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Die gemachte Geschichte |
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EIN EXKURS ZUM SYMPOSIUM "PERFORMING MEMORY" IM WIENER KUNSTRAUM NIEDERÖSTERREICH
Von Helmut Ploebst
Geschichte ist eine Angelegenheit ihrer Herstellung. Ob es nun um Gesellschafts-, Wirtschafts- oder Kunstgeschichte geht – alle Geschichten sind Erzeugnisse des an ihr jeweiliges politisches und kulturelles Umfeld angepassten Wissens. Ein kleines Symposium mit dem Titel „Performing Memory“ im Kunstraum Niederösterreich in der Wiener Herrengasse spiegelte am 17. September 2010 die Herausforderung wider, die das Geschichtliche auch im Kunstkontext darstellt.
Die beiden jungen Kuratorinnen des Projekts, Julia Kläring aus Wien und die Französin Virginie Bobin [1] wollen die Diskussion um die Dokumentation von Performances weiterführen und luden Künstlerinnen mit Theorie-Hintergrund ein, über die Problematiken und Möglichkeiten des Dokumentarischen in Performancekunst (vor allem am Beispiel Gina Pane) und im Tanz – mit der Choreografin Barbara Matijević – zu reflektieren. Mit dabei waren auch Wiens Performance-Spezialistin Carola Dertnig, die Britin Alice Maude-Roxby, die Dramaturgin Andrea Salzmann, die Performancetheoretikerin Bojana Cvejić – und eine Gruppe von Studentinnen der Wiener Akademie der bildenden Künste, die den Verlauf des Symposiums live transkribierten.
Basis der Fragestellung war das Verhältnis eines Dokuments zu dem Live-Ereignis, das es dokumentiert. Diese Basis hat weitreichende Zusammenhänge. Es scheint, als ob über Gegenwartsgeschehen berichtende Medien, Kriminologen und Archäologen dasselbe Problem hätten: Wie kann Wissen über ein Ereignis wie eine Klimakonferenz, einen Mordfall oder den Untergang von Pompeji anhand gesammelter Dokumente vermittelt werden? Das Ephemere von Tanz und Performance ist also ganz und gar kein Sonderfall, sondern die Norm und die Grundlage unserer Wirklichkeit. Ein Glück für die Performance, denn deshalb gibt es elaborierte Aufzeichnungsmedien, die sowohl zur Dokumentation als auch zur Fiktionalisierung der ephemeren Wirklichkeit entwickelt und genutzt werden.
Religion und Medialität
In der Gegenwart der „Mediengesellschaften“ steigt das Bewußtsein darüber, wie sehr Medien Wirklichkeit schaffen. Die imposante Technologie und die Allgegenwart der Dokumentar- und Fiktionalisierungsmaschinen täuscht jedoch allzuleicht darüber hinweg, daß dieses Phänomen eine lange Geschichte hat. [2] So erzeugen fiktionalisierende religiöse Schlüsselmedien wie etwa die Bibel oder der Koran bereits seit Jahrtausenden künstliche Wirklichkeiten, auf denen alle Kulturen gebaut sind. Jede Kultur ist ein Medienprodukt, weil jede Kultur auf der Übermittlung von Erzählungen beruht. So gut wie jede Religion hat ein ausgeprägtes Medienbewußtsein entwickelt. Daher befindet sich in beinahe jedem europäischen Dorf ein Mediengebäude der christlichen Religion: Kirchen dienen der performativen Verbreitung der medialen Inhalte der Schrift. [3]
Die künstlerische Performance hat ihren Ursprung in kultischen Aufführungen mit oder ohne partizipativem Charakter, und mit der Erfindung eines performativen Mediums wie dem Theater, das der Erzählung an sich dient, wurde die kultische zur künstlerischen Fiktionalisierung (mit dokumentarischen Strukturelementen). Über die Performance wurden also seit Beginn des Kultischen und des Künstlerischen Geschichte und Geschichten vermittelt. Wenn nun also neu darüber nachgedacht wird wie bei „Performing Memory“, dann auf Basis dieser Prämissen.
Der springende Punkt der Diskussion ist aber, daß erst die profanen Medien der Gegenwart zur Kritik des Mediums einladen. Die an die alten Ideologien aller Religionen gebundenen Medienregimes werden bis heute mit ihren Inhalten gleichgesetzt und erscheinen dadurch, wie auch heute sehr deutlich zu sehen ist, als „sakrosankt“. Kritik an den meisten religiösen Medienregimes wird bis heute gewaltsam verfolgt, und das ist auch der Indikator für den oft hochgradig faschistoiden Charakter der über sie vermittelten Ideologien. [4]
Dokument und Appropriation
In der Kunst herrscht eine ähnliche Situation. Kritische Arbeit am Medienkomplex Kunst ist schwierig, wird aber permanent praktiziert. Alte Glaubensprinzipien – an Künstler als Propheten oder Scharlatane, das Original oder seine Nichtexistenz, die monokulturelle Identität der einzelnen Kunstformen – erodieren langsam, ihre Ruinen sind aber noch funktionsfähig. Sie werden vor allem durch die massenmediale Vermittlung von Kunst, die auf die Marken des Genies und der Originalität setzt, immer wieder neu abgestützt. Und hier ungefähr setzte das Symposium „Performing Memory“ an. Denn im massenmedialen Komplex findet sich der Medienkomplex Kunst noch einmal und mit hohem Verbreitungsgrad wieder.
Viel mehr soll hier über das Verhältnis zwischen Medien und Kunst auch nicht gesagt werden. Wenn sich Kunst in den Massenmedien thematisiert findet, so geschieht das zusammen mit den Thematisierungen aus allen Bereichen der Wirklichkeit. Das Dokument, das im Massenmedium Kunst zeigt und beschreibt, ist mit dem, was dokumentiert wird, nicht zu verwechseln und es ersetzt keinesfalls dessen direkte Rezeption. Wie die Beobachtung das Beobachtete verändert, so transformiert die Rezeption das Rezipierte. In welchem Maß diese Veränderung stattfindet, hängt von der Art der Beobachtung oder Rezeption ab.
Wenn behauptet werden kann, daß Kunst heute die aktivste Appropriation des Medialen ist und das Massenmedium die passivste, dann werden die Unterschiede klar. Bei „Performing Memory“ war eine Appropriation von Gina Panes Performance vom 11. Jänner 1973 Self-Portrait(s) (Andrea Salzmann und Julia Kläring) zu sehen, die mit einem passiven Videomitschnitt nicht zu vergleichen ist. Das appropriative Dokumentieren, wie es auch Kurt Kren über die Wiener Aktionisten praktiziert hat, fügt dem zu Dokumentierenden die produktive Rezeption als Objekt oder Dynamik hinzu.
Emanzipation und Performance
Massenmedien – um noch einmal kurz darauf zurückzukommen – fassen die für sie erreichbare Wirklichkeit mit den ihnen zur Verfügung stehenden Formaten und nach der ihnen zugrunde liegenden Logik einer maximalen Dynamisierung ihres passiven Charakters. Das durch sie Erfaßte wird kanalisiert und verändert, es erfährt eine Dramatisierung und Verharmlosung bei minimalstem Diskursgewicht. Was passiert, wenn nun, wie bei „Performing Memory“, künstlerisch in das medial vermittelte Gedächtnis eingegriffen wird? Die kroatische Choreografin Barbara Matijević macht es (in Kooperation mit Giuseppe Chico) in ihrer Arbeit I am 1984 besonders deutlich. Sie trägt ihre Assoziationen und Fakten zu dem genannten Jahr in einer Lecture vor, die aus autobiografischen Quellen und solchen aus dem großen medialen Archiv gespeist wird. Dazu zeichnet sie ein Wandbild, fertigt ein nicht ephemeres Medium zwischen Höhlenzeichnung und Schultafeldiagramm an, das als choreografisches Notat oder als Wetterkarte ihrer Erzählung über die Performance hinaus bestehen bleibt.
So wie Matijević würde kein Massenmedium berichten. Aber ohne die Materialien aus den Massenmedien hätte sie diese Arbeit nicht bewerkstelligen können. Der Witz ihrer Erzählung ergibt sich aus den Reaktionen des Publikums mit dem eigenen Gewußten oder nicht Gewußten. Information ist ein gestaltbares Material, davon lebt die Kunst immer schon. Aber jeder Eingriff in die hochgradig gestreute Informationswelt, der die massenmediale Logik verschiebt oder kippt, erzeugt neues Wissen. Und eine veränderte Sicht auf das Gewußte.
Am Ende des Symposiums brachte Bojana Cvejić den im Syposium betriebenen Diskurs mit einer Feststellung von Jacques Rancière auf den Punkt, in der es heißt, daß eine emanziperte Gesellschaft aus Geschichtenerzählern und Übersetzern bestehe. Sie erinnerte an Jon McKenzie, der konstatiert hat, daß aus der disziplinierten Gesellschaft eine performative geworden sei und merkte an, daß es heute nicht mehr um gesellschaftliche Konstruktionen, sondern um Fiktionen gehe. Und tatsächlich ist die Performance – im Sinn von McKenzie als Leistungsdarstellung – jene primäre Fiktion, die den direktesten Zugang zur neoliberalen Wirklichkeit darstellt. Sie ist die Praxis und die Projektionsleinwand zur fiktionalistischen Herstellung von Geschichte.
Fußnoten: [1] Bobin und Klärig kooperieren als bo-ring: http://www.bo-ring.net. Das Projekt „Performing Memory“ läuft in Paris als Reihe von Seminaren und Sessions. [2] Die Wendung „lange Geschichte“ stammt aus einem linearen Verständnis von Historiografie. Dieses veraltete Modell steht heute eine nichtlineare Geschichtsauffassung gegenüber, das die jeweilige Gegenwart der Herstellung von Geschichte miteinbezieht, nicht aber Herleitungen aus der Vergangenheit – wie sie sich in ständiger Veränderung im Voranschreiten der Forschung darstellt – opponiert. Nichtlinear bedeutet also auch: transformativ. [3] Kirchen als die christliche Form religiöser Tempel sind multimedial angelegt: mit Architektur, Bild, Musik, Skulptur, Sprache und – teilweise partizipativer – Performance. [4] Jede Ideologie stellt ein für sie affirmatives Geschichtsbild her und betreibt so aktiv und vorsätzlich Geschichtsklitterung. Das heißt, daß Forschungsresultate oder Wissensinhalte der Historiografie an die Intentionen der Ideologie angepaßt werden. Daraus entstehen perverse Transformationen wie etwa im Nationalsozialismus, die das genaue Gegenteil dessen darstellen, was unter der zeitgenössischen nichtlinearen Geschichtsschreibung verstanden wird, die gerade ideologisierend verfälschte Herleitungen und Erkenntnisse entlarvt und opponiert.
(23.9.2010)
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