Erstellen einer Zwiebel

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AKEMI TAKEYA SPIELT DEN "LEMON SYNTHESIZER" IM WIENER WUK

Von Reinhard Strobl




Der „Lemon Synthesizer“ ist ein von der japanisch-österreichischen Choreografin und Tänzerin Akemi Takeya, dem kanadischen Klangkünstler Gordon Monahan und dem Musiker noid entwickeltes Gerät, das die natürliche Spannung von Zitronen für die Manipulation von Klangprozessen nutzt, und gleichzeitig der Namensgeber für Takeyas neue Arbeit L.S.Performance_untitled #1, #2, #3, die vor kurzem im Wiener Wuk Premiere hatte. Laut Programmheft eine Mischung aus unter anderem Lecture, Performance, Installation und Demonstration. Und auch eine Arbeit, in der es um Visionen über westliche und östliche Kultur gehen sollte, mit einer Südfrucht?

Vielleicht ist die Frage nach der Zitrone eigentlich auch irrelevant. Interessanter scheinen die Fragen, die Takeya stellt, während das Publikum den Saal betritt: „How do you stop, once you are arriving?“ oder „What are his last words?“ fragt sie während sie die immer gleichen Akkorde auf einem Synthesizer wiederholt. Nach diesem Vorspiel beginnt der erste Akt „Untitled # 1“, ein Monolog auf Japanisch und danach die projizierte Übersetzung, ein Text über das Nichtverstehen, der auf den ersten Blick gleichzeitig (un-)gewohnt wirkt, weil alle Vokale spiegelverkehrt geschrieben sind, was dazu zwingt, genauer hinzusehen und klar macht, dass eigentlich nicht alles so klar ist, wie es oberflächlich erscheint.

Ein Ich in 71 Begriffen

„Untitled # 2“ dagegen ist ein Dialog von Akemi Takeya mit sich selbst – zwei Aspekte ihrer Persönlichkeit, die einander Fragen stellen. Fragen, auf die sie zumeist keine Antworten haben. Auch wenn augenscheinlich sofort klar wird, welche der beiden gerade fragt beziehungsweise antwortet, was durch das Spiel mit einer kleinen Videokamera, die an die Rückseite eines zitronengelben Skihelms auf dem Kopf der Performerin montiert ist, verdeutlicht wird, bleibt unklar, wer eigentlich „Akemi Takeya“ ist. Durch die Wiederholung der Musik aus dem ersten Teil wird hier ein wesentliches Element des Abends deutlich, einzelne Ebenen werden wiederholt und übereinander gelegt, als ob Takeya eine Zwiebel –  Schale um Schale – zusammensetzen würde.

Besagten Skihelm setzt Takeya dann auch verkehrt auf, wodurch die Kamera ihr, und durch die Projektion, auch das Auge des Zuschauers in die Welt wird. Sie mutiert durch den Helm zu einem zyklopischen Wesen, das scheinbar immer rückwärts geht und ist dabei gleichzeitig das Äquivalent zu einer kleinen hölzernen Gliederpuppe, die als Kopf eine Zitrone hat. Im dritten Teil werden im projizierten Video einzelne Begriffe wiederholt, die Takeya zuvor verwendet hatte, um ihr eigenes Ich in 71 Begriffen – etwa „silent object“, „random vacuum“, „acrobatic mummy“, „academic cow“ etc. – neu definiert und konstruiert, bevor sie ihre Beziehung zur Zitrone erläutert und das ganze Stück in einer Art Epilog wieder von vorne beginnt. Nur mit anderen Fragen.

Das Stück wirkt wie wie ein Querschnitt durch Takeyas künstlerische Auseinandersetzung der  letzten Zeit – ein Tryout war 2009 bei der ersten Wiener Tanznacht zu sehen –  wobei durch das Nebeneinander und die teilweise stattfindende Überlappung der verschiedenen Bereiche, analog zur Zitrone, immer unterschiedliche Spannungen entstehen und mehr Fragen als Antworten gegeben werden.


(11.12.2010)