Ohweiohwei - A Fairy Tale

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Von Peter Stamer

9. Juli 2007. Jetzt sind sie weg. Alle. Keiner wurde zurückgelassen, wenn man dem Hessischen Rundfunk glauben darf. Alles hat geklappt, keine besonderen Vorkommnisse bei „1001 - A Fairy Tale", vom chinesischen Architekten und Künstler Ai Wei Wei organisiert. 1001 Chinesen während vier Wochen auf der Documenta 12, in fünf Gruppen zu 200 nach Kassel expediert. Flug und Unterkunft frei, Essen kochen wollte der Meister auch. Wenn er die Zeit dafür fände, wie er in einem Interview sagte. Ein Kunstprojekt, das sich Ai Wei Wei durchaus beim Kochen hätte ausdenken können. Man stellt sich vor, wie der Künstler in der Küche seines Hauses in Caochangdi jenseits des fünften Pekinger Rings sitzt, oder besser in der Küche seines eigenen Restaurants mitten in Peking. Nach einer großartigen Runde mit bestem Essen sitzt er spätnachts um 3 Uhr im Kreise seiner Freunde bei der letzten Flasche Rotwein (jawohl: Rotwein) zusammen.

30. Juni 2006. Eine warme Sommernacht in Peking. Irgendwo läuft ein Fernseher, Fußball-WM.

Ai Wei Wei: (wendet die rotweinschweren Augen vom Fernseher ab) Wäre es nicht großartig, wenn wir ein paar unserer armen Landsleute mal aus unserem schönen, großen China wegschicken würden? Damit sie die Welt sehen, wie ich sie in den 90er Jahren habe sehen dürfen. Ach, New York... (Ai schaut in sein Glas, dreht die Neige und denkt an seine Zeit in Big Apple. Große Häuser.)
Freund 1: Das wäre wirklich super!
Freund 2: Wirklich. Superidee! (Sie prosten Ai zu)
Ai:  Von wegen ein paar: Viele, sehr viele. Das muss Größe haben, das Ganze.
Freund 1: Superidee! Wirklich!
Ai:  (Seine Pupillen weiten sich, visionierend) Ich sehe 1,000.000 Chinesen auf dem Weg nach Europa, zu Wasser, zu Lande, zur Luft. Alle unterwegs, aufbrechend in die weite Welt, Entdeckungen, wie sie seit Kolumbus' Westerkundung nicht mehr vorgekommen sind. Und alle tragen sie China in die Welt. Und sie müssen essen, und schlafen, und kacken. Und diese unvorstellbare Mengen an Essen und Fäkalien, die meine Landsleute produzieren würden. Diese Tonnen von Reis, Fleisch, Nudeln, Gemüse, verdaut, verbaut zu riesigen Scheißeskulpturen, wie seit Dieter Roth nicht mehr.
Freund 2:  (denkt: Dieter Roth?! Who the fuck...? Und sagt:) Superidee!
Ai:  Und ihre Träume! Die Träume meiner Landsleute, wie sie in ihren Bettchen schlafen und sich die Welt im Schlaf vorstellen würden. Sie mit ihren Träumen erobern. Ein großer surrealistischer Traum aus China. So viele chinesische Träume außerhalb Chinas, geballt an nur einem Ort. (Im Fernsehen hält Jens Lehmann gerade den entscheidenden Elfmeter im Viertelfinale gegen Argentinien. Ais Augen weiten sich ins Uferlose) Und das alles im Sommer. Ein chinesischer Sommer! Ein Sommermärchen, wir brauchen ein Sommermärchen, ein chinesisches Sommermärchen, ein...

Decken wir das Geschirrtuch über diese Küchenphilosophiererei und wenden uns den Fakten zu. Wie die Süddeutsche Zeitung nämlich vor ein paar Monaten berichtete, ist Ai Wei Wei der Einfall zu „A Fairy Tale" bei einer Wanderung zugefallen. Der Künstler bestieg gemeinsam mit seinem Schweizer Galeristen Urs Meile einen Berggipfel. Ganz wie Petrarca, der 1336 mit der Besteigung des provencalischen Mont Ventoux sein Ich am Horizont aufsteigen sah und damit ein neues Zeitalter einläutete, sah Ai in die Wolken geschrieben: 1001 CHINESEN FLIEGEN ZUR DOCUMENTA, schrie auf, stolperte vor Begeisterung, und Meile rieb sich die Hände. Vielleicht auch nicht. Urs Meile könnte sich vielmehr ratlos die Nase gekratzt haben, wie das alles zu finanzieren sei.

16. Juni 2007. Dass aus Kostengründen zwei von den 1001 Chinesen zuhause bleiben mussten, ist nicht wahr. Einer von den durch ein Monate dauerndes Bewerbungsverfahren gefundenen Kandidaten durfte als ehemaliger Polizist nicht ausreisen, der andere hatte schlicht keinen gültigen Reisepass für den Reisespass. So what? Dafür aber jetzt der Hessische Rundfunk im erregten Fernseh-O-Ton über das chinesische Kommen: „Nur 2, die anderen dürfen ausreisen, das ist fast ein Märchen", jauchzt die Sprecherin aus dem Off. Fast ein Märchen, das ist fast läppisch für Kassel, in der die Brüder Grimm den Grundstein ihrer märchenhaften Karriere gelegt haben. In der Dokumentation des Hessischen Rundfunks ist zu sehen, wie Ai Wei Wei mit Schrubber und Wasser höchstpersönlich (!) die Fabrikhalle säubert. Daneben bauen fleißige deutsche Hände Feldbetten auf, die voneinander durch weiße Vorhänge abgetrennt werden. Hundertfache Privatsphäre auf je 1 x 2 Metern.

Wieder 9. Juli 2007. Jetzt sind sie also alle weg. Dazwischen eben das, was Touristen eben so tun, wenn sie in einer Stadt sind. Schlafen, Essen, Gucken, Reden, Essen, Verdauen, Kacken, Essen, Schlafen. Sie werden nichts davon ausgelassen haben. Mitnehmen durften sie ihre Leintücher, auf denen das Signet des Projekts aufgestickt war, eine stilisierte 1001. Zurückgelassen wurden dafür alte chinesische Holzstühle, auf denen sie gesessen haben sollen. Sie sollen nun verkauft werden, um das Projekt zum Teil refinanzieren zu können. „Die 1001 antiken Stühle, auf denen die Gäste aus China in Kassel saßen, sollen in Gruppen, das Stück für 3.000 Euro, über eine Schweizer Galerie in Luzern verkauft werden." (hr-online.de, Zugriff 9. Juli) Jetzt reibt sich Urs Meile also die Hände. 3000 x 1001 = 3,003.000 Euro. Wenn der Galerist die üblichen 50% behalten darf, ist das eine Menge Geld dafür, dass sich die chinesischen Gäste lediglich ihre Hintern auf den antiken Stühlen platt gesessen haben.

15. Juli. In Salzburg ging das Sommermärchen am Wochenende zu Ende. Am Sonntag reisten alle nach dem ayurvedischen Dinner vor dem Schloss ab. Der letzte Chinese hier bei der sommerszene, offziell zumindest, war Ben Huang, der Godfather der chinesischen DJ-Szene, der am Samstag Abend mit Minimal Techno die Leute in der republic zur Massenbewegung bringen sollte. Einer also noch hier. 1 = 1001, hat Ai Wei Wei in der HR-Dokumentation zu seinem Documenta-Projekt gesagt. Der einzelne sei das Kunstwerk: „Unser Kunstwerk sind nicht einfach 1001 Menschen, sondern es zählt das Bewusstsein jedes einzelnen, sein Verstand, sein Tun, seine Erfahrung." Hoffen wir, dass das erfahrene Tun an den Turn-Tables von DJ Ben Huang mein Bewusstsein verändern wird. Ein Mann, eine Rille. Werde 1001, Scheherazade, und erzähle mir ein Sommermärchen.

 

[23.7.2007]