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Schuld und Spiele

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WIENER FESTWOCHEN: SANJA MITROVIĆS DOKUPERFORMANCE "WILL YOU EVER BE HAPPY AGAIN"

Von Sabina Holzer


Während des Publikumseinlasses ist der Soundtrack eines Fußballmatches zu hören. Die Stimmung während des Spiels ist aufgeheizt. Sanja Mitrović steht ruhig auf der Bühne und scheint die hereinkommenden Zuschauer zu zählen. Als das Licht in der Tribune verlischt, sagt sie, „186 Partisanen haben überlebt“, und faltet gleich zu Beginn der Vorstellung Unterhaltung und Politik ineinander. Undramatisch und beinahe unauffällig wird vermittelt: Es geht ums Überleben.

Das Fußballmatch ist Ouvertüre und Paradebeispiel einer gesellschaftlichen Inszenierung. Wer sich die Übersetzung des englischen Begriffs match anschaut, wird auf einen komplexen Austausch hingewiesen: sich messen mit, zuordnen, passen zu, vergleichen, entsprechen, übereinstimmen. [*] Während eines Fussballmatches werden große Gefühle kanalisiert. Dabei werden populäre kulturelle Praktiken angewandt, die sich – angefangen von Riten des Anfeuerns, den patriotischen Liedern, der erklärten Solidarität mit der Nation etcetera – plötzlich in unberechenbare, gewaltsame Ausbrüche einer Meute verwandeln können.

Dieses Regelwerk, das sich sofort durch die bloße Soundeinspielung vermittelt, fungiert  als vielschichtige Kontextualisierung für die Dokuperformance „Will you be ever happy again“ von der in Serbien geborenen und in Amsterdam lebenden Performerin und Theatermacherin Sanja Mitrović. Es erinnert an das  Fussballspiel zwischen dem kroatischen Verein Dinamo Zagreb und dem serbischen Crvena Zvezda, während dessen es am 13. Mai 1990 zu heftigen, gewaltsamen Ausschreitungen kam. Oft wird dieses Datum als Akkumulation und Beginn der Unruhen in Ex-Jugoslawien genannt, deren Vorläufer freilich schon eine viel längere Präsenz in der europäischen Geschichte haben.

Kinderspiele um Krieg und Gewalt

„Als Kind spielten wir immer Partisanen und Deutsche. Wir waren die Partisanen. Partisanen waren toll, und die Deutschen waren Schwächlinge", erzählt Sanja Mitrović zu Anfang der Performance. Die Deutschen waren diejenigen, die immer verloren haben und deswegen nur von Außenseitern gespielt wurden. Um zu demonstrieren, wieviel Spaß dieses Spiel gemacht hat, soll es nun nochmals für das Publikum nachgespielt werden, so erklärt sie weiter. Jochen Stechmann kommt auf die Bühne und setzt einen grünen Stahlhelm auf. Er ist für diesen Abend ihr (Spiel-)Gefährte. Mitrovićs Erinnerungen sind Ausgangsmaterial der Vorstellung. Geschichten werden angerissen und bekommen durch das Nachspielen und den Einsatz von dokumentarischem Material konkrete und berührende Konturen. Bücher, Zeichnungen und Photos werden auf eine Leinwand projiziert, die am hinteren Ende der Bühne steht.

Was als Kinderspiel beginnt und anfangs vielleicht auch etwas naiv gespielt wird, entfaltet sich im Laufe des Abends zu einem komplexen Gefüge von individueller und kollektiver Erfahrung von Kriegen. Es geht um nationale Identitätsstiftungen, deren Einschreibungen in Geschichten, Liedern und Bildern. Die Künstlichkeit, die über das Kinderspiel eingeführt wird, verhindert falsche Betroffenheit, empathische Repräsentation und den moralischen Zeigefinger. Sanja Mitrović und Jochen Stechmann schlüpfen aus dem Erzählgestus in verschiedene Schablonen von Tätern und Opfern, die sie ausspielen, ohne sie emotional zu interpretieren. Dabei sind sie so physisch, dass man in besonders intensiven Momenten das Gefühl hat, sie wollten sich selbst die Geschichte austreiben.

Eine Geschichte, die 1945 beginnt und ihre gewaltsamen Fäden bis ins Heute spinnt. Sie wird über Markierungen erzählt: Titos Partisanen, Beethovens Ode an die Freude (seit 1985 die Hymne des Europarats), der Fall der Berliner Mauer, ein „Ariernachweis“, ein europäischer Pass und Geldscheine. Kinderbücher werden ausgepackt, die voll von Politpropaganda sind, Lieder werden gesungen, Fotos projiziert, Geschichten erzählt und weiterhin: Spiele gespielt.

Gerechter Austausch und Hetzparolen

In der Erinnerung an Tito, der im Zweiten Weltkrieg die kommunistischen Partisanen gegen die deutschen und italienischen Besatzer von Jugoslawien führte, heisst das erste Spiel: Deutsche-sind-Kakerlaken. Stechmann ist der Deutsche, und wenn Mitrović die Lampe anknipst, muss er weglaufen. So jagt sie ihn über die Bühne und tötet ihn mehrfach. „Jetzt bist du wieder tot.“ Die Wiederholung ist Begeisterung im Kinderspiel. Bis Jochen Stechmann plötzlich sagt: „Sanja, ich bin nicht glücklich.“ Er meint diese Rolle als ewiger Schwächling und Verlierer. Und weil Sanja und Jochen Freunde sind, darf er nun auch Partisane sein. „Wir sind Titos Partisanen!“ Auch dafür gibt es gleich ein Lied, ein Kinderlied: „Tod den Faschisten. Freiheit für Alle.“ Und „Niemals lässt ein Partisane einen anderen im Stich, und müsste er auch dafür sterben!“, lautete die Parole.

Ein anderes Spiel heisst Gerechter-Austausch. Es wird verhandelt und gefordert: „Ich gebe dir etwas Bitteres, du gibst mir etwas Süsses. Ich gebe dir etwas Schweres, du gibst mir etwas Leichtes.“ Lüge soll gegen Wahrheit getauscht werden, Kaputtes gegen Ganzes, Sauberes gegen Schmutziges und schließlich: „Ich gebe dir Visa, du gibst mir Kriegsverbrecher.” 
Ein weiteres Spiel: Ich-gebe-dir-Geld-und-du-machst-mich-glücklich. Geldscheine werden auf den Tisch gelegt. Das Angebot geht von 10 bis zu 500 Millionen Dinar.
Oder: Kannst-du-mich-jetzt-lieben? Der größte Trumpf in diesem Spiel ist der europäische Pass.

All diese Spiele unspielbar. Sie sind Machtspiele und genau deswegen keine Spiele. Sanja Mitrović und Jochen Stechmann inszenieren sie zwar, aber innerhalb kürzester Zeit vergeht ihnen selbst die Lust daran. Zu leicht verselbstständigt sich etwas während des Spielens; wird die Erinnerung an etwas aktiviert, woran man lieber nicht erinnert werden möchte.
So wie bei dem Spiel Sich-schlechte-Witze-erzählen währed dessen Mitrović plötzlich erzählt: „Ein Mann kommt zum Arzt. Er ist bekümmert, weil er keine Erektion bekommen kann. Der Arzt fragt nach seiner Frau, fragt, ob er Schlafprobleme hätte. Nein, sagt der Mann, er habe keine Frau und wäre auch nicht schlaflos. ,Na wo ist denn dann das Problem?‘, fragt der Arzt. Darauf der Mann: ,Nicht nur, dass mich meine Freunde bei der Armee verachten, ich habe ernsthafte Schwierigkeiten, wenn ich bei den Vergewaltigungen nicht mitmachen kann.‘“

Mitrovićs und Stechmanns Performance hat einen schnellen Rhythmus. Die Performer stolpern, angetrieben von einer ungestümen Lebenslust, in die Abgründe von Kriegen, die sie selbst überlebt haben. Sie spielen mit hohem Einsatz. Im Aufzeigen der Fakten geben sie allgemeine Anknüpfungspunkte, die durch ihre Verkörperungen eine persönliche Note bekommen. Sie vermitteln die Gewalt von Kriegen als anhaltendes Trauma und die Unmöglichkeit, sie direkt zu teilen. Fäden von Geschichten aufgreifend, verflechten sie Fakten, um Fragen zu stellen, und aktivieren so das kollektive Gedächtnis.

Gegen Ende der Performance grölen die beiden: „We are the Champions / No time for losers / 'Cause we are the champions...“ Dieser Hit reiht sich in ein Absingen von Hetzparolen. Je länger und lauter sie singen, um so stärker verzerren sich ihre Körper. Es ist paradox und verzweifelt. Am liebsten mitspielen und siegen, nur ja kein Spielverderber sein. Es geht schließlich ums Überleben.


Fußnote:
[*] http://www.dict.cc/englisch-deutsch/to+match.html


(9.6.2010)