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Die Gier der Einbrecher nach Marmelade

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ALVIS HERMANIS' „SONJA" BEI DEN WIENER FESTWOCHEN

Von Judith Helmer

Zwei Menschen befinden sich für eineinhalb Stunden in einer kleinen Stube, doch obwohl sie denselben Raum teilen, teilen sie nicht dieselbe Zeit. Obwohl beide als Männer kamen, wird einer zur Frau. Der eine erzählt, und der/die andere transformiert das Gesagte in Tätigkeiten, die ihrerseits viel mehr erzählen, als es die Worte zu tun vermögen. Das ist Theater, das vor Theatersein nur so trieft. Das ist das Theater des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis, in Österreich hochgeschätzt seit seinem „Revisor“ in Salzburg und „Long Life“ bei den Wiener Festwochen vor zwei Jahren. Nun haben die Programmmacher der Festwochen Hermanis, der vom Jaunis Rigas teatris (Neues Theater Riga) aus Europas Theaterfestivals mit detailgenauen, liebevoll geführten Charakterstudien versorgt, abermals in die Stadt geholt.

Im intimen Rahmen des dietheater Künstlerhaus hat Bühnenbildnerin Kristine Jurjane eine Guckkastenbühne errichtet und sie mit am Flohmarkt zusammengetragenen Originalutensilien ausführlich ausgestattet wie eine Leningarder Garconniere aus den 1930er und 40er Jahren - von der Puderdose bis zum Steinofen. Dem Text im Programmheft zufolge ist selbst das Parkett sei aus einer Petersburger Altbauwohnung in das Theater gebracht worden. Soviel Realismus ist das Unterfutter für den dick gewebten Mantel des Spiels, mit dem Hermanis die Kurzgeschichte „Sonja“ der zeitgenössischen russischen Autorin Tatjana Tolstaja wärmend umhüllt.

Unter Sonjas Perücke

„Ein Mensch hat gelebt - und ist nicht mehr. Nur der Name ist geblieben - Sonja.“ So beginnt der in kurzen, poetisch knappen Sätzen verfasste Text (russisch mit deutscher Simultanübersetzung via Kopfhörer) - und schon hat das Geschehen auf der Bühne den zweiten Satz widerlegt. Hier blieb von Sonja auch die Wohnung, in der nun zwei Einbrecher gierigen Blicks herumschnüffeln. Sie sind nicht auf Juwelen aus, sondern auf Marmelade und Konfekt. Was Sonjas war, verleiben sie sich ein. Dieses so sinnbildliche wie sinnliche Vorspiel beleuchtet Hermanis' Herangehensweise. Einen der Männer lässt er in die Kleider und unter die Perücke Sonjas schlüpfen, und der andere repräsentiert sie über die Imagination ihrer Körpersprache.

Wer etwas verloren hat, sucht meist den Ort wieder auf, an dem er es zuletzt in Händen gehalten zu haben glaubt, um nachzuvollziehen, was dann damit geschehen sein könnte. So versetzt Hermanis seine beiden Schauspieler in die künstlich nachgebildete Lebensumwelt der Figur aus Tolstajas Geschichte. „Es geht nicht darum, sich in eine Frau zu verwandeln“, erklärt Hermanis. „Vielmehr geht es darum, diese Frau zu verstehen. Wir spielen nicht eine Frau, wir versuchen, diesen weiblichen Charakter zu erschaffen und etwas über seine Seele zu erzählen. Ich denke, dass eine Seele nicht an ein Geschlecht gebunden ist.“

Der Erzähler kommt zum Tortebacken

Diese Aneignung wäre für sich noch nichts Besonderes, ist sie doch auch im Film gang und gäbe. Doch bei Hermanis ist der handwerklich beeindruckend präzise gearbeitete, überhöhte Realismus nicht nur eindimensionale Ausstattungslust. Der Frauenfigur (Gundar Abolins), die lange Zeit nichts anderes tut, als ihren häuslichen Pflichten wie Nähen, Kochen oder Tortebacken nachzukommen, tritt der Erzähler (Jevgenijs Isajevs) an die Seite. Zu dessen Bericht über das geistig zurückgebliebene, aber tüchtige und beherzte Fräulein Sonja setzt Hermanis das Bühnengeschehen in einen komplexen und fein mit den möglichen Abstufungen von illustrierender Nähe bis zu widersprechender Distanz spielenden Zusammenhang. Magische Moment entstehen, wenn sich die nebeneinander ablaufenden Ebenen treffen, scheinbar ohne einander zu berühren: Wenn beide Figuren gleichzeitig ihre Federn in ein und dasselbe Tintenfass tauchen, und es doch in zwei verschiedenen Zeiten und Welten tun.

Hermanis erzählt in „Sonja“ bei weitem nicht nur die Geschichte seiner Figur. Er erzählt von der Lust und der (begrenzten) Fähigkeit des Menschen, sich in einen anderen hineinzuversetzen. Er erzählt sowohl vom Potenzial der Imagination als auch von der Notwendigkeit, an ihrer Richtigkeit zu zweifeln. So ist das Stück poetisch und zugleich politisch - ein Meisterwerk.

 

(14. 5. 2007)

http://www.festwochen.at