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DER AI-SPEZIALIST ROBERT
TRAPPL, DER PÄDAGOGE ULRICH HERRMANN UND DIE REGISSEURIN JACQUELINE
KORNMÜLLER ÜBER DAS LERNEN: BERICHT VON EINER DISKUSSION
Von Bettina Hagen
Unter dem Titel „Intelligenzkonzepte & Individualisiertes Lernen, das Gehirn als soziales Organ“ waren Jacqueline Kornmüller, die als Regisseurin derzeit direkt in die Arbeit mit Schülern involviert ist, Ulrich Herrmann als ehemaliger Professor für Historische und Theoretische Pädagogik in Ulm und Tübingen und Robert Trappl, Leiter des österreichischen Forschungszentrums für artificial intelligence, zu einem Gespräch geladen. In dieser zweiten begleitenden Veranstaltung des Schulprojektes „I Like to Move It Move It“ ging es darum, die im Rahmen des Projektes praktisch umgesetzten Themen expliziter zu formulieren und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, aber auch persönlichen Erfahrungen zu verknüpfen.
In einer ersten Vorstellungsrunde waren die drei Teilnehmer aufgefordert, ein prägendes Erlebnis aus der eigenen Schulzeit zu schildern. Robert Trappl, geboren 1939, verwies in seiner Antwort zunächst darauf, dass seine ersten Lebensjahre während des Zweiten Weltkriegs geprägt gewesen seien von Luftschutzkellern und Verwundeten, die vor Schmerzen schrien. In der Volksschule dann ab 1945 musste er das Alphabet lernen, während er nach der Schule immer noch in Bombentrichtern spielte und miterlebte, wie einem Schulkollegen, der mit einem Hammer auf eine Granate schlug, der Arm abgerissen wurde. Doch eines Tages sagte die Lehrerin: „Wir machen ein Theaterstück.“ Das war plötzlich eine ganz andere Welt, denn es gab noch kein Fernsehen, und die Kinos waren zerbombt. Da sieht Trappl außerdem eine biografische Parallele zu Ulrich Herrmann, der in der Schule in Tschecows „Die Möwe“ die Hauptrolle spielte, während er, Trappl, die Titelrolle im „Rumpelstilzchen“ bekleiden durfte. Dazu trug er einen roten Regenmantel und hatte einen starken Abgang, wie es sich für Rumpelstilzchen gehört.
Anarchie im Internat
Ulrich Herrmann führt seine frühe Theaterkarriere auf den Umstand zurück, dass dasTheaterspielen damals die beste Möglichkeit gewesen sei, um die Mädchen zu beeindrucken. Vor 47 Jahren habe er so auch seine Frau kennen gelernt. Jacqueline Kornmüllers prägendstes Erlebnis in der Schulzeit war der Wechsel von einer öffentlichen Schule, die sie von einem wohlbehüteten Zuhause aus besuchte, in ein Internat, in dem unter den Kindern ein anarchistischer Zustand herrschte, der von Söhnen aus reichen Häusern dominiert wurde. Dafür gab es an dieser Schule Handwerkstätten, wo man sich etwa zum Automechaniker ausbilden lassen oder auch Töpfern erlernen konnte. Kornmüller hatte nach der Schule Kunstgeschichte, Literaturwissenschaften und Philosophie studiert, sich dann der Schauspielerei zugewandt, um es nach sieben Jahren als Schauspielerin in Köln schließlich doch als Regisseurin zu versuchen. Am Hamburger Schauspielhaus erarbeitete sie dann auch ihr erstes dokumentarisches Theaterstück.
Robert Trappl war 30 Jahre lang Professor für medizinische Kybernetik und artificial intelligence an der Wiener Universität. Seit seiner Emeritierung hat er zwei neue Vorlesungsthemen: Der glückliche Mensch. Ein Vergleich zwischen tradierter Weisheit und neuen Forschungsergebnissen - und Liebe, Versuch einer multidisziplinären Annäherung. Hauptsächlich aber leitet er das Institut für artificial intelligence, das er vor 25 Jahren gegründet hat. Seit Jänner arbeitet das Institut an einem Projekt mit dem Titel „Social engagement with robots and agents“. Soziale Beziehungen mit Robotern würden in immer stärkerem Maße eingegangen. Unter Agenten sind zum Beispiel Gegner und Akteure in Computerspielen zu verstehen, und diese haben „beliefs, desires und intentions“.
Emotion und Rationalität gehören zusammen
Auf die Frage, welche Definition von Intelligenz in dem Terminus „artificial intelligence“ stecke, antwortet Trappl knapp und präzise: Intelligenz ist das, was wir brauchen, wenn wir noch keine Lösung haben. Dabei kann die Fähigkeit zur Abstraktion und Begriffsbildung hilfreich sein. Intelligenz lasse sich auch an der Schnelligkeit der Denkabläufe messen. Mit Computern nun würden Leistungen erbracht, die der Mensch nicht so gerne macht, wie etwa das Wurzelziehen. Da gehe es noch um technische Lösungen, während es schon verfeinerte Modelle gebe, die menschliches Denken und psychische Prozesse nachahmen. Seit 15 Jahren werden, so Trappl, mit Computern auch Emotionen erforscht. Menschen, die weniger Emotionen haben, treffen schlechtere Entscheidungen, daher sei, klar, dass Emotion und Rationalität zusammengehören. In der Forschung über Künstliche Intelligenz seien Emotionen allzu lange ausgelassen worden (Trappl ist mit Paolo Petta und Sabina Payr Herausgeber des Buchs „Emotions in Humans and Artifacts", MIT Press 2003).
Gefragt nach den aktuellsten Erkenntnissen im schulischen Bereich, denn Schule ziele heute mehr denn je auf logisch deduktive Intelligenz ab, antwortet Ulrich Herrmann, der sich auch als Pensionär weiterhin mit Neurodidaktik beschäftigt, zunächst mit einer weiteren Frage: Sind unsere Schulen überhaupt darauf ausgerichtet, Intelligenz zu fördern? Zweifel seien angebracht, so lange nicht geklärt sei, was Intelligenz ist. In der Schule gehe es nicht um intelligente Lösungen, sondern um die richtigen Lösungen, und diese sind normiert und standardisiert. Forscher sagen: Jedes Gehirn ist das Ergebnis seines Gebrauchs. Kinder sollten nicht mit Aufgaben konfrontiert werden, die sie sich gar nicht gestellt haben, geistiges Klonen ist aussichtslos, natürliche Intelligenz wäre gefragt. In jeder Klasse, in der 20 Kinder sitzen, gibt es 20 intelligente Gehirne. Lernarbeit kann nicht synchronisiert werden, und Ergebnisse können nicht standardisiert werden. Individualisiert die Kinder, dann werden sie kreativ und intelligent! Doch dafür fehlen intelligente Schulen und entsprechende Lehrer. Und neben Theaterspielen, das das „social brain“ fördert, fehlen Erfolgszuversicht, Kreativität, Ermutigung sowie Freisetzung des einzelnen. Dabei handle es sich um Botschaften der Reformpädagogik seit 1900, und damit ist der Zeitraum der Intelligenzversäumnisse in Sachen Schulreformen zu bemessen.
Kinderrechte werden nicht gewürdigt
Jacqueline Kornmüller erzählt von ihrem eigenen Projekt für Linz09. Ihr fiel auf, dass Schule und Eltern Defizite haben. Keiner kümmere sich um die Kinder, sie erziehen sich selbst. In ihrem Projekt über Erziehung mit 11- bis 14-Jährigen erzählen die Kinder von Sanktionen und haben selber auch Lösungsvorschläge, wie es die Eltern besser machen könnten. Auch Lehrer würden ihre Schüler neu kennen lernen. Manche Schüler würden sich über das Theaterprojekt völlig neu positionieren: Früher waren sie nur miese Schüler, jetzt sind sie plötzlich tolle Schauspieler. Angesprochen auf Körperlichkeit, antwortet Kornmüller, dass das Bewegungsbedürfnis grundsätzlich bei allen vorhanden, aber auch sehr abhängig von den Alterstufen ist. Die Kleinen hätten erstmal nur Lust zur Bewegung, viele Schulen wünschten sich deshalb Choreografen. Theater ist schon eher etwas Anstrengendes, deshalb versucht sie keine neuen Dressurakte, sondern existenziellen Bedürfnissen mit elementaren Übungen von der Schauspielschule zu begegnen. Bei Workshops mit Lehrern stelle sich heraus, dass es einfach an Phantasie mangelt.
Auf die Frage der Regisseurin Anna Maria Krassnig, die auch eines der Schulprojekte leitet, ob es nicht auch Utopien und Entwürfe gebe, wie man die Schulzeit alternativ füllen könnte, antwortet Ulrich Herrmann, dass die Rechte der Kinder, wonach jeder die für ihn optimale Ausbildung bekommen sollte, noch lange nicht genug gewürdigt werden. Kinder müssten einfach erfolgszuversichtlich ausgebildet und Entwicklungspotenziale berücksichtigt werden. Wilhelm von Humboldt gab schon 1810 den Grundsatz vor, dass der Weg, den ein Kind einschlagen soll, nicht an seinem späteren Beruf und seinen Begabungen ausgerichtet sein kann, da wir beides noch nicht kennen. Vielmehr müsse jeweils ein eigener Entwicklungsgang ermöglicht werden. Schulbücher zeigten ja nur, was sich die Lehrer ausdenken. Dabei seien, so Herrmann, die Fähigkeiten des Ausdrucks, des klaren Sprechens und Denkens, soziale Zuwendung, Mathematisieren, Kalkulieren und Naturbeobachtungen eigentlich als schulische Ziele schon genug. Als Definition von Allgemeinbildung schlägt Herrmann vor: nimmt man die drei großen Gebiete der FAZ und der Süddeutschen Zeitung - Politik, Kultur und Wirtschaft -, dann sollte ein/e gebildete/r 18-Jährige/r die entsprechenden Seiten mit Verstand lesen und wiedergeben können.
Kein Geist ohne Körper
Das Gespräch kehrt nun zum Körper zurück, denn auch in der jüngsten Forschung zur künstlichen Intelligenz geht es um „Embodied Artificial Intelligence“. Robert Trappl schickt voraus: Es gibt den Geist ohne Körper nicht. Kinder und Erwachsene wollen sich bewegen, und die Intelligenzforschung in einem isolierten „Kästchen“ ist nicht möglich. Schließlich seien es „the four f’s: feeding, fighting, fleeing, fucking“, die jedes Lebewesen am meisten bewegen. Ein Gehirn, das aus 50 bis 100 Milliarden Zellen besteht, wird man nie nachbilden können, aber schon jetzt können 100 000 Gehirnzellen nachgebaut werden. Und während es schon ein großer Schritt war, artificial intelligence mit einem Körper zu verbinden, geht man heute noch einen Schritt weiter und versucht, Emotionen nachzubauen. In Trappls Selbstversuchen auf dem Gebiet des Tanzes hat er festgestellt, dass für ihn vor allem eine Mischung aus vorgegebener Choreografie und Improvisation spannend ist - die Improvisation vor allem dann, wenn er sich selbst überrascht.
Eine wissenschaftliche Parallele dazu sind die Forschungen von Giacomo Rizzolatti in Parma. Dieser entdeckte bei Untersuchungen mit Affen die Spiegelneuronen. Motorzellen im Gehirn reagieren bei der Ausführung einer Bewegung gleich, egal ob die Bewegung selbst ausgeführt wird, oder ob sie nur, etwa beim Versuchsleiter, beobachtet wird. Und es sind dieselben Zellen, die bei der Ausführung einer Bewegung und bei der Beobachtung der Bewegung aktiviert werden. Auch der Mensch hat Zellen, die derart reagieren, wenn Bewegungen wahrgenommen werden. Auch Ulrich Herrmann unterstreicht, dass das Beobachten einer Handlung Zellen in der Hirnregion aktiviert, die eben für diese Handlung vorgesehen ist. Das Lernen von einem Modell gebe es sonst nicht. Jedem sei klar, dass Augen und Ohren am Werk sind, aber dass auch die Körpererfahrung eine Rolle spielt, werde oft vernachlässigt. Auch gebe es verschiedene Gedächtnisformen: einzelne Informationen werden mit Körpererfahrungen verbunden, das heißt, auch Körperbewegungen können eine bestimmte Gedächtnisleistung auslösen, so ist es möglich, dass rein motorische Bewegungsabläufe Erinnerungen wieder ans Tageslicht bringen.
Lauschen ins Gedächtnis
Zum Abschluss steht die Frage im Raum, wie denn all diese Erkenntnisse
für das Lernen genützt werden könnten. Ulrich Herrmann erklärt, dass es
möglich ist, sich für eine Buchstabenfolge einen Handlungskreis
auszudenken. Robert Trappl erwähnt, dass Gedächtniskünstler zwar
mit Bildern arbeiten, sie aber in ihrer Vorstellung zum Beispiel durch
Räume von einem Bild oder Gegenstand zum nächsten gehen.
Und Jacqueline Kornmüller kommt auf ihr Theaterprojekt in Hamburg mit Menschen über 65 zu sprechen. Statt um das Thema Altern, wie eigentlich geplant, sei es bei den Proben nur noch ums Erinnern gegangen.
Wie sich herausstellte, sind Bewegungen mit Erinnerungen verwoben, und auf der Bühne wurden die Erinnerungen lebendig. So erzählte eine 84-jährige Frau, dass ihr Vater während des Krieges nicht arbeiten durfte und eines Tages ein Schwerhöriger zu Besuch kam und über die Gräuel in Polen erzählte. Als Kornmüller die lauschende Position, die sie als Kind mit dem Ohr an der Tür eingenommen hatte, wieder einnahm, erinnerte sie sich plötzlich an alle Geschichten, die der Mann damals erzählt hatte...
(26.5.2009)
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