Mars macht marschieren

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"POLITICAL MOVEMENTS, PART 2" VON ALEXANDER GOTTFARB BEI IMAGETANZ 2010

Von Bettina Hagen


Alexander Gottfarb, in Stockholm geboren und durch seinen Part als Poseur in Chris Harings „The Art of Seduction“ bereits im Tanzpublikum-Gedächtnis verankert, rührt mit seinem jüngsten Stück „Political Movements, Part 2“ bei imagetanz 2010 an jenen gestischen Kanon, der immer dann in Kraft tritt, wenn politische Macht demonstriert werden soll. Anders als die Bewegungssprache von Comic-Superhelden, für die Gottfarb bei imagetanz im Vorjahr humorvoll sensibilisierte, sind die Political Movements tief in der Geschichte und im Alltag verwurzelt.

Dabei finden die martialischen Bewegungen und Gesten des Marschierens und Salutierens und die weniger heldenhaften des Schießens und Getroffenwerdens zumeist an anderen Schauplätzen als im Theater statt. Wer nicht selbst beim Heer war, wird sich vielleicht gerade einmal an die Wachablöse vor dem Tower oder Buckingham-Palast, die zu einem ersten Londonurlaub gehören, erinnert fühlen.

Wie schon bei „Political Movements, Part 1“ zeichnet auch bei „Part 2“ Nathalie Koger für die Dramaturgie verantwortlich. Beim Einlass sind die Performer, Gottfarb und Agnieszka Dmochowska, Nanina Kotlowski und Charlotta Ruth schon auf der Bühne. In Zeitlupe winden sie sich von einer Pose zur nächsten, rufen einander Zahlen zu. Die Kostüme sind unauffällig, nur ein grauer Streifen an den weinroten Trainingshosen erinnert an Uniformen. Gottfarb hat drei Frauen für seine Marschparaden ausgewählt und setzt so einen Bruch zum männlich Martialischen, das das Marschieren in straffer Körperhaltung mit eng anliegenden Armen und hochgezogenen Knien gemeinhin vermittelt. Marschiert wird bis zum Schluss. In Formationen wird der Raum erschritten, Kommandorufe gehen Richtungswechseln voraus.

Auflösungen und Abweichungen

Der Rhythmus, der sich durch das Aufstampfen ergibt, ist durchdringend, beherrscht den Performer-Körper bis zur Atmung hin. Aber was in manchen, straffen Momenten wie eine charmereduzierte Squaredance-Truppe wirkt, erweist sich als sinnstiftend, sobald in die starren Achsen weichere Bewegungsnuancen Einzug halten. Wenn etwa die Hüften plötzlich ausladend geschwungen werden, Bewegungen aus Modern und Ballett einfließen oder Köpfe und Blicke immer wieder einander zu- und abgewandt werden, ist es mit der Seriosität der Bewegung vorbei. Und während Amanda Piñas Performance Skizze „Social-Movement/Theatre Down“, gezeigt im März 2009 im Tanzquartier Wien, die Formen körperlichen Widerstandes überhaupt thematisierte, so manifestiert sich Ungehorsam in diesem Stück in den Auflösungen und Abweichungen von den gewünschten und geduldeten „politischen Bewegungen“.

Erzählerisch wird es, wenn die Vier innehalten, um - ihrer gespielten Begeisterung nach zu urteilen - einem vorbeifahrenden Herrscher zu huldigen und dann auch gleich den Arm zum Hitlergruß zu erheben. Wie diese Armbewegung, die sie zunächst zu unterdrücken suchen, die Körper zu beherrschen beginnt, aber schließlich in eine abstraktere tänzerische Choreografie überführt wird, ist spannend. Am Ende jedoch schlägt das Imperium zurück. Die von Albin Paulus live gespielte Dudelsack-Musik „pfeift“ die frei agierenden Tänzer zur formtreuen Mustertruppe zurück.


(22.3.2010)