Ein Toscanini des Handgelenkeklapperns

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ROYSTEN ABEL UND "THE MANGANIYAR SEDUCTION" AUS INDOEUROPÄISCHER PERSPEKTIVE

Von Peter Stamer

„Die Manganiyars sind eine muslimische Musikerkaste, deren Glauben sich sowohl aus dem Hinduismus wie Islam speist. Ihre Lieder preisen daher hinduistische, muslimische und christliche Götter. [...] Die Manganiyars leben in der Wüste Thar, die im indischen Bundesstaat Rajasthan an der Grenze zu Pakistan liegt. In ihrer ausgeprägten Sesshaftigkeit und ihrer starken Verbundenheit zu Traditionen haben sie sich lange geweigert, ihre Musik außerhalb ihres Kulturkreises zu präsentieren. Erst der rasante ökonomische Wandel in Indien [...] hat sie dazu gebracht, Bollywood-Filme zu vertonen oder ihre Lieder auf åKonzertbühnen zu singen." (Programmhefttext zur gleichnamigen Aufführung am 8. Juli)

1492 ist aus zweierlei Gründen ein wichtiges Datum. Erstens wurde in diesem Jahr, jedenfalls laut Firmenwerbung, das erste Salzburger Stiegl Bier gebraut. Und zweitens hat sich anno domini, jedenfalls laut Geschichtsschreibung, ein Genuese namens Christoph Kolumbus von Spanien aus auf den Weg gemacht, um Indien auf dem westlichen Seewege zu bereisen. Nun, 515 Jahre später, kommt der indische Regisseur Roysten Abel am Ende von „The Manganiyar Seduction" das Showstiegl im Salzburger republic herunter, und man möchte ihm von Zuschauerraum aus zurufen: Praise you, you've come a long way, baby!

Die Herren von Las Vegas 

In der Zeit, die zwischen diesen Ereignissen liegt, haben sich nämlich viele Dinge verändert. Erstens bespielt das Salzburger (Show-)Stiegl nun Trumer Pils als Sponsor, und zweitens heißt Kolumbus' West-Indien seit nicht allzu kurzer Zeit Amerika. Und von dort scheint Abel die Idee mit den unzähligen Glühbirnen mitgebracht zu haben. Genauer aus Las Vegas, jener Stadt in der Wüste, die nun nicht an der Grenze zu Pakistan, sondern an der Grenze des Erträglichen alles kopiert und nachbaut, was nach Tradition aussieht, und es entsprechend illuminiert. Es soll nur ja jeder sehen, welche kulturellen Errungenschaften der neue Kontinent in den Sand von Nevada gesetzt hat. Nie war da nun bislang jemand, der sagen könnte, ob die Wüstenherren von Las Vegas nach Little Venice mit seinen Rialto-Brückenstiegen auch ein Little Salzburg mit Stiegln planen würde, in dem womöglich die Mozart-Kugel im Roulettelicht tausender und abertausender Glühbirnen rollt.

Was man aber angesichts dieser Show durchaus sagen könnte, ist, dass Roysten Abel auf seinen langen Reisen in den wüsten Westen Little India ins einzig wahre Salzburg gebracht hat. Und zwar im menschengroßen Setzkastenformat. So steht auf der Bühne eine vielleicht fünf Meter hohe, vielleicht 1,5 Meter tiefe, ja, Schrankwand, deren einzelne Fächer von zunächst schwach leuchtenden Glühbirnen umrankt und von roten Vorhängchen verdeckt sind. Zu Beginn des Abends kommt ein ganz in Weiß gekleideter Mann auf die Bühne, zieht vorsichtig den ersten Vorhang zur Seite und gibt den Blick frei auf einen Instrumentalisten, der, aufgedeckt, sofort seine Kamancha, sein indisches Cello, zu spielen beginnt. Nach und nach enthüllt der Mann auf diese Weise einen Musikerweisen nach dem anderen. In den insgesamt dreiunddreißig auf vier Ebenen verteilten Regalfächern schneidersitzt meist jeweils einer von ihnen, ganz in weiß und landesüblich am Kopf bedeckt.

Hinweis auf die Sängerknaben 

Jedes Fach umrankt von einem Glühbirnenkranz, der immer dann aufglüht, wenn der jeweilige Musiker seinen Einsatz hat. Diesen bekommen die insgesamt 38 einer muslimischen Musikerkaste zugehörigen Manganiyars von dem vor dem Musikkasten herumspringenden Mann, der zunächst kastagnettenklappernd zu kaspern scheint, tatsächlich aber sehr genau mit hölzern-hohlen Karthal in den Händen den Rhythmus vorgibt, wechselt, beschleunigt, verlangsamt. Zu der Kastenmusik kann nun nicht viel gesagt werden, sie ist schlichtweg großartig für jemanden, der sich mit indischer Musik bislang lediglich im Zusammenhang mit den Beatles und ihrer Revolverplatte beschäftigt hat. Die einzelnen Instrumente akkumulieren, immer eine Phrase wiederholend, zu einem Crescendo, das abgebrochen wird, um eine neue Klangfarbe einzuführen, einzufügen. Die Musik schwillt an und ebbt ab, getrieben von dem Mann mit den Kastagnetten, einem Toscanini des Handgelenkeklapperns, der seine Kreise dreht, sich immer wieder umdreht und ins Publikum lacht.

Das lässt sich anstecken und wippt mit. Ein Zuschauer hat auch gleich Schneidersitzposition angenommen und spitzt genüsslich seinen Mund. Im letzten Drittel des Konzerts, es sind noch immer ein paar Türchen geschlossen, zeigt jemand aus dem Publikum mit dem Finger auf die obere Reihe. Es zieht sich bei einer der wenigen breiten Boxen der rote Samt zur Seite, dahinter sitzen sechs Sängerknaben, mehr Kinder als Inder, die in den Chor der jungen und älteren Vokalistengruppe einstimmen. Sie sitzen ganz vorne am Rand dieses überdimensionierten Adventskalenders und intonieren mit großen, ihr Lied unterstreichenden Gesten, und man hält die Luft an.

Ein glühgewendeltes Lichtermeer 

Die österreichische Veranstaltungspolizei muss da mehr als ein Auge zugedrückt haben, dass die Jungen in fünf Meter Höhe völlig ungesichert in ihrem Kasten sitzen dürfen; jedenfalls ist ihr Glaube das einzige, an dem sie sich im Falle eines Falle(n)s festhalten könnten. Diese Gefahr nicht zu sehen, ist gänzlich unmöglich, bei diesen Hundertschaften an Glühbirnen, die zu jenem Zeitpunkt aufleuchten und nicht nur die Show, sondern auch die Stromrechnung auf ihren Höhepunkt treiben. Aus allen Kästen trommelt, singt, pfeift, streicht es, vor der Musikbox tanzt Toscanini, und über alle streicht ein tausendfach glühgewendeltes Lichtermeer, das die Salzburger Weihnachtsbeleuchtung, hätte sie eine Scham, vor derselben erröten ließe, wabert von links unten nach rechts oben und zurück, setzt abwechselnd drei, vier Kästen ins Licht, lässt sie dann im totalen Weiß untertauchen, bis die helle Welle das Geschehen überspült, um dann wieder zu verdimmen, ein Jagen, heiliger Osram in Las Vegas. Vorhang zu, großes Dunkel, Riesenapplaus.

Und nun also kommt Roysten Abel die Stiege herunter, gelassen schlendernd, fast hält man das Mikro in seiner Rechten für ein Whiskeyglas, so cool bewegt er sich auf seinen nassgeschwitzten Bandleader zu. Showtime. Er weist ihn an, seine Kastagnetten wie die Hufe eines Pferdes zu schwingen und erzählt dazu die Geschichte einer schönen Prinzessin, deren Pointe, ein Königreich für ein Pferd, allerdings nicht ganz aufgeht. Das aber macht nichts, denn dieser Mann ist mit allen Wassern des Ganges und des Showbiz gewaschen. Im Programmheft lässt er sich mit den Worten zitieren: „Ninety-five percent of people are doing what they hate. I play for a living!" Ein Spieler, der ungerührt „The Manganiyar Seduction" in Verbindung setzt „mit der visuellen Verführung von Amsterdams Rotlichtbezirken", wie der Programmtext verrät.

Käfighaltung sieht anders aus

Manche Zuschauer nehmen ihm diese Leichtfüßigkeit nach dem Konzert nicht wenig übel und reden prompt von Prostitution seiner Musiker, weil sie in Kasten gezwängt und in solchen vorgeführt würden. Käfighaltung aber sieht anders aus, so nämlich wie in Zana Briskis und Ross Kauffmans Film „Born into Brothels" über „Calcutta's red light kids", der in der zweiten Festivalwoche gezeigt wurde. In beiden Fällen packt der Beißreflex kräftig zu, der beim europäischen Zuschauer ausgelöst wird, wenn er glaubt, die Ausgebeuteten dieser Welt schützen zu müssen. Während aber in dem einen Fall tatsächlicher Prostitution und Prostitutionsdrohung jegliche Grenze kultureller Toleranz überschritten ist, weil hier Menschenrechte mit Füßen getreten werden, die nicht länger mehr mit dem Verweis auf kulturelle Identität und Differenz ausgesetzt werden können, sollte man beim anderen die Kirche im Dorf lassen - und diese eben nicht in alle Herren Länder exportieren zu müssen glauben.

Der Entrüstungskomplex, der sich angesichts von „The Manganiyar Seduction " bei einigen wenigen der Zuschauer breit macht, übersieht die Blicke einiger Musiker am Ende des Konzerts. Sie blinzeln etwas ungläubig in die aufgewühlten Reihen und scheinen die Welt nicht mehr zu verstehen. Wir verrichten hier lediglich unsere Arbeit, die wir können und uns freut, kein Anlass aber zu solch überbordendem Enthusiasmus, scheinen sie zu sagen und ziehen die Vorhänge wieder zu. Dass sie dafür bezahlt werden - und hoffentlich gut -, will man das allen Ernstes Roysten Abel übel, als (künstlerische) Zuhälterei gar, auslegen?  Am Schluss lässt Abel fast beiläufig ein paar Anekdoten zur bisherigen Tournee fallen und erzählt, dass den indischen Glühbirnen, die die Truppe in ihrem Bühnenset mit nach Salzburg brachte, an der Grenze fast der Eintransport verwehrt worden wäre. „Too hazardous", sagt Roysten Abel mit einem Augenzwinkern, zu gefährlich seien sie. Österreichische Glühlampen hätte man anscheinend nicht einsetzen können. Man soll das Ganze wohl, könnte er damit gesagt haben, eben im indischen Licht sehen.

 

(13.7.2007)