Im Zirkus der Paarung

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IMAGETANZ 2011: ANGELA SCHUBOT & JARED GRADINGER, "WHAT THEY ARE INSTEAD", UND "DEFLECTIONS. A SONIC CIRCUS PERFORMER, 2. ACT" VON NATHALIE KOGER (GESEHEN)

Von Heidi Wilm




Als die Zuschauer den halbdunklen Bühnenraum der Brut-Konzerthauskatakombe betreten, sind die beiden Performer bereits anwesend. Angela Schubot und Jared Gradinger, zwei Mitglieder des in wechselnder Besetzung international arbeitenden Berliner Künstlerkollektivs Two Fish, präsentieren hier ihre Arbeit What they are instead of. Die beiden haben sich hier zusammengefunden, um aus Zwei Eins zu machen, bedingungslos zusammen zu sein, in einem Zusammen ohne Trennung, ohne Abstand und ohne Zwischen-Raum. Das „eigene Ich völlig aufzulösen“, das unbedingte Miteinander zu erkunden und damit der Sehnsucht nach der vollkommenen, restlosen Vereinigung radikal zu nachzugehen, ist das erklärte Ziel dieses Abends.

Die beiden Performer, in klassischer Löffelchenstellung (sie vorne, er hinten) an der Seite des Raumes stehend, mit ihren Händen gegen die Wand gestützt, suchen schon in dieser Grundposition den Weg zum Einheitskörper. Im sonst völlig leeren, mit weißem Tanzteppich versehenen Raum wird die Wand zum Halt, später Teil der einzigen dramaturgischen Zäsur des Stücks. Sobald das Licht ihn erhellt, beginnen erste Regungen, diesen Körper zu bewegen, kleine Manipulationen der Arme, ein erstes Riechen einer Nase an einem Nacken. Die beiden Performer zelebrieren in gleichfarbigen Röhrenjeans und Rippenshirts sowieTurnschuhen derselben Marke die Gleichheit als Unisex. Diese beiden können jetzt alles sei: PartnerInnen, LiebhaberInnen, KollaborateurInnen, alles scheint möglich, solange sie zusammen sind.

Alsbald beginnt der gemeinsame Körper laut zu atmen, findet einen synchronen Rhythmus, der bis zum Ende des etwa dreiviertelstündigen Stücks nur in wenigen Momenten unterbrochen wird. Diese Einleitung erinnert an Atemtechniken schamanistischer Rituale, in denen sich ganze Gruppen in gemeinsamer Hyperventilation in Trance versetzen. Doch schon von Beginn an ist dieses geräuschvoll durch den Kehlkopf gezogene Ein und Aus, dieses Hin und Her, begleitet vom beginnenden Ziehen und Zerren der Körperteile, kein einfaches Atmen, sondern schwere Arbeit: Das Atmen zu zweit wirkt über große Strecken hinweg so, als müssten die beiden sich gegenseitig be-atmen, sich gegenseitig Leben einhauchen, weil sonst der Andere, der doch der Selbe sein soll, abzufallen droht und aufhört, zum Eigenen zu gehören.

Was nun folgt, ist ein unglaublicher Kraftakt, um zum absoluten Ineinander zu finden, den gemeinsamen körperlichen Schmelzpunkt nicht zu verlieren. Die beiden kraftvollen Performer vollziehen einen hochenergetischen „Paarungsakt“, der sich mehr und mehr in Positionen und Stellungen verselbständigt, die in rascher Geschwindigkeit gewechselt und transformiert werden, noch bevor sie zu einer eigentlichen Bedeutung gelangen können. Mögliche sexuelle Konnotationen werden abgelöst von aufbrausender Aggression. Helfende Gesten verwandeln sich in verzweifeltes Anklammern oder gieriges Umschlingen, Momente des Einverständnisses in Widerstreit. Wer wen hält/schlägt/hebt, ist in diesen Metamorphosen längst nicht mehr klar. Ein Rauschzustand des Zwischenmenschlichen als exzessiv-körperliches Ereignis.

Nach etwa 35 Minuten kommt die dramaturgische Wende: In einem Moment der Erschöpfung verstummt das Atmen, die Körper trennen sich, tasten ins Leere. Allein und für sich scheinen die plötzlich Entzweiten die Welt neu zu erkunden. Ist es eine Erlösung? Eine Aussetzung? Doch der Zustand hält nicht lange. Nach kurzem Innehalten geht alles zurück zum Start, zurück an die Wand, in die Verkeilung, und binnen weniger Sekunden beginnt das Spiel von Neuem. Wieder stürzen die beiden ineinander, erneut mühen sie sich ab in exakt denselben Bewegungen, Abläufen und Stellungen wie zuvor. Was ein einmalig leidenschaftliches Erlebnis hätte sein können, wirkt nun wie ein Muster, eine vorgeschriebene Routine. Erst das Blackout setzt dem rastlosen Treiben ein Ende, und die überwältigten Zuschauer dieser beeindruckenden Performance können ebenfalls wieder durchatmen.

Beugungen mit Reifen

Eine ganz andere Form des Zusammenseins begegnet dem Publikum in der anschließend im Künstlerhaus gezeigten Performance Deflections: A Sonic Circus Performer, 2. Act. Die Wiener bildende Künstlerin Nathalie Koger hat die australische Zirkusartistin Annabel Carberry dazu eingeladen, die Grammatik der Zirkusakrobatik auf das konzeptuell-ästhetische Umfeld der zeitgenössischen Performance treffen zu lassen und so eine Kreuzung dieser unterschiedlichen Kunstformen zu unternehmen. Nicht Ideen der Gleichheit sind also leitend für diese Kollaboration, sondern gerade die Unterschiede, welche die Performance in dialogische Bewegung versetzen – Unterschiede, nicht nur in den Arbeitsmethoden und Herangehensweisen, sondern auch in der Präsenz der beiden Frauen, die sich an diesem Abend durchgehend gemeinsam im Bühnenraum aufhalten: Carberry als hoch trainierte Hula-Hoop-Virtuosin im Rampenlicht und Koger als ihr die Reifen reichende Assistentin.

Die Dritte im Bunde ist die Komponistin Tamara Friebel, von der das musikalische Arrangement stammt. Dieses spielt im Gesamtkonzept der Performance eine tragende Rolle: Aufnahmen sämtlicher Geräusche, die bei den Proben von Carberrys Kunststücken entstanden sind, waren Grundlage für eine Partitur, auf die die Akrobatin nun mit neuen, ihrem Repertoire teilweise fremden Elementen reagieren muss. In diesem Wechselspiel entstehen Verschiebungen im Ausgangsmaterial, „Deflexionen“: Beugungen, Ausschweifungen, Ablenkungen vom Bekannten – und etwas Drittes, zaghaft „neu“ genanntes kann hervortreten.

Nicht länger die Perfektion der Ausführung bestimmt die Bewegungen der Zirkuskünstlerin, sondern der Dialog mit der musikalischen und szenischen Komposition, die von Koger durch einfache Handlungen auf der Bühne ergänzt wird. So verschiebt sich auch die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Von der schlichten Faszination am Trick abgelenkt, sind es nun die Materialität des Körpers der Artistin und ihrer Umgebung (inklusive Reifen und Hilfsmittel), wie auch der Rhythmus des Gesamtgeschehens, die nach und nach zum Vorschein kommen. Es ist ein zartes Sich-aufeinander-Beziehen der verschiedenen Elemente und der Akteurinnen, das zum genauen Hinsehen und Hinhören auffordert.

Deflections ist eine kluge und subtile Arbeit, die – unter anderem – vom Zusammensein als gegenseitiges Angebot, einen anderen Weg einzuschlagen als den gewohnten, handelt. Das Abstecken der Aufgaben zwischen den drei Künstlerinnen hat hier neue Räume erzeugt: „Emotionen, wie aller Geschmack und das Gedächtnis, sind zu stark mit dem Selbst, dem Ego verbunden. Die Emotionen zeigen, dass wir innerlich betroffen sind, und der Geschmack beweist unsere Art, äußerlich betroffen zu sein. Wir haben aus dem Ego eine Wand fabriziert, und die Wand hat nicht einmal eine Tür, durch die das Innere mit dem Äußeren kommunizieren könnte. [...] Es ist wichtig, das Individuum in die Strömung, den Fluss dessen was geschieht zu tauchen. Und um das zu tun, muss die Wand zerstört werden.“ John Cage (zitiert aus dem Programmtext zu Deflections: A Sonic Circus Performer, 2. Act)


(20.3.2011)