Positiver Klimawandel?

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EIN SYMPOSIUM DER WIENER OFF THEATER- UND TANZKURATORINNEN IN WIEN

Von Norma Jean Sedlmayr


Das Kommunikationsklima in der Wiener Theater- und Tanzszene ist möglicherweise dabei, sich zu verändern. Das kam während eines Symposiums zutage, das die drei scheidenden KuratorInnen für Off-Theater und Tanz der Stadt Wien Angela Glechner, André Thurnheim und Marianne Vejtisek am 3. und 4. April 2009 im brut Theater veranstalteten. Der Titel der zweitägigen Arbeitsgespräche: „Wie beeinflusst öffentliche Förderung die Qualität der freien Theater- und Tanzszene?“

In drei Diskussionsgruppen wurden die Frage nach den Qualitätskriterien für künstlerische Arbeiten, die Frage nach den am besten geeigneten Fördermodellen und die Frage nach den (Ausbildungs-)Institutionen für Tanz und Theater erörtert. Die ModeratorInnen dieser Gruppen zogen am zweiten Tag Bilanz, und corpus hat gut zugehört.

Bei der Verhandlung der Qualitätskriterien, so Berno Odo Polzer (Wien Modern), konnten sich die Beteiligten seines Arbeitskreises nur „im Unmessbaren“ bewegen. Veranstalter, Jurys und Kunstkritiker operierten notwendigerweise mit unterschiedlichen Definitionen von Wertungen. Auch die Leitpapiere von Subvertionsgebern hielten sich mit ihren Kriterienvorgaben eher im Allgemeinen. Eine gültige Richtlinie sei schlichtweg nicht formulierbar. Polzer, der Mitglied der Wiener Theaterjury war, die für die Vergabe der jüngsten Vierjahrestranchen verantwortlich zeichnete, merkte an, dass der nun erfolgende komplette Austausch des für Projektförderungen verantwortlichen Kuratoriums für Off-Theater und Tanz nicht sinnvoll sei. Fließende Übergänge seien hier die weitaus bessere Option, weil andernfalls viel von dem Wissen verlorengehe, das die KuratorInnen im Lauf ihrer Tätigkeit erworben haben.

Zu viele Grauräume

Christine Standfest (theatercombinat) kritisierte die Verbundenheit von Kunst- und Sozialpolitik in der derzeitigen Förderpraxis: „Zuweilen scheint es, als würde dabei immer wieder über Alimentierungen gesprochen." In Wien fehle ein Kunstförderungsgesetz, was - und hier stimmten die anwesenden Vertreterinnen der IG Freie Theater und IG Kunst zu - die Verhandlungsbedingungen mit der Verwaltung überaus schwierig mache. Sehr deutlich wies Standfest auch darauf hin, dass in den Kulturverwaltungen des Bundes wie der Stadt weder Begeisterung noch ein Commitment für Kunst und Kunstschaffende gebe: „Das derzeitige behäbige Delegierungsdenken jedenfalls reicht nicht aus." Schon gar nicht dafür, Visionen mit den KünstlerInnen zu entwickeln.

Die Leiterin des Grazer Festivals steirischer herbst Veronica Kaup-Hasler stellte fest, dass es in Österreich keine zeitgenössische Ausbildung im österreichischen Theatersektor gebe. Es sollten heute, meinte sie, eher bestehende Institutionen aktualisiert als neue Ausbildungen aus dem Boden gestampft werden. Zur Wiener Theaterreform müsse gesagt werden, so Kaup-Hasler, dass die Realpolitik sich immer noch zu vieler Grauräume bediene. Unklar bleibe stets, welche Gelder über die offiziell ausgelobten hinaus es noch gebe - eine Anspielung darauf, dass in Wien über Standortförderungen Mittel an den Kuratorien vorbeifließen. Dass eventuell Parteizugehörigkeiten die Vergabe von Mitteln beeinflussten, sei ein Missbrauch der Kuratoren. Damit spielte Kaup-Hasler darauf an, dass in Wien dem Vernehmen nach 7,5 Mio. Euro für Standortförderungen gegen 2,5 Mio. Euro für Projektförderungen stehen.

Im Publikumsgespräch danach kristallisierte sich heraus, dass die KünstlerInnenschaft der Wiener Szene endlich von der Opferrolle, in die während der vergangenen Jahre geraten sind, loskommen wollen. Über Künstler bei aller Prekarisierung immer als Sozialfälle zu sprechen, sei kontraproduktiv, meinte Standfest mit großer Zustimmung aus dem Publikum.

Kritik an Medien

Kritisiert wurden auch die österreichischen Medien, die es nicht verstünden, eine kritische Öffentlichkeit in Bezug auf die Kunstdebatte herzustellen. Unter Beschuss geriet dabei als pars pro toto eine Wiener Tageszeitung: Mit Attersee, Fussenegger und Pluhar als dominante Figuren im Feuilleton sei man dort weit weg von einer zeitgenössischen Kunstreflexion. Die bis dato passive Kulturverwaltung reagiere nur auf Druck von aussen, und gerade da seien keinerlei mediale Aktivitäten festzustellen.

Als hoch problematisch sahen die Diskutanten die Intransparenz von Entscheidungsfindungen und das Nichteinhalten von einmal getroffenen Entscheidungen in der Kulturpolitik an. Trotzdem wurde eine Hinanstellung von Kampfrhetoriken zugunsten von neuen Formen der Einbindung von Politik vorgeschlagen. Denn mit dieser gebe es zur Zeit keinen Dialog. Und wirklich: kein einziger Vertreter der Kulturpolitik und -verwaltung der Stadt Wien und des Bundes waren zu dem Symposion gekommen. Es waren, meinte Berno Odo Polzer, solche „Kommunikationsstörungen und problematische Gesprächsebenen“, die auch die Umsetzung der Wiener Theaterreform so schwierig gemacht haben.

Tatsächlich muss jeder Kulturbeamte und -politiker in Wien bei solchen öffentlichen Veranstaltungen damit rechnen, recht unsanft auf das breite Spektrum dringlicher, möglicher oder manchmal auch unmöglicher Verbesserungen angesprochen zu werden. Das senkt den Anreiz, sich Diskussionen zu stellen, offensichtlich erheblich. Menschlich ist das durchaus verständlich.

Die öffentliche Auseinandersetzung bedarf also offenkundig einer neuen Form des Aufeinanderzugehens, um den Zustand eines permanenten Einanderverdächtigens abzustellen. Jean Pierre Hoby, Kulturchef der Stadt Zürich, gab zu, dass Kulturpolitik einen reflexhaften Hang zu jener Vorzeigekunst habe, die eher im Tourismus anzusiedeln sei, und machte klar: „Aufgabe der Kulturverwaltung ist es lediglich, Rahmenbedingungen herzustellen.“ In Zürich dürfe die Kulturpolitik sich nicht in die Verteilung der Gelder einmischen. Das sei ausschließlich Sache der zuständigen Kommissionen.

Eine neue Kulturpolitik?

Aufhorchen ließ die Bemerkung einer jungen Choreografin am Ende der Diskussion: „Die Kulturpolitiker sollten wieder Spaß daran haben, mit uns zu reden." Und in der Tat scheint das Symposium, in dem ein ganzer Katalog an zu lösenden Problemen beinahe ohne die ansonsten üblichen Ressentiments und unter der ausgezeichneten Moderation des profil-Kulturredakteurs Peter Schneeberger auf den Tisch kamen, ein Vorbote für eine neue Gesprächskultur gewesen zu sein: für eine Art, miteinander zu kommunizieren, die Fragen von Ästhetik und Qualität, Finanzierung und Ausbildung, Institutionen und Vernetzungen auf einer Ebene gegenseitigen Respekts verhandelbar macht.

Im Kunstfeld, sowohl bei Künstlern, Kuratoren und Veranstaltern, ist die Zeit der notorischen Jammerei in die Kritik geraten, und es gibt eine Menge Ideen zur Lösung der anstehenden Probleme. Es scheint also, als könnte die Wiener und österreichische Kulturpolitik schrittweise neu aufgesetzt werden. Ohne Kritik und Kontroversen wird das nicht gehen, aber diese sind ja ein Zeichen von funktionierender Demokratie.


(4.4.2009)