInnen auf ihren Einsatz als ministerielle Gesandte vor. Zu diesem Zweck tragen Daniel Aschwanden, Amanda Piña und Daniel Zimmermann als Hauptredner sowie Satu Herrala und Rotraud Kern als Demonstrationsgehilfinnen die westliche PolitikerInnenuniform.

Unter dem für 18 Uhr angekündigten Programmpunkt „Erstes Bundesministerium erklärt sich solidarisch“ können sich allerdings viele der anwesenden Besetzer und schaulustigen Halbsympathisanten - darunter verstehe ich ältere Mitbürger, die vor allem ihren eigenen Frust mitbringen - wenig vorstellen. Es wird gemurrt, gegähnt, Bier getrunken und geraucht. Früher konnte man noch auf die Pulte klopfen, um sich Gehör zu verschaffen oder Zuspruch kundzutun, heute sind diese aus so hartem Kunststoff, dass nur noch Klatschen hilft. Ungeduldiges Publikum versucht also, das Ministerium einzuklatschen, während der Sender ATV noch seine Kameras justiert.

Ein sehr schlanker, in die Länge gezogener Bundesadler an der Projektionswand verweist einleitend auf die wichtigste Bestimmung des vor einem halben Jahr gegründeten „Ministeriumsfür Nadaismus“: Es geht um Bewegung. Daniel Aschwanden fordert daher auch die Besetzer zur Bewegung heraus. In seiner einleitenden Ansprache verweist er auf Säulen des Ministeriums wie den hohen Frauenanteil, Internationalität und einen prozessorientierten Arbeitsansatz. Sektionschef Daniel Zimmermann gibt in Politikergestus und Tonfall eine Stellungnahme ab, die auf Reformen des Bildungssystems abzielt, die ebenso affirmativ wie entlarvend sind. Eine neue Bildungsmilliarde wird versprochen.

Es folgt die Projektion eines kurzen Films zum Gründungsakt des Ministeriums. Dafür wurde die Aktion „Unterschrift“ von nadaproductions (Piña/Zimmermann) herangezogen, die Teil des Tanz- und Performanceparcours in der Österreichischen Präsidentschaftskanzlei vergangenen Juni war. Unter den illustren Gästen, die damals, eingezwängt zwischen Piña und Zimmermann, am Schreibtisch Platz nahmen und zu einer Unterschrift samt kleiner Improvisation genötigt wurden, war auch Hausherr Heinz Fischer. Sein lockeres „Mitspielen" wurde kurzerhand als Unterstützung des Ministeriums gedeutet. Die Handlung des Films läuft in einem großen leeren Raum in der Hofburg aus, in dem sich drei „Politiker" mit den unterschriebenen Dokumenten in Händen treffen und plötzlich gar nicht mehr seriös und steif verhalten, sondern körperlich reagieren und schließlich entspannt zu Boden gehen.

Spätestens an dieser Stelle wird den ZuseherInnen klar, dass sich dieses neue Ministerium wortwörtlich für Bewegung einsetzt. Nach Aschwanden, der sich als Chef für Raum und Distanzgliederung vorgestellt hatte und unter anderem für die Pflege und Erhaltung von Körpern im freien Raum eintrat, leitet Amanda Piña nun den praktischen Teil, in dem Bewegungen zum zivilen Widerstand vorgeführt werden. Prädestiniert für diese „Übung“ ist die geborene Chilenin durch ihre frühen körperlichen Erfahrungen in den oft gewaltsam aufgelösten Demonstrationen der 80er Jahre in ihrer Heimat.

Anders als in der Performance-Skizze „Social-Movement/Theatre Down“, die vergangenen März in der Programminsel „Gravity - Skizzen zu Tanz und Gesellschaft“ im Tanzquartier Wien gezeigt wurde und die eine Abstraktion des körperlichen Widerstandes für einen Theaterraum bedeutete, haftete dieser Präsentation im Epizentrum einer realen Protestbewegung beinahe so etwas wie Notwendigkeit an. Herrala, Kern und Zimmermann haben sich inzwischen Trainingskleidung angelegt und führen in weiterer Folge die von Piña erwähnten und auch in ihrer Herkunft erläuterten kollektiven Übungen vor.

Die Beteiligung des Publikums ist mäßig. Das könnte allerdings auch an der Kamerapräsenz liegen. Eher harmlose, durchaus brauchbare Bewegungen, wie gemeinsam in eine Richtung marschieren oder in einer großen Zahl im gleichen Rhythmus auf der Stelle springen, werden vorgestellt und genau erklärt. Aber auch Gesten des passiven Widerstandes, die sich vor allem durch Dauer auszeichnen, wie einen menschlichen Zaun bilden, sich nebeneinander vor einen Panzer legen oder stilles Kauern - die Herkunft dieser Protestform wird den Mönchen von Burma zugeschrieben - kommen vor.

Zuletzt verweist Aschwanden auf poetische Formen von Bewegungsmustern, wie etwa „auf einer Welle reiten", das er im japanischen Butô kennen gelernt hat, und lädt nochmals zum Mitmachen ein. Den Ausklang bildet eine freie Improvisation über eine Handgeste, die von Heinz Fischer stammt und im Film zu sehen war. Die Kluft zwischen Studenten und den ChoreografInnen, die sich vor allem aus den Grad der Reflexion zum Thema Protest und Bewegung speist, war teilweise spürbar, aber so manche(r) wurde vom „Nadaismus“ auch mitgerissen. Die anderen, die nur auf die Plenumssitzung warteten, erkannten nicht so ganz, dass sie selbst, indem sie ihrer Ungeduld durch Gähnen, Sesselwetzen oder Papierflieger schießen kundtaten, wiederum körperlichen Widerstand leisteten und damit zu einem Teil der Performance wurden. (hagen)


WIE FUNKTIONIERT BASISDEMOKRATIE?

Wien, 5.11., 00.15 – „Ich kann zum Thema Struktur gerne eine Arbeitsgruppe gründen, wenn das auch dem Wunsch des Plenums entspricht.“ Sagt eine Kollegin mit roten Haaren am Podium im Audimax der Wiener Uni. Zustimmendes Klatschen aus den Bankreihen. Ich bin baff. Was mich erstaunt, ist die Akzeptanz der Regeln und Zusammenhänge, die eine kollektive Bewegung schafft, benötigt und nutzt. Und welches Wissen über Basisdemokratie, Organisationsstrukturen und Gemeinschaftlichkeit sich mir dadurch erschliesst.

Ich finde mich im Turnsaal 3 im Uni-Hauptgebäude ein. Dort diskutiert die AG (Arbeitsgruppe) Struktur. Überfordert von den Informationen, die auf mich einströmen und den Praktiken, die ich nicht kenne (RednerInnenliste, kompliziertes System an Handzeichen um Zustimmung oder Ablehnung lautlos auszudrücken), sitze ich auf dem Boden und lausche den KollegInnen. Mir werden die Möglichkeiten bewusst, die aus dieser relativ großen Anzahl von Individuen erwachsen: In Kleingruppen denken jeweils fünf bis sechs Menschen unter anderem über Systeme zu anti-hierarchischen Strukturen nach, über PressesprecherInnen, die für die Bewegung der Besetzer sprechen können, über Alternativen.

Es herrscht keine Einigkeit darüber, wie die Herangehensweise an die Thematik  der über 40 Interessierte umfassenden Arbeitsgruppe angelegt sein soll. Ich bin erstaunt, dass ich trotz der langen Dauer der Diskussionen ruhig und neugierig bleibe. Es geht mir und auch den anderen nicht um persönliche Befindlichkeiten. Das versetzt mich noch mehr in Staunen. Dieses Staunen macht den Kopf groß und die Gedankengänge weit.

Abends gehe ich zum Audimax, das voller ist als zuvor am Nachmittag. Meine Aufgabe: Mikrofon herumreichen. In dem besetzten Hörsaal sind es die selben Menschen, die auch in den insgesamt mehr als 140 verschiedenen Arbeitsgruppen zusammen arbeiten - über 1000, die diskutieren und abstimmen. Von der schieren Menge überwältigt, weiß der/die Einzelne, dass man keine individualisierten Wünsche durchsetzen kann, und es scheint auch nicht notwendig zu sein.

Das Audimax und seine Plenumsstruktur mit Diskussionsrunden und Abstimmungen sind ein Korrektiv für eine Gemeinschaft von Individuuen. Das, worüber abgestimmt wird, kann jede/r einbringen. Das jeweilige Ergebnis trägt der/die Einzelne auch dann mit, wenn es nicht dem eigenen Antrag entspricht, und zwar deswegen, weil die Vorstellung eines kollektiv beschlossenen Sachverhaltes mächtiger ist als die von einzelnen Persönlichkeiten (vor)getragenen Interessen. Mit gespanntem Interesse verfolge ich die Äusserungen meiner KollegInnen und bin dankbar für das Teilen von Ideen, für das geteilte Staunen.

Ich möchte jede/n einladen mitzudenken, mitzusprechen und zu lernen. Im Audimax, in den anderen Hörsälen und auf der Strasse. (e. hirner, studentin)

http://unsereuni.at


HOFFUNG FÜR BERUFSDEMONSTRANTEN

Wien, 3.11., 00.15 – Nun darf die österreichische Politik zeigen, dass sie mit Kreativität und Offenheit in die Zukunft zu arbeiten imstande ist. Die Regierung müßte glücklich sein über die Chance, sich mit jenen an einen Tisch setzen zu können, die morgen die Verantwortung dafür übernehmen, dass die Gesellschaft, in der wir leben, eine bessere wird. Die Universitäten sind die Knotenpunkte der Zukunftgestaltung - nicht zuletzt, weil dort auch die LehrerInnen für unsere Kinder ausgebildet werden. Und auch, weil dort diejenigen ihre Berufsbildung erfahren, die die kulturellen Observatorien einer Gesellschaft bauen, und das sind die KünstlerInnen.

Die Debatten der vergangenen Tage zeigen: Es gerät zunehmend in Vergessenheit, dass die Studentenproteste von einer Kunstuni ausgegangen sind. Bereits seit März dieses Jahres beschäftigt sich corpus mit einem großen Schulversuch, der unter dem Titel „I Like to Move It Move It“ als Projekt von Linz09 im Frühling zwei Monate lang zeitgenössische ChoreografInnen, TänzerInnen und Theaterschaffende zum Unterricht in oberösterreichische Lehranstalten brachte. Dabei ging es nicht um eine Aufwertung des etablierten Kunstunterrichts, sondern um ein neues Lernen, um eine andere Auffassung vom Unterrichten und um den Wert der Kreativität für Kinder und Jugendliche.

Kreativität nicht im Sinn der Creative Industries, sondern im Sinn einer positiven Erfahrung des sozialen Miteinanders im Lernen, im Arbeiten und im gemeinsamen Gestalten von Lebenswelten. Wir können es uns nicht leisten, auf diese Kreativität zu verzichten, sagt einer der führenden Köpfe der Kreativitätsforschung, Sir Ken Robinson. Wir können es uns gar nicht leisten, ist die Schlußfolgerung für das, was derzeit an den Universitäten geschieht, diese Gelegenheit nicht zu nützen, vieles anders und besser zu machen.

Dieser Prozeß darf ruhig dauern. Für die Universität ist es ein Segen, daß die utilitaristischen Lehr-Routinen unterbrochen wird und ein großes, übergeordnetes gemeinsames Lernen über deokratische Praxis Einzug hält. Was für eine Gelegenheit für die PolitikerInnen, sich Sakkos und Kostüme auszuziehen, das Parlamentsgebäude zu verlassen und in lockerer Alltagskleidung sich mit ihrer NachfolgerInnen-Generation hinzusetzen und zu verhandeln.

Ein Problem? Aber doch nur für jene, die ihren Job als VolksvertreterInnen nicht verstanden haben, die keine Lust haben, etwas Gutes zu tun und wirklich für diese Gesellschaft dazusein. Politiker sind Berufsdemonstranten. Ihr Beruf ist es zu demonstrieren, was Demokratie in einem Land ist, wie sie umgesetzt, wie sie lebendig gestaltet wird. Und nun kommen die StudentInnen mit einer Initiative, die ihnen Gelegenheit gibt zu demonstrieren, wie ernst sie diesen Beruf, für den sie durch freie Wahlen berufen worden sind, nehmen.

Die Politik wird uns nun auch lehren, wie ernst es ihr ist mit dem Lernen für das Leben in einer Zukunft, die wie immer auch hier ganz konkret Gegenwart gestaltet. „Education Burns“ , postuliert corpus in dem großen Bildungsschwerpunkt zu „I Like to Move It Move It“, der heute mit acht neuen Beiträgen weitergeführt wird. Hier kommen vor allem KünstlerInnen zu Wort, die sich zum Thema Bildung Gedanken gemacht haben. Und KünstlerInnen sind es auch, die sich mit Blick auf „die kommende Gemeinschaft" (Giorgio Agamben) ins Audimax der Wiener Universität begeben. Etwa Daniel Aschwanden am Mittwoch, dem 4. November, um 18 Uhr.

Die Debatten, die durch die BesetzerInnen an den Unis angeregt wurden, nützen uns allen - im Gegensatz zu den öden Abwiegelungen einer traurigen Profiteurskaste, deren Bank-Casinos in diesem Jahr mit Milliarden, die eigentlich der Bildung zugute kommen müßten, gerettet werden mußten. (ploebst)


TV-DEBATTE: STUDENTiNNEN ALS LAST

Wien, 31.10., 13.30 – Halloween. Ein sympathischer Import aus den USA, der ein wenig Farbe in das triste Allerheiligen hierzulande bringt. Weniger großartig ist der Import des Bachelor, also eigentlich des Modells der amerikanischen Universitätsbildung, abgemagert um dessen Vorteile. Die europäische Akademie verliert ihre Identität, die gefeierte Punkte-Bewertung ist ein Chaos, die Unis werden verschult, die individuelle Betreuung der StudentInnen existiert nicht - und niemand wird die „Billig-Akademiker“-BA’s am Ende wollen.

Streik an den österreichischen Unis. Keine Randale, sondern Argumente und Beharrlichkeit seit beinahe zwei Wochen. In den vergangenen Tagen schien es so, als könnten sich die Proteste auch nach Deutschland hin ausweiten. Und es war zu beobachten, dass das Bologna-Thema mehr und mehr aus den Berichten der Medien verschwand. Als gestern Wissenschaftsminister Hahn, ein Vertreter der Wirtschaft und der Rektor der Wiener Technischen Universität auf eine Vertreterin der Streikenden und auf die Vorsitzende der Österreichischen Hochschülerschaft in einer TV-Debatte trafen, wurde das Bologna-Desaster überhaupt nicht mehr angesprochen.

Statt dessen kam zur Sprache, dass der Minister in aller Eile 34 Millionen Euro aus einem Reservebudget gekratzt hatte. Eine Einmalzahlung, ein Tropfen auf dem heißen Stein, winkte die Sprecherin der Streikenden ab. Gespielte Verwunderung beim Gegenüber. Es war unheimlich zu sehen, dass weder der Wirtschaftsvertreter, noch der Universitätsrektor, noch der Minister eine zukunftsorientierte Argumentationsbasis für eine Diskussion hatten. Drei visionsfreie Halloweenfiguren, die Bildung ganz offensichtlich bloß als Versorgungskapital oder Verwaltungslast ansehen - der Minister ist bereits auf dem Sprung in einen anderen Job in Brüssel -, und auf die bestehenden Verhältnisse mit floskelhaftem Quengeln reagieren.

Die drängendste Frage war dann schließlich auch, wann, na, wann denn endlich die Studis aus dem Audimax abziehen werden - da ließ der zappelige ORF-Moderator nicht locker. Die beiden Studentinnen ließen ihn souverän im Ungewissen. Ein Horror! Man muss sich doch hoffentlich nicht wirklich mit den StudentInnen auseinandersetzen, und hoffentlich wirkt sie am Ende, die ansonsten so bewährte Taktik des Aussitzens. Das ist Gruselspaß in Reinkultur: das Gespenst der Debatte, des Diskurses, der Dauer geht um, und die Angst vor Veränderungen steht einer Politik auf die Stirn geschrieben, die während der vergangenen Jahre ihre Aufgaben nicht erfüllt hat.

Zu gerne würden die Verwaltungsapparate den StudentInnen-Fluss an den Unis so regulieren, dass am Ende ein durchrationalisierter Output von angepassten LeistungsträgerInnen in berechenbarer Menge und Qualität zur Verfügung steht. Und vergisst ganz darauf, dass heute niemand voraussagen kann, welcher Bedarf an welchen AkademikerInnen in drei oder vier Jahren herrschen wird. Blinder Regulierungseifer kann ein schlimmeres Chaos bewirken als weitsichtige Deregulierung.

Die Debatte im Fernsehen zeigte, dass die höchste Verwaltungsebene der höheren Bildung in Österreich Erosionserscheinungen aufweist. Sie ist kaum noch diskursfähig, und die StudentInnen erscheinen ihnen bloß noch als ungewollte Aliens. Da ist kein Herz, kein Einsatz, keine Leidenschaft. Und ganz richtig kritisierte die ÖH-Vorsitzende, es gehe nicht an, dass die Studierenden nur als „Last“ angesehen würden. Also wann, endlich, fragte der zappelige Moderator, werden die Besetzungen zu Ende sein? Der Minister unterstrich diese Frage mit strengem Lehrerblick: 16.000 Euro täglich, rechnete er den Studentenvertreterinnen vor, koste die Besetzung des Audimax.

Das ist wirklich günstig, meine ich, wenn man bedenkt, welche Summen an Steuergeldern die Finanzkrise geschluckt hat, die von unfähigen Wirtschaftern und unfähigen Politikern gleichermaßen verursacht wurde. Sollte der Uni-Streik vielleicht aus Entschädigungszahlungen der österreichischen Mitverantwortlichen an der Finanzkrise finanziert werden? Gibt es diese Verantwortlichen überhaupt? Natürlich nicht. Ha, ha. (arctor)


SACHSCHÄDEN. EIN KOMMENTAR

Wien, 24.10., 19.50 – Werden die Anliegen der nun bereits in ganz Österreich protestierenden StudentInnen ernst genommen, oder wird die „Krise“ einfach ausgesessen? Die harten Zeiten für die BesetzerInnen der Akademie und des Audimax in Wien kommen erst noch. Wer hat den längeren Atem, wer die bessere Verhandlungstaktik, wer wirkt überzeugender in der Öffentlichkeit?

Ein wohlüberlegter Schachzug der Uni-Leitung und der Politik ist es, eine Räumung der okkupierten Räumlichkeiten auszuschließen. Würde doch auf eine Anwendung von Gewalt ein Sturm der Solidarität mit den Protestierenden folgen. Statt dessen wird darauf gewartet, bis die Aktionen der Studenten nerven, Unmut wird geschürt, die angeblichen oder tatsächlichen „Sachschäden“ pauschal beziffert und an die Medien weitergeleitet. Ganz besonders merken die Medien auf, dass die Besetzer Musik machen und tanzen.

Im Weiteren kommt es nicht darauf an, ob sich Politiker der Grünen im Audimax präsentieren oder ob Bundeskanzler Werner Faymann Verständnis für die Studenten zeigt. Das ist schon nett. Aber darüber hinaus wird sich in der kommenden Woche erweisen, ob die österreichische Politik Reife zeigt und aus dem Widerstand positive Impulse für die Ausbildung junger Akademiker gewinnen kann. Denn da ist ganz offensichtlich etwas faul an der regulativen Bolognese, die die EU ihren Studiosi aufzwingt. In Deutschland, wo die Umsetzung des Bologna-Prozesses weit vorangeschritten ist, gibt es zunehmend harsche Kritik an dem neuen System - eine Kritik, die bereits aus praktischen Erfahrungen kommt.

Wie sich die Reform auf die Ausbildung von Künstlern auswirken wird, lässt sich noch gar nicht abschätzen. Sollen hier punktesammelnde junge Kunstmarktkonformisten und Lakaien der Creative Industries produziert werden? Diese Vorstellung ist die Spitze des Eisbergs, der hier aus dem Nebel der Finanzkrise auftaucht. Und dieser Eisberg hat ordentlichen Tiefgang. Wenn universitäre Ausbildungen also ganz dringend nach den Kriterien des herrschenden Wirtschaftssystems ausgerichtet werden sollen, obwohl es zu den brutalsten Vernichtungsmaschinerien zählt, die die Menschheit je hervorgebracht hat, und obwohl es gerade so offensichtlich versagt hat, dann ist es doch höchste Zeit für Proteste.

Zu lange schon wird einer Kaste offenkundig wahnsinnig gewordener Manager weltweit der Hof gemacht, zu lange schon knicken Regierungen vor der Macht internationaler Konzerne ein und zu lange schon wird dabei zugesehen, wie eine hypertrophe Ökonomiereligion die Lebensräume des Menschen systematisch abtötet. Wer wagt es noch, die Schäden zu beziffern, die das Wirtschafts-Spektakel während der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg insgesamt angerichtet hat? Die Bilanz fiele so grauenhaft aus, dass bisher noch niemand so recht davon wissen mag. Da ist es schon leichter, einigen Hörsaal-Besetzern vorzurechnen, was die zusätzlichen Sicherheitsaufwendungen und Putzdienste angeblich kosten. (yfaire)


BESETZUNG AUCH AN DER GRAZER UNI / DEMO IN WIEN

Wien/Graz, 23.10.2009, 17.50 – Die Proteste der Wiener StudentInnen haben nun auch auf die Grazer Uni übergegriffen, wo heute die Vorklinik besetzt wurde. In Wien zogen heute nachmittag Hunderte StudentInnen in einer Protestdemo über die Ringstraße hin zum Sitz des Wissenschaftsministers Johannes Hahn. Dieser hat sich gegenüber der Österreichischen Hochschülerschaft als gesprächsbereit erklärt.

Das Wiener Audimax bleibt unter dessen weiter in Händen der Protestierenden, und der Streik an der Akademie am Schillerplatz wird fortgesetzt. Deren Rektor, Stephan Schmidt-Wulffen, hat nun doch die vom Wissenschaftsministerium geforderten Vereinbarungen unterzeichnet, verlautet der TV-Sender ORF. Dort sagte eine der StreikorganisatorInnen, Martina Pfingstl: Der Rektor habe das für die Besetzung verantwortliche Komitee „teilweise im Unklaren gelassen bzw. in die Irre geführt". Gestern noch hatte die ÖH verlautbart, Schmidt-Wulffen habe lediglich Diskussionen zugesagt. Logisch also die Reaktion: Kritik übte Pfingstl auch an der ÖH. Dieser Protest funktioniere nur, weil sich verschiedene Kleingruppen mehrerer Unis vernetzt hätten und es nicht über die ÖH-Ebene laufe. (zit. ORF)

Im Wiener Audimax gab es heute Solidaritätsbesuche der Grünen-Politiker Peter Pilz und Werner Kogler. Pilz sagte auch, dass er sofort wiederkommen würde, sollte es Anzeichen dafür geben, dass die Besetzung gewaltsam beendet wird. (ploebst)


AUDIMAX DER UNI WIEN BESETZT

Wien, 22.10.2009, 21.50 – Das Auditorium Maximum der Universität Wien wurde heute, Donnerstag, von StudentInnen besetzt. Am Vormittag hatten die Streikenden an der Akademie der bildenden Künste eine Kundgebung abgehalten, die in einer Versammlung im Sigmund-Freud-Park nahe dem Universitätsgebäude mündete.

Als die Polizei um 12.30 Uhr erklärte, die Versammlung sei nun aufgelöst, bildeten die StudentInnen einen Demonstrationszug durch mehrere Hörsäle der Uni und besetzten schliesslich das Audimax. Gegen 17.00 zog die Polizei ab, und die Streikorganisatoren gaben bekannt, dass der grosse Vorlesungssaal auch morgen, Freitag, besetzt bleibt.

Stephan Schmidt-Wulffen, Rektor der Wiener Akademie der bildenden Künste, soll die vom Ministerium angestrebte Umstellung der künstlerischen Studien heute nicht unterschrieben haben, heisst es aus der Hochschülerschaft. Er habe lediglich zugesagt, dass ueber diese Option in den kommenden Jahren diskutiert werde. (arctor)


GENERALSTREIK DER KUNSTSTUDENTiNNEN

Wien, 21.10.2009, 23.00 – Seit Montag, dem 19. Oktober 2009, ist alles anders auf der Wiener Akademie der bildenden Künste. Es gibt wieder eine Gemeinschaft unter den Studierenden, und die ÖH (Österreichische Hochschülerschaft) lebt auf und sieht wieder Sinn in ihrem Dasein. Die meisten Lehrenden haben sich einer Protestbewegung angeschlossen, das Hauspersonal übt sich in freundlich solidarischer Zurückhaltung. Denn heute, Donnerstag, könnte sich Rektor Stephan Schmidt-Wulffen einen Affront erlauben und im zuständigen Wissenschaftsministerium Leistungsvereinbarungen unterzeichnen, die sich ausdrücklich gegen die Senatsbeschlüsse der Akademie und gegen einen im letzten Semester gemeinschaftlich ausgearbeiteten, feierlich präsentierten und auch in gedruckter Form erhältlichen Entwicklungsplan richten.

Dieser Umstand brachte das Fass zum Überlaufen: dass nämlich in langen Diskussionsprozessen gewonnene demokratische Entscheidungen vom Willen und der Eitelkeit „der Mächtigen“ umgeworfen werden können. Allerdings ist dies seit Inkrafttreten des UG (Universitätsgesetzes) 2002 vor dem Gesetz möglich: Rektor und Unirat können gegen den Willen des Senates Entscheidungen treffen, das Ministerium kann laut Paragraph 8 neue Studien verordnen.

Education is not for Sale!

Die Äußerungen und Meinungen, die in diesen Stimmungsbericht einfließen, stammen von ÖH-VertreterInnen und Assistentinnen. Sie betonen, dass hier nicht einfach ein Protest gegen die Einführung von Bachelor- und Masterstudien stattfindet, sondern ein Aufbegehren gegen die Art und Weise, wie an der Akademie Entscheidungen getroffen werden.

Natürlich geht es vor allem um das Geld, das dem Rektor und damit der Akademie in bedenklichem Maße fehlt. Zahlen von 400.000 bis 3 Millionen Euro sind im Haus am Schillerplatz zu hören. Der Boden draußen um das Schillerdenkmal wurde inzwischen mit Euro- und Dollarzeichen verziert. Aber: Education is not for Sale!, heißt es nun auf einem bemalten Leintuch, das unter all den schönen corporate-designten Plakaten an der Fassade der Akademie prangt. Es wird besetzt und gestreikt. Vorlesungen und Lehrveranstaltungen wurden in die Aula oder Mensa verlegt oder kurzerhand zu Diskussionsrunden oder Workshops umfunktioniert. Das Meiste wurde abgesagt.

Trotzdem herrscht ständige Betriebsamkeit, die Wittmann-Sofas in der Aula werden hin- und hergeschoben, um kleine Inseln für Arbeitsgruppen oder große für die Absprachen des weiteren Vorgehens zu bilden. Zusätzlich gibt es abends Parties, denn die Besetzung dauert ja auch nachts an. Nur heute, Mittwoch, findet keine Party statt, denn alle wollen morgen ausgeruht sein, wenn sie den Rektor auf seinem wichtigen Gang ins Ministerium begleiten. Ob dieser Begleitungsakt nur symbolisch oder wirklich physisch sein wird, ist noch nicht zur Gänze geklärt.

Unwirtschaftliche Kunstuni?

Es ist ein Leichtes, Argumente für die Unwirtschaftlichkeit einer Kunstausbildungsstätte zu finden. Nur zwei Prozent aller AbsolventInnen werden einmal zu einiger Bekanntheit gelangen und eine relevante Rolle im Kunstmarkt spielen. Die bildende Künstlerin Veronika Dirnhofer, selbst Assistenzprofessorin und Betriebsrätin an der Akademie, wehrt sich allerdings dagegen, alle anderen als gescheitert abzustempeln. Denn aus Erfahrung weiß sie, dass fast alle AbsolventInnen ihr Leben lang künstlerisch tätig sind und daneben eben auch oft einen Halbtagsjob haben. Sie hofft, dass der Rektor die Einigkeit des Hauses richtig versteht.

So lautet der klare Auftrag an den Rektor, im Ministerium im Sinne des Entwicklungsplans zu verhandeln. An diesem Entwicklungsplan haben alle mitgewirkt, und zum Ende des letzten Semesters schien noch alles in ruhigen Bahnen zu laufen.

Die  Diplomstudiengänge sind unter den gegenwärtigen finanziellen Möglichkeiten und den studentischen Realitäten, wonach eben viele neben dem Studium jobben oder auch schon einmal für längere Zeit in eine künstlerische Arbeit eintauchen, die beste Wahl. Sie sind sicher auch noch lange nicht perfekt, könnten aber im besten Fall auch die Basis für die von politischer Seite so dringend herbeigesehnten Masterstudien bilden. Ein dreijähriges Bachelor-Studium, von dem noch keiner so recht weiß, wie es auf die Schulen der Akademie angewandt aussehen soll, wäre nur ein dürftiges Fundament für ein Masterstudium. Zu diesem hat man sich auch schon Gedanken gemacht: So sind etwa Masters in Performance Studies und Critical Studies angedacht.

Fleiß und vorauseilender Gehorsam

Unter den Studenten jedenfalls geistert das Gerücht, dass die Einführung von Bachelor- und Masterstudien zwischen Rektorat und Ministerium bereits beschlossene Sache sei - und das, obwohl die Akademie dann die erste Kunstuniversität Europas wäre, an der es einen Bachelor gäbe. Woher kommt jetzt dieser Fleiß und vorauseilende Gehorsam, mit dem man sich ganz klar über das eigene Haus hinwegsetzt? Rektor Bast von der Angewandten jedenfalls scheint es sich leisten zu können, länger über Einführung dieser für Kunstuniversitäten ziemlich fragwürdigen Kurzstudien nachzudenken.

Am Geld kann es ja bei dieser Frage nun doch nicht liegen, denn es ist klar, dass neue, kürzere Studien wieder neues Personal und neue Unterrichtsräume erforderlich machen. Einzig, dass die Einführung von Masterstudien, die sich ja auf der ganzen Welt eher an eine betuchtere Klientel richten, die Rückkehr von einer Art Studiengebühren erleichtern würde, liegt auf der Hand. Und der Frage, warum dieses Bachelor-Studium in Österreich jetzt als „state-of-the-art“ betrachtet wird, während es dort, wo es - wie in Deutschland - bereits eingeführt ist, nur Probleme und unzufriedene Studierende hervorbringt, ist nicht mit Vernunft beizukommen.

Die Zeiten, in denen kostenlose Bildung im Bewusstsein der Gesellschaft verankert war, sind vorbei, das haben Neoliberalismus und Wirtschaftskrise ganz toll geschafft. An der Akademie allerdings hat diese Entwicklung eine Solidarität hervorgerufen, wie es sie schon lange nicht mehr gab. (hagen)


Weitere aktuelle Informationen auf: www.malen-nach-zahlen.at


(ab 21.10.2009)