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Peinlich: e) (Un-)Sichere Zonen

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GRAND OPENINGS, MICHAEL SMITH, HEIMO ZOBERNIG, ANDY WARHOL & IT'S OUR PLEASURE TO SERVE YOU IM WIENER MUMOK

Von Christa Benzer


Peinlichkeit ist im Grunde eine interessante Erfahrung. Sie hängt einerseits mit gesellschaftlichen Konventionen zusammen und bringt andererseits das Intime, den Körper und das Individuelle ins Spiel. Die feministischen Künstlerinnen der 1970er Jahre haben diesen „wunden“ Punkt insofern produktiv gemacht, als dass sie mit ihren Performances an der Schnittstelle von Privat und Öffentlich operierten, wodurch das Peinliche eine zwangsläufige Begleiterscheinung ihrer Arbeiten war. In der vom Wiener Mumok gemeinsam mit dem Tanzquartier kuratierten Performance-Reihe „Nichts ist aufregend...“ war man sich, was die produktiven Effekte des Affektes betrifft, nicht immer ganz sicher.

Spaß in der Factory 

Eröffnet wurde mit der Projektgruppe „Grand Openings“, die den vorgegebenen Bühnenraum in der Mumok Factory gleich zu Beginn auf die verschiedenen Ebenen des Hauses ausgeweitet haben. Mit dezidiertem Bezug auf die Ursprünge der Performance-Kunst, in der das Hinterfragen des hierarchischen Verhältnisses zwischen Performer und Publikum wesentlich war, konnte sich das Publikum frei zwischen den parallel statt findenden Acts bewegen und entweder dem Lesen eines Manifestes zuhören, betont peinlichen Tänzern zuschauen oder sich einfach von den Publikumsmassen zum nächsten „Ereignis" mittreiben lassen.

Dramaturgie, Linearität sowie der Überblick über die Inszenierung traten hinter die kollaborativen Praktiken und den sichtlichen Spaß der Performer (Ei Arakawa, Jutta Koether, Jay Sanders, Emily Sundblad und Stefan Tcherepnin) zurück, die mit ihrem „Anti-Spektakel“ eine sehr gelungene Einführung in das Thema Peinlichkeit und Performance machten.

Ohne Pointe

Über die Pointen, die das „Grand Opening" dem Publikum sehr bewusst vorenthielt, stolperte man am nächsten Tag in einem Screening des in Amerika sehr populären Komikers Michael Smith: Er präsentierte filmische Dokumente von Performances von Vito Acconci und Roman Signer, aber auch Auftritte von Stand-up Comedians wie Andy Kaufmann sowie Ausschnitte aus Filmen von Jacques Tati, dessen Begriff des Peinlichen für die Arbeit von Michael Smith ebenfalls wesentlich war.

Das Einbeziehen seiner Position in die Reihe war aber nicht nur amüsant, sondern eröffnete auch insofern eine sehr spannende Perspektive, als dem Komiker sowie seinen Vorbildern das Peinliche als Mittel zum Entlarven der herrschenden gesellschaftlichen (Miss-)Verhältnisse dient. Dass er sich dabei nicht in die Position des Allwissenden setzt, sondern aus der Position des „Narren“ agiert, hob seine Performance positiv von der Aufführung des „Nature Theater of Oklahoma“ [siehe „Peinlich: a) Fatale Auditions“ von Helmut Ploebst] ab, die in ihrer Performance die Disziplinierungstechniken im Tanzbereich zum Ausgangspunkt machten.

Ähnlich wie die äußerst fragwürdige Familienaufstellungs-Performance von Peter Stamer baute auch ihre Aufführung auf der Unwissenheit des Publikums und eines Teils der Performer auf. Letztere wurden von der New Yorker Truppe zu einer spielerischen Audition geladen und folgten dann auf der Bühne genauso „spielerisch“ ihren autoritären Anweisungen. Ohne dabei die realen Arbeitsbedingungen im Tanzbereich auch nur ansatzweise zu thematisieren, wurden die PerformerInnen aufgrund ihrer Bemühungen bloßgestellt und vom Publikum ausgelacht, dem man damit eine denkbar unproduktive Reaktion auf das Peinliche entlockte.

Bloßstellen, aber was?

Dass Auslachen und Bloßstellen umso spannender werden, je höher sich die „Opfer“ in der gesellschaftlichen Hierarchie befinden, zeigte sich am Freitag bei Heimo Zobernig, der mit seinem Auftritt zudem bewies, dass sich weiter oben auch die Positionsverlust-Angst deutlich zuspitzt. Er selbst tauchte auf der Bühne nicht auf, sondern schickte ein „Double“, das „seinem Double erklärt, wie man eine Performance macht“.

Seine Wahl fiel auf die beiden bildenden Künstlerinnen Tina Jakob Knebl und Lone Haugaard Madsen, denen er einen Text zum Vorlesen gab. Anstatt diesen vorzutragen, redeten die beiden Frauen über die Umstände, die sie auf die Bühne brachten: Zobernig wollten sie nicht absagen, weil sie ihn nett finden, auch wenn er langweilige Texte schreibt. Und darüber hinaus wurden sie nicht müde, ihre eigenen Namen zu erwähnen, um selbst auch ein wenig von dem Auftritt zu profitieren. Ohne sich selbst lächerlich zu machen, manövrierten sich die Künstlerinnen so durch die von Zobernig vorgegeben 45 Minuten, wobei sich der thematische Kontext irgendwann auch als eine Art Schutz erwies.

Schutzlos ausgeliefert

Vollkommen schutzlos wirkten dagegen die beiden „Versuchspersonen“, die Andy Warhol in seinen „Screen Tests“ der Kamera ausgesetzt hat. Gezeigt wurden die beiden etwa einstündigen Filme in einem Screening, in dem die Autorität und Entblößungskapazität der Kamera im Mittelpunkt stand, während die Video- und Filmvorführung am letzten Tag um die Wiederaufnahme und Aneignung performativer Strategien in den aktuellen Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern (u.a. Bernadette Corporation, Bonnie Camplin, Mark Leckey, Daria Martin) kreiste.

Erfreulicherweise führten diese von dem gemeinen Gebrauch der Peinlichkeit weit weg hin zu subtileren Formen, in denen die überkommene Aufspaltung zwischen Affekt und Verstand ebenso ausdifferenziert war wie in der Abschlussperformance, mit der das poppige amerikanische Performance-Kollektiv „It´s Our Pleasure To Serve You“ den Coolness-Faktor von Raserei, Ekstase und Hysterie in ebenso dilettantischer wie lustvoller Eigenregie auslotete.


(27.4.2008)