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WIE ALEXANDRA BACHZETSIS IN DER ZÜRCHER GESSNERALLEE BLUFFT
Von Andrea Salzmann
Wir kennen sie, die Gesten aus Filmen und Werbungen, Musikclips und Zeitungen. Sie sind einfach da - und sie sind überall. Es ist so gut wie unmöglich, ihnen zu entkommen. Sie prägen, auch wenn sie nicht bewusst wahrgenommen werden, die kollektiven Sehgewohnheiten und sind so zu Bestandteilen eines medialisierten Körpers geworden.
Für „Bluff“ gräbt die Schweizer Choreografin Alexandra Bachzetsis in den Archiven körperlicher Öffentlichkeiten und serviert ein buntes Potpourri ausgefeilter Tanzeinlagen, in welchen sich körperliche Oberflächen von einem/r PerformerIn zum/r nächsten und wieder zurück verschieben. Körperoberflächen werden zu Projektionsfeldern, und die Frage liegt nahe: Wer blufft hier eigentlich wen?
Mit einem akustischen Vibrieren, das der Elekro-Musiker Richard Dorfmeister (vom Band) erzeugt, werden wir eingeladen, in den Abend einzutauchen. Gilles Polet eröffnet den Abend als Performer. Er läuft mehrere Runden im Kreis. Seine türkisen Schuhsohlen leuchten, und er verlangsamt seinen Schritt, während die Beats zu wirken beginnen. Die Tänzerin Franziska Aigner „übernimmt“ den dumpfen Bass-Sound mit der Hüfte. Langsam weitet er sich in ihrem Körper aus, wird schneller und enthusiastischer. Dringt hoch bis ins Gesicht mit dem knallrot geschminkten Mund, aus dem sie mit charmanter Mühe einen überdimensional großen, rosaroten Kaugummi in einen Luftballon verwandelt. Genussvoll lässt sie den Ballon über ihrem Kopf zerplatzen - Silberglitter überall, alles glänzt. Von einer Discoqueen wird sie zur Yogagöttin. Oder doch zur Schlangenfrau aus dem Zirkus?
Saga Sigurdardóttir spielt - wunderbar lasziv - verschiedene Bondage-Praktiken an sich durch, um dann in einer ironischen Brechung die schwarze, zähe Schnur als essbar zu entlarven: Lakritze vermutlich. Jazz Dance durchmischt sich mit einem aufreizenden Ritt auf einem fiktiven Stier: Der Cowboyhut wird illustrativ geschwenkt. Hip-Hop und Bodybuilding werden mit Kuschelrock-Romantik bis hin zu Soft-Porno-Posen gewürzt.
Jonglieren mit Identitäten
Plötzlich fällt ein Schuss. Ketchup spritzt aus der Tube, Mordopfer werden drapiert. Die Musik verändert sich, und schon sind wir im Film. „So much Tenderness“ [1] trällert es, und die beiden Performerinnen wälzen sich über den Boden, um schließlich die Bühne freizumachen für die große Zaubershow des Abends: Rote Kugeln werden jongliert, verschwinden in einer Lederjacke und tauchen wieder auf: „Only after dark“, [2] verrät uns die Musik. Death Metal krönt den musikalischen Illusionsraum mit Nebel und Stroboskop-Blitz: Posing ohne Ende. Entlassen werden wir mit einem 80er Disco-Hit „Something's gotten Hold of my Heart“ [3].
Das Spiel mit Identitäten, mit An- und Abwesenheit von bekannten Referenzpunkten wird hier noch einmal besonders explizit. Die PerformerInnen singen, werden vom Band abgelöst, singen dann doch ins Mikro, singen wieder ohne Mikro, und dann singen sie Off Stage. Wir wissen: hier ist nichts „echt“, hier wird gedoubelt und simuliert, was das Zeug hält. Schlussendlich kommt alles wieder zurück in den großen Gesten- und Bewegungstopf, aus dem sich jede/r frei bedienen darf.
Ein bisschen beliebig bleibt das Ganze und dem sicheren Terrain einer Hochglanz-Ästhetik verhaftet, in die sich auch die kleine Sauerei mit Blut und Pommes ohne weiteres integrieren lässt. Diese Art von Chic verblüfft durch seinen Wiedererkennungswert, diese Art der Täuschung ist stets durchzogen von einem ironischen Hauch, der aber leider nur selten die varietéhafte Ineinanderreihung von populärkulturellen Referenzen aufzubrechen vermag.
Fußnoten:
[1] So much Tenderness, Guenther Kaufmann, aus: „Der Amerikanische Soldat“. Regie: Rainer Werner Fassbinder, BRD 1970. http://video.filestube.com/video,b208af092dccaeb803e9.html
[2] Only After Dark, Tito & Tarantula, aus: „From Dusk Till Dawn“. Regie: Robert Rodriguez. USA 1996.
[3] Something's gotten Hold of my Heart, Gene Pittney, 1967. Marc Almond & Gene Pittney, 1989.
Premiere 12. November 2009: Theaterhaus Gessner Allee, Zürich. Weitere Aufführungen: 20. - 22. November 2009 in der Kaserne Basel.
(19.11.2009)
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