Editorial: Absurde Kulturpolitik

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Die Stimmung in der Wiener Tanzszene steuert derzeit auf einen Tiefpunkt zu. Zu Recht. Denn das Kulturamt der Stadt betreibt bereits seit Längerem eine Umgestaltung seiner Förderpolitik für die freie Szene. In Zuge dessen wurden während des vergangenen Jahres die Auswirkungen der Finanzkrise, die für die Wirtschaft längst passé ist, dazu benutzt, die Wiener Theaterreform rückzubauen. Angeblich muss Stadtrat Mailath-Pokorny in seinem Ressort acht Millionen Euro einsparen. Ende 2010 lagerten vier Millionen Euro zuviel im Kulturtopf. Zwei Millionen davon wurden einem Kärntner Bauunternehmen zur Renovierung der Sofiensäle zugeschanzt, in die nun eine völlig sinnlose „Ausstellungshalle“ hineingebastelt werden soll, um diese Verschwendung irgendwie zu rechtfertigen. Was mit dem Rest des Geldes passiert ist, bleibt ein noch zu lüftendes Geheimnis.

Im November 2009 gab Mailath-Pokorny bekannt, dass sein Gesamtbudget für 2010 um 2,59 Prozent auf 236,6 Millionen Euro gewachsen war, das bedeutete 6,128 Millionen Euro mehr für die Wiener Kultur im Vorjahr. Ein Sprung ins Jahr 2011: Mailath-Pokorny entschließt sich offenbar, das Standort- und Strukturförderungsbudget für darstellende Kunst (acht Millionen Euro), das bisher außerhalb der Agenden des Theater-und-Tanz-Kuratoriums nach seinem Belieben angewendet wurde, aufzulösen und zu einem nicht näher beschriebenen Anteil dem Kuratorium zu überantworten. Dem corpusKollektiv war im März 2010 mündlich mitgeteilt worden, dass das Kulturamt beschlossen habe, die Website nicht mehr aus seinem Budget für darstellende Kunst zu finanzieren. Am liebsten hätte man corpus bereits per 2011 den Hahn zugedreht, aber, so hieß es, es werde noch einmal und letztmalig subventioniert (mit 30.000 Euro für 2011), um corpus die Gelegenheit zu geben, sich nach anderen Geldquellen umzusehen.

Auf unsere Frage hin, warum diese radikale Maßnahme erfolge, blieben die Antworten ausweichend im Sparargument hängen. Unsere Argumente, dass corpus doch erfolgreich und gut für die heimische Szene ist, wurden übergangen. Auf unser Nachhaken, was man (Mailath-Bürochef Christopher Widauer und MA7-Theaterreferent Robert Dressler) nun zu tun rate, kamen vage oder absurde Vorschläge, die darin gipfelten, dass sich corpus eben zum Beispiel in Niederösterreich um Geld bemühen solle.

Um die Geltung von corpus auch im Ausland zu belegen, hat das Kollektiv eine Expertise und Stellungnahme von Gabriele Brandstetter, Professorin an der Berliner FU, Leiterin des dortigen Zentrums für Bewegungsforschung und Top-Wissenschaftlerin der deutschsprachigen Tanztheorie, eingeholt und an Mailath-Pokorny sowie die MA7 weitergeleitet. Dass es darauf keine Zeile und keinen Anruf als Replik gab, ist nicht nur eine Brüskierung von Brandstetter, sondern auch ein weiteres Zeugnis dafür, dass es hier gar nicht um sachliche Argumente geht.

Seltsame Widersprüche

Das corpusKollektiv weiß sich als Teil der Wiener Tanzszene und hat daher trotzdem für 2012 wieder eingereicht. Das löste dem Vernehmen nach eine heftige Debatte zwischen den KuratorInnen und dem Kulturamt aus. Mit dem Ergebnis eines abschlägigen Bescheids von einem Geldberg von fast einer Viertelmilliarde Euro herab und gegen die Befürwortung des Kuratoriums „aus formalen und budgetären Gründen“. Das Formale: Die MA7 beschloss, wie das Kuratorium kommuniziert, einfach, generell nur noch Projekte zu fördern, die definitiv als Bühnenprojekte eingereicht sind.

Absurd ist dieser Beschluss vor allem auch vor dem Hintergrund der Aussage von Stadtrat Mailath-Pokorny am 25. März zur Eröffnung des Festivals Sound:Frame 2011, dass seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts klar sei, wie sehr die einzelnen Kunstformen oder -genres sich gegenwärtig miteinander vermischen würden. Dass ChoreografInnen nun etwa beim Wiener Theater-,Tanz- und Performance-Kuratorium nicht mehr für eine Videoinstalltion einreichen können sollen, steht zu der Erkenntnis des Stadtrats in bedenklichem Widerspruch. War diese nur das Geplappere einer Sonntagsrede?

Dass sich corpus Sorgen um die eigene Zukunft macht, ist klar. Genausoviel Grund aber, alarmiert zu sein, liefert das Gesamtbild der sichtlich völlig aus den Fugen geratenen Wiener Kulturpolitik – auch hinsichtlich des zeitgenössischen Tanzes, der hier klar in von Politikern und Beamten vorformatierte Grenzen gezwungen werden soll. In der Wiener Kulturadministration herrscht offenkundig kein Bewusstsein dafür, dass eine derart regressive Einschränkung dahingehend untersucht werden muss, ob sie nicht einer Kunstzensur gleichkommt. Im Fall von corpus liegt der Zensurverdacht auch nicht gerade fern – vor allem, weil sich die Redaktion mehrfach kritisch gegenüber einzelnen kulturpolitischen Kapriolen, etwa dem wohl nicht nur unseres Erachtens gescheiterten Symposium „Wien denkt weiter“ (vor der Wiener Wahl im vergangenen Herbst), geäußert hat.

Viel Geld muss dieses aufwändige Symposium samt eigener Website gekostet haben. Kam das Nötige dafür aus dem Kulturbudget oder aus der Wahlwerbekasse der SPÖ? Mailath-Pokorny sagte, dass es sich bei „Wien denkt weiter“ nicht um eine Wahlveranstaltung handle. Doch nach der Wahl war’s trotzdem vorbei mit der Initiative. Der aktuellste Eintrag auf der Denkt-weiter-Site, vom 8. April, 17.40 Uhr, dieses Jahres titelt: „Wien denkt nicht mehr“. Und weiter: „Seit dem 20. Dezember herrscht aber auf allen Kanälen Funkstille, dabei heißt es im letzten Beitrag auf der Website, dass ,Wien denkt weiter‘ auch 2011 als Kommunikationsplattform Akzente zu setzen beabsichtige.“ [*]

Woher kommt die Motivation, all die vielen renommierten BeiträgerInnen zu dem Symposium und der Website so zum Narren zu halten wie schließlich auch auf eine andere Art corpus? Wir haben Mailath-Pokorny in einem offenen Brief ein Gespräch angeboten, um Klartext zu reden, und angekündigt, den Kommunikationsverlauf öffentlich zu machen. Das war vor mehr als zwei Wochen. Keine Reaktion. Dabei hätten wir unter anderem gerne gewusst, warum sich die Stadt Wien corpus 2007 mit einem Budget von 206,3 Millionen Euro noch leisten konnte, und das 2012 mit voraussichtlich 228 Millionen Euro nicht mehr zu können vorgibt.


[*] http://wien-denkt-weiter.at/2010/12/20/wien-weiter-denken-schwerpunkte-2011/
und http://kulturmanagement.wordpress.com/2011/04/08/wien-denkt-nicht-mehr/


ORIENTIERUNG AUF CORPUS:

1. Titel / Ort / Sprache

2. Struktur / SITEMAP

3. INHALTE (Anmerkungen)

4. Kontakt!


1. Titel / Ort / Sprache

Der Titel corpus ist eine Anspielung auf die Formulierung eines „Körpers des Sinns“ durch den französischen Philosophen Jean-Luc Nancy. Die Mailadresse www.corpusweb.net enthält die Ideen einer intensiven Verlinkung (...web...) innerhalb der Site und einer dichten, gezielten Vernetzung nach „außen“ hin (...net). corpus entsteht in Wien – und außerdem überall, wo unsere Autorinnen und Autoren arbeiten. Von dort übersetzt es sich in den Überort des World Wide Web.

Zur Zeit wird das Magazin noch überwiegend in deutscher Sprache geführt. Alle Texte allerdings, die wir auf Englisch erhalten, werden in der Originalsprache auf die Site gestellt, um nichtdeutschsprachigen Neugierigen schon jetzt einige Möglichkeiten zu bieten, an corpus teilzuhaben. Sobald wir die finanziellen Mittel für Übersetzungen erhalten, werden wir die Website zweisprachig führen. Alle auf corpus publizierten Texte sind natürlich (so nicht anders bezeichnet) Originaltexte.

Finanziert wird corpus derzeit mit einem Basisbudget von der Kulturabteilung der Stadt Wien / MA7 und dem österreichischen Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur. Außerdem hat sich Tanzplan Deutschland, eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes entschlossen, corpus in seine Publikationenförderung miteinzubinden. Bisherige fördernde KooperationspartnerInnen waren die sommerszene salzburg, ImPulsTanz, das Tanzquartier Wien, Linz09 und die Choreographic Platform Austria 09 / steirischer herbst.


2. Struktur / SITEMAP

Die im ersten Ansehen vielleicht etwas eigenwillig anmutenden Sections FINGER, WIRBELSÄULE, ZUNGE, SCHUH, RAKETE und GEDÄCHTNIS führen einerseits von den stereotypen Formulierungen der Informations-Website weg und verraten zum anderen bereits, worum es in corpus geht.

Der FINGER mit seiner Symbolik der Indexikalität und der Schrift enthält Categories mit Arbeiten zu Theorie, Politik und Literatur.

In WIRBELSÄULE verbirgt sich das tragende Moment von Denken und Lexikalität, daher sind hier unsere Interviews, unsere Portraits sowie die Category Geschichte angelegt. In dieser Abteilung bringen wir auch unsere Editorials und das Inhaltsverzeichnis unter.

Mit Sprache, Äußerung und Verbindung ist die ZUNGE zu assoziieren, also verorten wir in dieser Section die meisten Themenschwerpunkte (Themen finden aber auch in anderen Sections Platz), Analysen & Kritiken und Überlegungen zur Ermöglichung und Veröffentlichung von Kunst durch Kuratorenschaften und inhaltliche Kooperationen mit corpus.

Und dann der SCHUH, das Objekt und seine Handhabung, die Technik und das Lernen, das Herholen des Anderen und die Pflege von Gastfreundschaft. Hier finden sich das FUTURE FIELD, das den Emerging Artists im zeitgenössischen Tanz gewidmet ist, die corpusResidencies, unsere Abteilung Techné mit Texten über Körpertechniken, Research und Pädagogik, die Galerie mit künstlerischen Projekten und schließlich The Zimmer, in dem corpus ein Live-Diskursformat als Installation praktiziert.

NEU ist im Mai 2010 die Archivstruktur GEDÄCHTNIS hinzugekommen, die die Anatomie von corpus abbildet und das Magazin unseres Magazins darstellt. Hier bleiben die corpusInhalte aktiv und verfügbar, hier lagern die bisher erarbeiteten Materialien, die mit der corpusSuchmaschine jederzeit abgerufen werden können.

Diese anagrammatische Anatomie wird durch das Künstlerprojekt RAKETE ergänzt, das geistesblitzhaft Bilder und Texte aus dem Körper von corpus zischen läßt, sodaß wir aufschrecken und fragen: „Was ist denn das?“ Was ist es also? Ganz klar: eine autonome Zone künstlerischer Diskursivität.


3. Inhalte

Eine Anmerkung: Die corpusRedaktion übernimmt programmatisch die Schreibweisen der beitragenden AutorInnen. Daher sind deutsche Texte teilweise in der „neuen“, zuweilen aber auch in der „alten“ Rechtschreibung publiziert. Auch die Verwendung etwa von -ph- oder -f- in Wörtern wie „Choreografie“ orientiert sich nach den Entscheidungen der Schreibenden.


4. Kontakt!

Die Redaktion ist für Rückmeldungen, Anregungen, Einwürfe, Argumente, Kritik und vor allem auch für Meldungen hinsichtlich etwaiger technischer Fehlfunktionen der Site dankbar: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

corpusRedaktion (aktualisiert 12.5.2011)