TANZTAGE BERLIN: "TO ALLEGE" VON CLÉMENT LAYES UND "MATERIAL MOVEMENT" VON URI TURKENICH IN DEN SOPHIENSÆLEN
Von Elena Basteri
Knapp zwei Monate ist es her, da erklärte in den Berliner Sophiensaelen Sophiensælen Thomas Lehmen in seinem Stück Schrottplatz einer Tomate die menschliche Welt und machte uns so mit der Welt der Dinge vertraut. Nun werden Zuschauersessel, Uhren, Seile, Tische, Plastikflaschen, Teller und andere Alltagsgegenstände in ebendiesem Theater wieder zu Protagonisten einer Tanzperformance. Dies geschieht in To Allege, einem Stück des französischen Choreographen Clément Layes, der zusammen mit Uri Turkenich die Tanztage, das Tanzfestival für den choreographischen Nachwuchs Berlins, eröffnet hat. Die Aufführung beginnt nämlich mit einer triumphalen Vorstellung der einzelnen Dinge auf der Bühne, die dem Publikum von den Performern zum Rhythmus eines TV-Quiz-Show-Jingles stolz präsentiert werden. Dann setzt man sich im Halbkreis um einen Zuschauersessel, und das Spiel beginnt. Dessen wichtigste Regel scheint dabei, frei nach Magritte, „ceci n’est pas un fauteuil“ zu sein.
Jeder Performer muss in der Tat seine ganze Einbildungskraft bemühen, um dem zu bezeichnenden Gegenstand einen neuen Namen zu verleihen. So wird der Sessel einmal zu „the king of the principle of the queen“, dann zu „a grandmother showering“ oder zu „a bloody flexible partner“, bis schließlich kollektiv ein neuer Name gefunden wird, und zwar „flexible night three o“. Mit der gleichen Methode der allgemeinen Assoziation und des stream of consciousness wird in der Folge ein Teller zu „a white waiting to be broken“, eine rosa Schachtel zu „the right place“ und die Uhr zu „a still life“. Die derart umbenannten Objekte werden sodann in Beziehung zueinander und zu den Performern gesetzt; kleine Geschichten und lustige Gags entwickeln sich. Es herrscht die performative/kreative Kraft der Sprache. Gezeigt wird, wie bekannte Dinge durch ihre Umbenennung zu etwas anderem werden können.
Die politische Mission
Schließlich werden alle Dinge zu einer einzigen großen, wankenden Installation gestapelt, zu einer Art „Überding“, welches „Fußballteam in Therapie“ genannt wird. Layes selber beschreibt To Allege (in dem man neben dem offensichtlichen englischen allege, behaupten, auch das französische alleger, leichter machen, lesen sollte) als ein Kinderspiel für Erwachsene. Jedoch steckt hinter dem leichten Spiel eine lange choreo-philosophische Forschung zu komplexen Themen wie Wahrheit, Freiheit, Sprache und Gemeinschaft. Der Kontrast zwischen dem umfassenden theoretischen Hintergrund und der Einfachheit des Ergebnisses auf der Bühne eröffnet somit erneut das interessante Thema der schwierigen Beziehung zwischen Tanz und Theorie.
Dies gilt auch für den Israeli Uri Turkenich. Trotz seines theoretisch ambitionierten Ansatzes (in der Pressemappe spricht er u.a. von der Wiederbelebung der politischen Mission des Theaters gegen die Apathie der postmodernen Politik und der intensiven Privatisierung des Lebens aufgrund der liberal-kapitalistischen gesellschaftlichen Organisation) wirkt sein Stück Material Movement eher wie eine nette, leichte Spielerei. Auf der Bühne redet und springt das Paar Turkenich und Nils Ulber eine halbe Stunde lang ununterbrochen, um in einen Zustand der Erschöpfung zu geraten. Was aber nicht durch extreme, schmerzhafte Handlungen wie etwa in der Body Art erreicht wird, sondern durch kindlich wirkende, einfache Bewegungen. Die Zuschauer wiederum müssen sich auf der auditiven Ebene anstrengen, da man dem Dialog nur unter erheblichen Schwierigkeiten folgen kann, recht eigentlich sind nur Stichworte wie practice, creative, productive, potential, imitation herauszuhören.
Die Leichtigkeit, in ihrem ambivalenten Sinn, ist das vorherrschende Gefühl dieses Abends.
(13.1.2011)
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