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INTERVIEW MIT DEM CHOREOGRAFEN XAVIER LE ROY WÄHREND SEINER ARBEIT AN DEM STÜCK "IONISATION"

Im Rahmen von Zukunft@BFil, MusicTANZ - Modern Times realisierte Xavier Le Roy 2006 in der Berliner arena seine Arbeit „Ionisation“ mit Kindern, Jugendlichen und älteren Personen zur Musik von Edgar Varèse und unter der musikalischen Leitung von Simon Rattle.


Xavier Le Roy, Ionisation ist eine Komposition, die eher auf einer formalen Abstraktion aufbaut als auf einer Narration. Wie haben Sie zu dieser Musik eine Choreographie für Kinder entwickelt?

Le Roy: Ich wollte eine Choreographie entwickeln, die auf der Fähigkeit der Kinder zu spielen aufbauen sollte. Kinder sind in diesem Bereich oft viel begabter als Erwachsene, und ich wollte, dass sie diese Stärke einsetzen. Gleichzeitig sollten die gesamten Proben ein gemeinsamer Arbeitsprozess sein. Genauer gesagt, wünschte ich mir, dass wir versuchen sollten, die unterschiedlichen Etappen des kreativen Prozesses miteinander zu teilen, ohne dass die Kinder dabei zählen müssten oder lernen, Bewegungen zu reproduzieren. Natürlich ist es nicht einfach, mit Kindern zu einem abstrakten Musikstück zu arbeiten, das nicht zu ihrem unmittelbaren Erfahrungsbereich gehört und bestimmt nicht zu ihrer Plattensammlung. Für sie ist Abstraktion ein komplexes und weit entferntes Phänomen, besonders in der Beziehung zur choreographischen Kunst, die in ihren Augen oft mit Geschichten und Narrationen zu tun hat, oder ganz einfach mit dem, was sie auf MTV oder Viva sehen.

Beim ersten Hören lösen die unterschiedlichen musikalischen Elemente von „Ionisation“ bei den Kindern sinnliche Assoziationen aus, die vor allem von den Sirenenklängen herrühren. Nachdem sie das Musikstück gehört hatten, sagten zum Beispiel einige, sie hätten sich Katastrophen vorgestellt, Szenen von Bränden oder einstürzenden Häusern, eben wegen dieser Sirenenkläge. Uns ging es aber darum, an den abstrakten Aspekten zu arbeiten und uns dadurch von der Notwendigkeit, eine Geschichte zu erzählen, zu emanzipieren. Während der Proben gebe ich den Kindern niemals konkrete Gesten vor, sondern nur Situationen und Regeln, die sie in Bezug auf die anderen Kinder und auf die Musik anwenden sollen. So haben wir die Choreographie erarbeitet. Wir haben versucht, unterschiedliche Spiele und Spielregeln zu entwickeln, die verschiedene Gestiken und mehr oder weniger lebhafte Arten von Bewegung im Raum hervorbringen sollten: Dabei sollte der Grad der Dichte, mit dem die Kinder den Raum bewohnen, mit der Intensität und der Dichte, die man in der Musik hört, in Zusammenhang stehen. So haben die Kinder gelernt, die unterschiedlichen Teile der Musik und die unterschiedlichen Übergänge klar wahrzunehmen, so dass sie sie benutzen konnten, um die verschiedenen Spiele zu spielen, aus denen sich die Choreographie zusammensetzt.

Was mich im Allgemeinen an choreographischer Arbeit interessiert, sind die Fragen nach den Arten und Weisen der Bewegungsproduktion und nach dem, was wiederum diese Bewegungen produzieren können. In „Ionisation“ lotet die Choreographie in ganz einfacher, fast banaler Art und Weise die Entscheidungsmöglichkeiten und -fähigkeiten innerhalb der Spielregeln aus, die die Interpreten in Bewegung versetzen und unterschiedliche Nähe- oder Distanzbeziehungen zwischen ihnen hervorrufen. Die Choreographie untersucht, wie wir unsere Körper in einem Raum ausrichten, oder wie diese Körper ausgerichtet werden, je nachdem welche Situation, welcher Raum, welche Zeit ihnen vorgegeben werden. Das bedeutet im gegenwärtigen Fall: durch die Musik, Varèses „Ionisation“, die die Choreographie strukturiert und die im Rahmen eines Education Projects live von den Berliner Philharmonikern gespielt wird. Das Ganze findet in der Berliner Arena statt, auf einer nicht-frontalen Bühne, mit 40 Kindern aus zwei Schulen, vor 2000 Zuschauern.

Arbeiten Sie mit den Kindern an tänzerischen Details, wie der Haltung und der Körperspannung?

Le Roy: Überhaupt nicht! Jede Situation, jedes Spiel, das ich ihnen vorschlage, löst bei ihnen, wenn sie sich gut auf das Thema konzentrieren, eine bestimmte Haltung aus, die gleichzeitig ihre ganz persönliche Haltung ist. Wenn zum Beispiel eines von ihnen rückwärts gehen soll, ohne jemand anderen anzustoßen, der hinter ihm steht, wird er eine persönliche Haltung und Herangehensweise einnehmen und nach einer Bahn suchen, die es ihm erlauben wird, die Bewegung auszuführen, die es benötigt, um diesen Moment auszuhandeln und weiterzuspielen. Ich sehe absolut keinen Sinn darin, zu versuchen, über diese Körper eine Kontrolle auszuüben und ihnen eine bestimmte Bewegungsart aufzuzwingen. Mir ist es lieber, dass sie diese Bewegungen entdecken, und wenn möglich, dass dieser Entdeckungsprozess während der Aufführung weitergeht.

Ich schlage den Kindern vor, ihre Körper in einer Situation zu begreifen, die ihnen zeigen kann, dass Lernen auch etwas anderes bedeuten kann, als etwas von jemandem, „der weiß", entgegenzunehmen und sich zu merken. Es kann zum Beispiel heißen, eine Situation zu suchen und zu entdecken. Die Tatsache, dass wir zu einem Ergebnis gelangen und uns gleichzeitig des Verfahrens und der Situation bewusst sind, in der wir uns befinden, bringt uns genauso weiter, wenn nicht sogar mehr, als wenn jemand kommt und uns sagt, was „gut" oder „schlecht" ist, und „richtig" oder „falsch". Ich versuche, diese Wörter niemals in den Proben zu verwenden und sie stattdessen durch die Bezeichnungen für unterschiedliche Qualitäten zu ersetzen.

Welchen Gewinn können die Kinder aus dieser Choreographie ziehen?

Le Roy: Es ist natürlich Sache der Kinder, darüber zu entscheiden. Vielleicht werden sie feststellen, dass jede Situation im Alltag, auf der Straße, auf dem Schulhof, eine Art „Choreographie“ darstellt, wo es unterschiedliche Dichtegrade der Verteilung von Körpern im Raum gibt und unterschiedliche Intensitäten zwischen diesen Körpern. Unter anderem deshalb performen sie bei uns in den Kleidungsstücken, die sie im Alltag tragen, denn so wird diese Erfahrung mit einem Blick auf ihren Alltag verknüpft. Wir spielen auf der Bühne keine Fiktion, sondern beschäftigen uns mit Situationen, die sich auf den Alltag beziehen und nur wie fiktive Situationen erscheinen. Die Kinder werden sich der Tatsache bewusst, dass sie ihre Körper durch einen Raum bewegen. Und natürlich sollen sie an dieser Arbeit Spaß haben und verstehen, inwieweit Spaß auch kreativ und produktiv sein kann.


Übersetzung aus dem Französischen: Frank Weigand


(29.3.2009)