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Einbildung der Gemeinschaft

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DIE URAUFFÜHRUNG VON MEG STUARTS NEUER ARBEIT "ALL TOGETHER NOW" BEIM STEIRISCHEN HERBST 2008

Von Helmut Ploebst


Und dann öffnet sich eine niedere Pforte. Kühle Luft strömt aus dichter Finsternis. Aufatmen durch viele Nasen. Ein Besucher nach dem anderen entflieht im Dunkel, löst sich aus der Enge und trägt seinen Schweiß ins Nichts. Jedes menschliche Zusammensein ist ein Ereignis, und jede Gemeinschaftlichkeit - sei es auch „nur“ in Form einer Publikum-Performer-Begegnung - ein Modell, in dem sich die Zukunft konstruiert. Es ist wie im Konzert. Der Sänger hält sein Mikro ins Publikum: „All together now...!“, und aus tausenden Mündern ertönt der Refrain. Ein so schönes wie grauenvolles, immer wiederkehrendes Popmusik-Phänomen. Die liebende, hungrige und willige Menge, tanzend und singend vor dem Altar, der ihren Sehnsüchten jene Form verleiht, in die sie sich übersetzen lassen will. Ist Meg Stuarts jüngste Choreografie „All Together Now“ ein Konzert?

Die Uraufführung fand in der Grazer Helmut-List-Halle statt. Ein großes Foyer, in dem sich die rund achtzig Premierengäste beinahe verlieren. Ins Zentrum dieser Vorhalle ist ein Brunnenbecken gebaut, auf dessen Einfassung junge Leute sitzen, die Geschichter ins Zentrum gerichtet, die Beine wadentief in einem Schlick. Eine wasserspendende Brunnenfigur in der Mitte des Beckens fehlt. An diesem Tableau vivant stiehlt sich das Publikum bei Einlaß vorbei, durch eine Schleuse in einen engen Salon mit niederer Decke, einem Bett, einem tiefhängenden Luster aus Hirschgeweihen und mit einer grünen Rankentapete. Schnell füllt sich das Gemach, und sehr bald wird es sehr dicht und sehr schwül.

Fahrstuhl in die Finsternis

Warten. Flüstern. Verlegenheit. Wohin mit dem Blick? Es ist wie im Fahrstuhl. Zwei kleine Lautsprecher sondern einen Text - aus der Feder von Tim Etchells - ab, eine Erzählung über eine Begegnung, die ein Sichnäherkommen wird, Berührungen sind die Folge, eine Hinführung schließlich zu wildem, zügellosem Sex. Die transpirierende Besuchergemeinde versucht cool zu bleiben. Die Spannung steigt. Umso größer das Gefühl der Befreiung, sobald die Pforte aufspringt und die Nacht lockt.

Das entspannende Gefühl, einen sehr weiten Raum zu betreten. Ab nun Tappen, Raten, auf Geräusche hören. Irgendwo ein vages Glimmen. Noch eines. Jemand trägt ein Leuchtgerät. Und wieder eine andere Gestalt. Eine dritte. Orientierung. Im langsamen Aufschimmern des Lichts zeigen sich die wahren Dimensionen der Halle, in der das Publikum nun wie verloren schlendert, stagniert, steht. Die primären Leuchtkörper sind flache Monitore, die von Performern umhergetragen und den Gästen vorgewiesen werden. Undeutliche Videobilder. An der Decke schimmern einzelne Lichtquellen auf.

Auf dem Boden eine große Kreismarkierung, die an ein Mandala erinnert. Eine ungeheure Menschenkörper-Silhouette ragt auf, eine kleine Skulptur aus Geschirr und allerlei Kram befindet sich daneben, und am Ende der Halle ruht in sich eine große Spirale aus weißen, aneinandergehängten Holzwürfeln. Was nun folgt, ist sowohl Tanz als auch Experiment am Publikum. Eine maskierte Braut läuft durch die Zuschauergruppen, erst stumm, später erklärend. Andere Tänzer fallen auf, bilden Ketten, schleifen einander über den Boden, verwandeln sich in Animateure. Bald stehen alle in einem großen Kreis, machen gemeinsam kleine Gesten und genießen die Ironie dieser Situation. Das Konzert hat begonnen: „All together now!“

Strahlende Animateure

Die Silhouette wacht über allem, die entlaufene Brunnenfigur, das Phantom, die große Reminiszenz. Die Skulptur daneben, hat die Braut gesagt, sei „die Zukunft“. Bald tanzt das Publikum und vergißt das Gespenst, diesen Schatten eines Frontman, zögernd erst, nur kein Spielverderber sein. Ab hier zelebriert Stuart in mehreren Varianten die Ambivalenz des Zusammenseins, das Schwanken des organisierten Gemeinschaftlichen zwischen Wunder und Verdammnis, die Unüberwindlichkeit gegenseitiger Distanzen trotz strahlender - aber auch unheimlicher - Animateure. Die Spirale wird durch den Raum gerollt, ein Catwalk darauf veranstaltet, ein Kreis gebildet. In sehr hellem Licht sitzen nun die Zuschauer und sehen einander dabei zu, wie sie, einer nach dem anderen, mit einer einzigen gemeinsamen Gabel an einer Torte essen, die ihnen von einer wunderhübschen Stewardeß überreicht wurde.

In diesem Licht tappen alle im Dunkeln, wieder steigt die Spannung. Einige wie mit Tarnnetzen verkleidete, zur Gänze vermummte Gestalten haben sich zwischen die Tortenesser plaziert und schweigen. Demaskierungsversuche wehren sie entschlossen ab. Keine Musik. Ein Besucher springt auf und geht schimpfend ab. Das ist ein Fake. Ganz sicher. Oder?

Noch ein weiteres Mal kommt es zur Zirkelbildung. Die Würfelkette wird in mehrere kleine Kreise geteilt, jeder davon von einem Animateur übernommen - und schon bald berichten wir einer nach dem anderen über eine Begegnung mit dem Tod. Therapiegruppe. Offenheit vor Unbekannten. Diese Situation wird unterbrochen, bevor alle ihre Story losgeworden sind. Die Performance beginnt in gelblichem Licht auszufaden. Es ist zu Ende, das Dunkel kommt wieder. Und mit ihm eine Erleichterung, die nun ebenso zwiespältig ist wie das - augenblicklich zerbröckelnde - Miteinander bisher. Der Weg hinaus führt wieder durch den kleinen Salon. Im Bett liegt ein Paar und schläft. Im Foyer sind alle einander wieder Fremde. Das Spiel ist aus.

Das Gespenst des Rituals

„This is where we celebrate“, hat die Braut vergnügt und mit großer Geste auf die mandalahafte Bodenmarkierung ausgerufen. Im Foyer waren die Tänzer mitten unter den Besuchern im Kreis gesessen. In „All Together Now“ stochern Stuart, ihre Tänzer und zahlreiche verdeckte Vermittler, Agenten, die sich verstohlen ins Publikum mischen, in den überbauten Ruinen archaischer Rituale.

Und wieder erweist sich die Choreografin als Meisterin des Unheimlichen, das ihr gesamtes bisheriges Werk prägt. Trotz der noch nicht ganz ausgereiften Dramaturgie der Uraufführungsversion erscheint „All Together Now“ als eine der starken, kompromißlosen Arbeiten in Stuarts Œuvre. Hier sind die Zuschauer Visitors Only mitten unter Gespenstern, für zwei Stunden zwischen Forgeries und Alibis hängend, und eigentlich gilt auch für diese Arbeit It's not funny, wenn am Ende alle in der trügerischen Hoffnung, wenigstens im Ansatz blessed zu sein, an jene Orte zurückkehren, wo sie ihr ganz persönliches Replacement erwartet.


„All Together Now“ vom 3. bis zum 6. Dezember 2008 im Kaaitheater/Brüssel


(11.11.2008)