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ART+COM UND TX-TRANSFORM BEAMEN DEN BLICK IN DIE ZEIT UND DREHEN DIE RAUMZEIT DER CHOREOGRAFIE UM
Von Helmut Ploebst
Die Ars Electronica ist eine wahre Fundgrube für Forschungen an künstlerischen Phänomenen, die choreografische Strategien beinhalten oder transmedialen Tanz zeigen. In seinem Labor „Versehen“ hat corpus intensiv über diesen Bereich geforscht, und es stellt sich in der Folge heraus, wie nachhaltig diese Forschungen wirken.
Nur ein besonders signifikantes Beispiel sei hier aus dem Programm der Festivalausgabe 2009 herausgestellt: In seiner History Lounge im Linzer Brucknerhaus präsentierte die „Ars“ eine Arbeit von ART+COM aus Berlin, die eine signifikante, insbesondere im Zusammenhang mit den Untersuchungen von corpus über den Experimentalfilm erkennbare Referenz für den erweiterten Choreografiebegriff liefert.
Das 1995-2007 laufende ART+COM-Projekt „Invisible Shapes“ (genauer: „The Invisible Shapes of Things Past“) übertrug Filme in den Raum. Die Einzelbilder einer Filmsequenz werden dem Weg der Kamera mit ihren Strecken und Schwenks entsprechend aneinandergereiht, wodurch ein in seiner Primärform balkenähnliches Volumen entsteht, das die Bewegungen der Kamera zu einer Zeitskulptur werden läßt.
Nicht zufällig erinnert dieses Verfahren an die phänomenale Kameratechnik tx-transform des Wieners Martin Reinhart, in der Zeit- und Raumachsen vertauscht werden, wodurch das Gefilmte in seiner Zeitrepräsentation und nicht in seiner Raumpräsenz sichtbar wird. Reinhart hat übrigens auch bereits mit Tänzern gearbeitet, die diese Technik selbstverständlich interessant finden müssen - etwa 2003 mit Salva Sanchis in einem „tx-dance“. Die Zeit verzerrt die Figur, dehnt oder staucht sie und vor allem verliert der tanzende Körper seine raumbedingte Konsistenz, was wiederum auf die Selbstwahrnehmung von Tänzern referiert, wenn sie sich auf bestimmte Bewegungsdetails und Körperpartien konzentrieren.
ART+COMs „Invisible Shapes“ verwandeln den Kader in ein Objekt, indem sie die Zeit durch ein Stapelverfahren sichtbar machen und damit die Projektionsfläche verlassen. In einem Kommentar zum Hintergrund des Projekts heißt es:
„Beeinflusst durch den aufkommenden Film und mehrfach belichtete Fotografien, lösten Kubisten und Futuristen in ihren Bildern und Skulpturen die lineare Darstellung von Raum und Zeit auf. Sie versuchten, Darstellungsformen für Bewegung zu finden und führten die Abbildung multipler Zeiten und Perspektiven eines Objekts ein. Zur gleichen Zeit entwickelten Künstler wie Fischinger, Ruttmann und Eggeling den „Absoluten Film", dessen Ziel es war, sich von der Abbildung alles Gegenständlichen zu befreien, Abstraktion mit filmischen Mitteln herzustellen und so die Malerei zu erweitern. Neben vielen anderen Techniken wurden dünne Scheiben eines Knetklumpens abgeschnitten und die sich dadurch kontinuierlich verändernde Schnittfläche mit einer Trickfilmkamera Bild für Bild abgefilmt. Das Ergebnis war die Auflösung dieses Objektes in Einzelbilder, die zusammengesetzt eine Kamerafahrt durch das Objekt darstellten.“ (zit. von http://www.aec.at/humannature/category/history-lounge)
Dieser reduktive Prozeß ist bei den additiven „Invisible Shapes“ umgedreht. Die in den Computersimulationen der Gruppe entstehenden Skulpturen machen die nicht linearen Bewegungen der Kamera als plastisches Objekt sichtbar, in dessen Innerem das Bild in Form einer räumlichen Struktur geladen ist und dessen Oberflächen die Ränder der einzelnen Kader zeigen.
Ab 2006 wurden die digitalen Objekte durch 3D-Drucker in physische Skulpturen umgewandelt, also aus dem vituellen in den analogen Raum geführt, wodurch physische choreografische Objekte entstanden, die ihre Form über die Kamerabewegung erhalten, deren Inneres aber die Bewegungen der gefilmten Objekte als „eingegossene“ Formen enthält. Die Bewegungen der Motive und der Kamera machen Form und Schnitt der Skulpturen aus.
Was tx-transform und die „Invisible Shapes“ miteinander verbindet, ist die bildliche Darstellung von Zeitabläufen in Form von Raumanalogien, was im ersten Fall zu einer Zerdehnung und Formtransformation der gefilmten Körper führt und im zweiten Fall zu einer Objektivierung von Abläufen. Die Kinematografie tritt dabei in eine Wechselwirkung mit der Choreografie und geht sogar in eine solche über, sobald die Organisationformen der Abläufe selbst gelesen und analysiert werden.
Dabei wird das Raum-Zeit-Verständnis in der Choreografie zu einem prozessualen Zeit-Raum umgedreht. Das Bild verliert in diesen Verfahren seine „dokumentierende“ Autorität. Es wird de-monstriert zum Material und als solches in das Bewußtsein der Betrachter geführt, die - irritiert - mit diesen neuen Formen umgehen müssen. Dabei wird klar, wie eine Welt aus der Perspektive der vierten Dimension aussehen kann - durchaus in Analogie zu Patrica Portelas Performancetrilogie „Flatland“ (2004) und dem gleichnamigen Film von Seth Caplan, Dano Johnson und Jeffrey Travis aus dem Jahr 2007 nach Edwin A. Abbotts Satire „Flatland. A Romance of Many Dimensions“ von 1884. Dort werden die Unvorstellbarkeit und das utopische Potential des Dreidimensionalen verhandelt.
Für den 3-D-Menschen bedeutet die Visualisierung von Zeit einen ähnlichen Schock, eine äquivalente Hoffnung. Sowohl die aus dreidimensionaler Sicht beunruhigende Distortion (tx-transform) und die Verkapselung des Dreidimensionalität suggerierenden Bildes (daher: Invisible Shapes) objektivieren perzeptionspolitisch den Blick und involvieren ihn in seine zeitliche Organisation. Damit repräsentieren sie künstlerische Techniken mit hochvirulentem Zukunftspotential, die nur darauf warten, zu ihren Inhalten zu finden.
(12.9.2009)
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