DANA CASPERSENS & WILLIAM FORSYTHES "KNOTUNKNOT" BEI DEN FRANKFURTER POSITIONEN 2011
Von Esther Boldt
„Meine Großeltern emigrierten in den 1920er Jahren aus Skandinavien nach Amerika, auf der Suche nach Arbeit“, erzählt Dana Caspersen. „Aus dem gleichen Grund emigrierte ich in den 80er Jahren nach Deutschland, wo ich seither lebe.“ Um die zierliche Frau mit dem blonden Strubbelhaar hat sich eine seltsame, aufgeregte Tischgesellschaft versammelt: Anstelle der Eintrittskarte erhielt jeder eine Tischkarte mit Stuhlnummer. So sitzt man an weißen Vierertischchen, um mit Fremden über Persönliches zu sprechen: Die Installation Knotunknot von Dana Caspersen und William Forsythe entpuppt sich als Gesprächstruktur, die einen Dialog zum Thema Migration und Emigration anstiften möchte.
In ihrer Tätigkeit als Konfliktforscherin hat Caspersen festgestellt, dass destruktive Konflikte gelöst werden können, indem man sich gegenseitig Geschichten erzählt, seine Erfahrungen in Narrative verwandelt. Knotunknot verbindet Konfliktforschung und künstlerische Tätigkeit zu einer sozialen Choreografie, die als Experiment angelegt ist: In drei Gesprächsrunden bei festgelegter Redezeit sollen die Tischgenossen einander ihre Herkunft vorstellen, ihr Zugehörigkeitsgefühl sowie Erfahrungen schildern, die ihre Ansichten zum Thema geprägt haben. So erzählt eine Sitznachbarin, wie sie 1951 zum Studium nach London ging und dort viel Freundschaft und Unterstützung erfuhr, obwohl England und Deutschland einander noch kurz zuvor als Feinde gegenüberstanden waren. Man berichtet von sprachlichen Differenzen und der Schwierigkeit, andere kulturelle Codes zu lesen.
Entspannte Intimität
Dank der strengen Zeit- und Redeordnung erfährt man rasch viel voneinander. Nationalstolz, erzählt eine andere, habe sie erst in den USA kennengelernt. Und sei sehr irritiert gewesen, als sie nach jahrelangen Auslandsaufenthalten nach Deutschland zurückkam und im Fahnenmeer der Fußballweltmeisterschaft 2006 landete. Nach drei Gesprächsrunden wird die Tischgesellschaft aufgelöst und in den Nachbarraum gelotst, wo William Forsythe aus schwarzen Seilen eine fantastische Knotenlandschaft geschaffen hat: Wie dunkles Getier knäuelt es sich am Boden, rankt sich zu den Wänden, bildet Inseln und Sitzgelegenheiten aus. Noch im Gespräch beginnt man, sie hier aufzuknüpfen und dort lose Enden zusammenzufügen.
Bei aller Irritation über den unverhofften Verlauf des Abends, der als „Bildende Kunst“ angekündigt war, ist eine entspannte Intimität gewachsen, in der das Publikum längst zu einer vergesellschafteten Gästeschar geworden ist, die sich ein wenig über die Unberechenbarkeit des Gastgebers wundert und über das Spiel, das er mit ihnen zu spielen beliebt. So schnell sich die Allianzen gebildet haben, so schnell lösen sie sich auch wieder. Klüger ist man wohl nicht geworden in diesen flüchtigen Gesprächen einer recht privilegierten, flüchtigen Gemeinschaft, doch die Begriffe dessen, was Choreografie sein kann, haben Caspersen und Forsythe einmal mehr verschoben.
(26.1.2011)
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