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Der Wind im leeren Lebensbau

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KATTRIN DEUFERT UND THOMAS PLISCHKE ZEIGTEN "DIRECTORY: TATTOO" IM TANZQUARTIER WIEN

Von Martina Ruhsam

Das 2001 von Kattrin Deufert und Thomas Plischke in Frankfurt gegründete Label frankfurterküche hat seinen Sitz heute, nach einem Intermezzo in Leipzig, in Hamburg. Der „Künstlerzwilling" deufert+plischke wurde von Belgiens gewichtigstem Tanzkritiker, Pieter T´Jonck, als - in politischer Hinsicht - wichtigste europäische Tanzkünstler bezeichnet.

Zubereitet werden in dieser Küche choreografische und Theaterprojekte, Dia- und Videoinstallationen, Text- und Videopublikationen. Im Rahmen einer „Werkschau" zeigte das Tanzquartier Wien die Projekte „Directory: In Be Twin" und „Directory: Tattoo".

„This is the empty space of my life"

Die leergeräumte und mit Neonröhren kalt ausgeleuchtete Bühne erinnert an Räume wie bei dem Stück „Incubator" des österreichischen Choreografen Philipp Gehmacher. Auch hier ist der Raum bar jeder Behaglichkeit, eine nackte Black Box, in der ohne Körper- und Blickkontakt kommuniziert wird. Containerambiente, vereinzelte Körper, immer schon allein.

Es erscheint ein wenig absurd, über ein Bühnenbild zu schreiben, das als solches vor allem in seiner Anti-Existenz präsent ist und den Raum offen legt für die minimalen Bewegungen, die in ihm stattfinden werden oder schon längst stattgefunden haben. Ein Neonröhrengebilde hängt wie die Persiflage eines postindustriellen Lusters vom Grid. Es ähnelt den Metallskeletten der Kräne auf einem Frachthafen, die wir im Video sehen - als im Loop die damit endlose Hafenmole entlangfahrende Bootspassagiere.

In diesem Leerraum ermöglichen fünf TänzerInnen multiple Kombinationsmöglichkeiten ihrer Bewegungen mit einem projizierten Lauftext. Das unaufhörliche Blinken einer der Leuchtröhren des „Lusters" ist - als ikonisches Motiv der Trostlosigkeit in Film und Theater - das Ostinato der Performance, ein Wackelkontakt, ein Defekt, der sich mit der Musik und den Bewegungen streckenweise zu einem eigenwilligen Rhythmus verschränkt. Er ist das Indiz dafür, dass reine Funktionalität immer schon eine Fiktion darstellt.

„Place, where do you take place?"

Nach „Directory 1: Europe Endless" und „Directory 2: Songs of Love and War" (zusammen „Directory: In Be Twin") schließt die frankfurterküche ihre Trilogie mit „Directory 3: Tattoo" ab. Ging es in „Directory 1" und „2" vor allem um die Frage, wie sich das Leben in der künstlerischen Arbeit bzw. wie sich das künstlerische Tun im  Leben fortsetzt und wie sich die beiden durchdringen, so beschäftigt sich „Directory: Tattoo"  mit der Wechselwirkung von Bewegung und Text.

Diese Thematik stellt eine logische Fortschreibung der Forschungen Deuferts und Plischkes dar: Basieren die ersten beiden Teile vor allem auf Video- und Texteinspielungen, so setzen die PerformerInnen in „Directory: Tattoo" ihre Gedanken in Bewegungen fort. Das Resultat ist ein minutiös choreografiertes Tanzstück für und von fünf heterogenen TänzerInnen, die sich auf sehr unterschiedliche Weise zur elektronischen Musik von Hubert Machnik in den Raum einbringen, indem sie aus einem gemeinsamen Pool an Erinnerungen schöpfen.

Der Arbeitsprozess bestand zunächst primär im kollektiven Schreiben von Texten, im Sammeln verbal umrissener Kindheitserinnerungen und Bewegungsbeschreibungen. Diese wurden in je individueller Form wiederum in Bewegung transferiert. Fragmente des kollektiven Textagglomerats ziehen als Lauftext unter dem Video vorüber: Oben der Hafen, darunter die Schilderung eines Hauses, in dem es nur Unterschiede in den Intensitäten gibt - dann nämlich, wenn der Wind durch die Fensterhöhlen bläst oder die Sonne durch diese hindurchscheint. Links davon eine Frau, die uns anschaut, wegschaut, sich auf den Boden kauert.

„And again from the beginning"

Alles wirkt bis in die Einzelheiten komponiert, und zugleich kommt es so daher, als wäre es eine ganz zufällige (Un-)Ordnung, die wir da sehen, weil es nicht vorgibt, irgendetwas anderes zu sein, als das, was wir sehen: Ein T-Shirt über ein Gesicht gezogen, eine Handfläche auf einem Rücken, ein springender Mensch. Eine Bewegung setzt sich in derjenigen eines anderen fort und plötzlich tanzen dann doch zwei PerformerInnen synchron. Die Bewegungen verschieben sich. Deufert und Plischke bemühen sich in der relativ ironiefreien Zone von „Directory: Tattoo" nicht, irgendwelche Erwartungen im Publikum aufzubauen oder zu brechen. Vielmehr macht die konzentrierte Ruhe der wunderbar unprätentiösen PerformerInnen uns nichts erwarten.

Da ist keine Bewegung, die mehr Gewicht hätte als eine andere und es bleibt ein Rätsel, woher diese Bewegungen stammen, wem sie gehören mögen und ob sie viellleicht nur das Derivat eines Textes in raum-zeitlicher Ausdehnung darstellen, eine Eruption des Gedächtnisses. Wenn die PerformerInnen sich am Ende in totale Introspektion zurückziehen, führen sie, wie schon in „Directory 1" und „2", jeden Applaus ad absurdum. Wenn nicht klar ist, wer da tanzt, dann ist auch nicht klar, für wen da geklatscht werden soll. Einige klatschen dennoch. „This is today", schreibt die Projektion.

 

(18.12.2006)