|
LOLA ARIAS’ UND STEFAN KAEGIS "AIRPORT KIDS" ZEIGEN IM TANZQUARTIER WIEN, WIE POLITISCH DAS PRIVATE IST
Von Judith Helmer
Es ist brutal, dieses Bühnenbild: eine Lagerhalle voller Frachtcontainer wie auf Flughäfen, doch statt Waren werden hier Kinder transportiert. Dies versinnbildlicht die an die Karriereschritte ihrer Eltern gebundenen Umzüge, mit denen die von Lola Arias und Stefan Kaegi so genannten „Airport Kids“ zurecht kommen müssen. Doch wenn man den jungen Oussama beobachtet, mit welchem Vergnügen er seine Mitspieler verfrachtet, umher schiebt und neu positioniert, wenn man Einblick bekommt in die individuell von den Kindern eingerichteten mobilen Lebenswelten, dann erlebt man schon anhand des Settings die Ambivalenz, die Lola Arias und Stefan Kaegi aus den Leben der Kinder auf die Bühne transferiert haben.
In Lausanne, dem Schweizer Sitz internationaler Konzerne, haben die argentinische Autorin und Regisseurin Lola Arias und der deutsche Rimini Protokoll-Mitbegründer Stefan Kaegi die Kinder für ihr gemeinsames Stück „Airport Kids“ gefunden. Sie sind moderne NomadInnen, die ihre Heimat in Russland, Angola oder China, Indien oder Kanada verlassen mussten, weil ihre Eltern nach Lausanne versetzt wurden, weil sie aus Armenhäusern adoptiert wurden oder weil sich ihre Eltern als Migranten in der Schweiz ein besseres Leben erhofften.
Kinder als autonome Darsteller
In der Programmierung „Insel Nr. 5“ des Wiener Tanzquartiers (8. bis 17. Jänner), die unter dem Titel „leer“ firmiert, bildet die Geschichte von Kaegi und Arias ein Beispiel für die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Absenz und Präsenz. „Erinnerung und Wieder-Inbesitznahme, Aufhellung und (Re)Inszenierung von konkreter Geschichte“ ist laut den Kuratoren Martina Hochmuth und Georg Schöllhammer das Bezugsgeflecht der Arbeiten. Arias und Kaegi - beide bereits erfahren in der Arbeit mit Theaterlaien auf der Bühne - ist es gelungen, eine Form der Erzählung zu finden, die den Kindern gemäß ist und den Zuschauern Einblicke in deren Identitätssuche gewährt, ohne voyeuristisch zu werden.
In der unterhaltsamen Show sind die Kinder die Stars, die ganz kiddycontesthaft ihre Erfahrungen und Gefühle in Songs verpackt vorstellen. Stéphane Vecchione von der Band Velma hat die Lieder so komponiert, dass die acht Darsteller sie selbst ohne Playback und doppelten Boden spielen und singen können. Auch die technisch ziemlich aufwendige restliche Produktion vermögen die Kinder selbstständig durchzuspielen, also ohne je auf einen Eingriff von Erwachsenen auf der Bühne angewiesen zu sein. Diese Autonomie ist sympathisch und zeigt, wie eigenständig die „Airport Kids“ in ihren jungen Jahren bereits sind.
Der dramaturgische Bogen spannt sich von der Vorstellung der Kinder und ihrer Lebensgeschichten über das abschätzige Wegwerfen von Statistiken und psychologischen Deutungen zu den von den Wissenschaftlern als „Third Culture Kids“ Bezeichneten (Zitat: „Wir werden viel schlimmer sein als die Statistiken, die uns jetzt zu beschreiben versuchen“), in denen von Selbstmord, Depression, Heimweh, aber auch Weltoffenheit und Familienbezug die Rede ist, bis hin zu den Utopien der Kleinen, die man tunlichst nicht unterschätzen sollte: „Lasst uns abstimmen: Wer von Euch möchte gerne die Welt regieren?“ fragt Patrick seine „Airport Kids“-Kollegen. Die Arme der drei anderen Buben schnellen in die Höhe, während die vier Mädchen lächelnd die Arme verschränken. Doch auch sie planen Großes: Tennisstar oder berühmte Geigerin zumindest, wenn nicht gar Führerin einer ganzen Armee.
Lieb und ambivalent
Diese Kinder, die mit zehn ihre erste eigene Kreditkarte hatten, mit sieben alleine Transkontinentalflüge zur Oma bewältigen, den Angola-Krieg erklären können und in den internationalen Schulen, die sie besuchen, auf ihre Rolle in den Führungsetagen von Firmen, Diplomatie und Militär vorbereitet werden, träumen von einer Welt ohne Grenzen. Dass an den Grenzen Europas tausende Afrikaner sterben oder, wenn sie es bis ins Land schaffen, sofort in Gefängnisse wandern, erscheint den 12-Jährigen mit ihren zwei bis drei Pässen so befremdlich, dass sie pragmatische Hilfsideen entwickeln: „Wenn ich mit meinem Schweizer Pass einen Afrikaner heirate, darf er nach fünf Jahren im Land bleiben. Wenn ich also mit 21 damit anfange und bis ich hundert bin alle fünf Jahre heirate, kann ich 16 Afrikaner retten.“ Der kleine Julien träumt von einer Mission zum Mars, um dort eine chinesische Kolonie zu gründen, während Patrick von dem real existierenden Projekt des Freedomships (www.freedomship.com) fasziniert ist, einer Stadt auf einem gigantischen Schiff, das permanent auf internationalen Gewässern unterwegs ein Leben ohne Nationalstaat ermöglicht.
Hier geht es also nicht um die Befindlichkeiten von einigen Ausnahmekindern, sondern um die politische Konstruktion von Nationalität, den freien Fluss von Waren und Managern in Topjobs gegenüber den abgeschotteten Grenzen für Migranten, zwischen reich und arm. Diese Kinder haben durch ihre eigene Geschichte ein besonders gutes Verständnis für diese Zusammenhänge, durch ihre Erziehung aber auch eine besonders hohe Chance, in dem System als große Gewinner mitzuspielen. Mit voller Härte präsentieren sie dann auch gemeinsam ihren letzten Song: „In 20 Jahren wirst du alt sein, und wir werden die Chefs deiner Firma sein.“ Die lieben Kleinen. Ambivalent eben.
(10.01.2009)
|