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HUBERT LEPKAS "DINNER MIT JÉRÔME" UND EIN KONGO DINNER

Von Judith Helmer


Ich gehe in ein Café und treffe dort zufällig einen Freund. Wir setzen uns an einen Tisch - ich bin Besucher eines Theaterstücks, er ist Besucher eines Cafés, in dem eine Theaterminiatur stattfindet. Ich habe einen Transmitter mit Ohrstöpseln, er nicht. Ich bin ein Voyeur, ein Spion, ein Abhörer, er wohnt dem kleinen Lauschangriff bei, ohne über die exklusive Tonspur zu verfügen, die mir mittels des Transmitters durch die Ohren gezogen werden.

Meine letzte Begegnung mit Hubert Lepkas Stücken an außergewöhnlichen Originalschauplätzen fand in einer Audi-Limousine statt. Auf dem Rücksitz nahmen wir, das Publikum, Platz, Fahrer und Beifahrerin waren die Schauspieler, als Szene dienten die Straßen der Großstadt, durch die unser Theater kurvte. Eine Travestie des Clous der Drehbühne mit umgekehrten Vorzeichen, ein „Love Turn“. Der banale Plot: Ein Paar verlässt aufgeregt ein Theater, ein Streit entflammt, an dessen Ende die junge Frau aufspringt und das Auto verlässt.

Anna stürzt wieder davon 

Im „Dinner with Jérôme“ findet die Seifenoper ihre Fortsetzung. Diesmal ist unsere Zuschauerposition eine gesetzte - im nahezu ungestört weiterlaufenden Betrieb eines Cafés. Kein Vorhang, keine Bühne. Im geteilten Raum wird die Wirklichkeit variiert, wie es Lepkas erklärtes Ziel seiner Theaterarbeit mit Lawine Torrèn ist. Die Schauspieler sind mit Mikrophonen ausgestattet, zugerüstet für unsere Aufmerksamkeit. Denn wir, die Zuschauer mit Ohrstöpseln, dürfen ihren Dialogen von Anfang an folgen, während die Zuschauer ohne Ohrstöpsel erst nach und nach aufmerksam werden auf das etwas ungewöhnliche Treiben bei der fiktiven, inszenierten Premierenfeier einer angenommenen Aufführung von Jérôme Bels „The Show Must Go On!“.

Der Plot entwickelt sich nicht komplexer als aus „Love Turn“ bekannt. Für das Protokoll: Anna, die junge Streiterin von damals, trifft auf die feiernden Tänzerinnen und ihren Geliebten Jérôme. Getrennt von ihrem Mann Alex ist sie nun frei für das Abenteuer mit dem Künstler, doch der weiß mit der neuen Freiheit nichts anzufangen - ist er doch befangen, weil eine der anwesenden Tänzerinnen bis zuletzt die Position an seiner Seite eingenommen hatte und nun säuerlich zuschauen muss, wie Anna fröhlich diesen Platz für sich reklamiert. „Dinner with Jérôme“ endet dementsprechend genau wie „Love Turn“ im Eklat, Anna stürzt davon, Jérôme folgt ihr, die Feier ist zerstört, die Show ist vorbei, doch das Theater geht weiter.

Vorhersehbare Handlung 

Denn nicht die Geschichte (die dramaturgisch verschnitten ist mit Zitaten aus Peter Kubelkas „Adebar“, „Faces“ von John Cassavetes, Funny van Dannens Song „Herzscheiße“ und natürlich Tolstois „Anna Karenina“) ist der Kern des Stückes, sondern das Setting. Das sehr Vorhersehbare der in bester repräsentativer Erzähltheatertradition vorgetragenen Handlung kontrastiert mit der unvorhersehbaren Reaktion des unbeteiligten Publikums, das nichts ahnend irritiert wird und zu interagieren beginnt.

Kennen Sie den? Sie gehen über einen Platz und bemerken, dass hier gefilmt wird und Sie sind mitten im Bild. Eine andere, ebenfalls bei der Sommerszene gezeigte Arbeit, die Installation von Matsune/Subal, „One Hour Standing For“ kann als Referenz dienen. Während die beiden Künstler jeweils eine geschlagene Stunde vor einem Monument posieren, eingefangen von einer Videokamera, zeigen die freiwillig oder unfreiwillig ins Bild laufenden Passanten unzählige Möglichkeiten der Reaktion auf diese Situation - bis hin zu zwei Spaßvögeln, die kostümiert eine eigene kleine Szene vor der Kamera vollführen.

Ungefragt beteiligt 

In das Spiel eingestiegen ist beim „Dinner with Jérôme" niemand, dazu ist das Geschehen zu hermetisch, und die Codes sind zu fixiert, nicht derart irritierend oder provozierend wie Matsune und Subals Aktion. Das Unvorhersehbare verläuft in bekannten Bahnen. Bleibt als Irritation die eigene Perspektive als beteiligter Zuschauer. Man erlebt sich in einer Parallelwelt, wissend um die Anlage der Vorgänge in der gesicherten Position eines akustischen Voyeurs der fiktiven Handlung im hübschen Einvernehmen mit den Schauspielern. Und zugleich ist man Beobachter der nicht wissenden Mitspieler, die ungefragt Teil der Aufführung geworden sind.

Es entsteht zwangsläufig eine Hierarchie, denn wer Wissen hat, ist gesichert. Wer nicht eingeweiht ist, dessen Verhalten wird beobachtet. Diese Distanz zwischen den Parallelwelten ist die Reibefläche der theatralischen Intervention, das eigentliche Spiel. Hier hat das „Dinner with Jérôme“ ein größeres Potential als sein Vorgänger „Love Turn“, in dem die vierte Wand auch in dem engen Raum des Autos strikt eingehalten wurde, da die Schauspieler ihr Publikum, obwohl es direkt in ihrem Nacken saß, tunlichst ignorierten.

Irritierende Privilegien 

Auch das zweite „kongo dinner“, ebenfalls an diesem Abend zu erleben, ist von Distanz geprägt, allerdings eher ungewollt, wird sie doch in keiner Weise von den Veranstaltern thematisiert. Fünf Filme aus Kinshasa werden gezeigt, dazu gibt es afrikanisches Essen, eine Einverleibung. Gut gesättigt sitzt man in den aufwendig adaptierten Räumen der Kavernen und versucht das Lebensgefühl der Leute aus Kinshasa zu erspüren. Dokumentarfilme zeigen Stadtszenen, Arbeiter erklären ihre Situation und die Geschichte ihres von Kolonialherrschaft und Militärdiktatur zerrütteten Landes, das den erhofften Aufschwung nicht erlebt. Doch das Erspüren der „ganzen Bandbreite des Lebens in einer afrikanischen Stadt", wie es der Festivalkatalog beschwört, ist schwer möglich,  alleine schon, weil die Übersetzung des Gesagten aus dem Afrikanischen bzw. Französischen fehlt. Es bleiben fast austauschbare Bilder, und spürbar wird vor allem die Distanz zwischen Zuschauern und Gezeigtem.

Tritt man dann auch noch heraus aus dem Festivalkontext und verfängt sich in dem Netz der stadtgewordenen Touristenattraktion des Ausverkaufs und der Kultur (und) des Stillstandes, im Hinterkopf die erklärte Absicht der Sommerszenemacher, das Thema Bewegung von seinen Rändern her aufzurollen, Migration und Tourismus ebenso in das Nachdenken zu inkludieren, ist die Irritation über die eigene privilegierte Position mindestens ebenso groß wie im geschützten Kunstkontext. The Show Must Go On.


(20.7.2008)