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Der Trypps-Tanz

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EXPERIMENTALFILME VON BEN RUSSELL BEI DER VIENNALE

Von Helmut Ploebst


Endlich einmal in einem großen Kinosaal sitzen, und es sind weniger als zehn Prozent aller Sitze besetzt! Oops, was sage ich da? Klingt asozial. Klingt elitistisch. Aber im Ernst: Kennst Du (und dieses Du ist eher dem Pop-Radio weggestohlen als Ikea) dieses Gefühl?

In einer Gruppe offensichtlich Irrer zu sitzen, die sich für etwas interessieren, das als absoluter Quotenkiller, als Auslastungstorpedo und Konsumzersetzer verstanden werden kann (in einem solchen Raum zu sitzen, das ist angenehm, das hat Luft), und zugleich auch zu bedauern, dass es nicht mehr Leute geschafft haben, hierherzukommen. Sie hätten es ja tun können und sagen, heute schaue ich mir Filme an, die mir nicht gleich etwas erzählen, wenn sie mich in einen anderen Zustand versetzen.

Bei Ben Russells „Trypps“-Filmen, die während der Viennale gezeigt wurden, war das so. Experimentalfilm im großen Kinosaal. Wunderbar! Russell ist Performer und Filmer. Das sei nur am Rande erwähnt. Und, dass er während der Viennale zusammen mit dem Musiker Ekkehard Ehlers auch eine Performance, „On Becoming“, gezeigt hat.

Der Körper im Kinosaal

In seiner zur Zeit sechsteiligen „Trypps"-Serie spricht Russell den Körper an, die Körperlichkeit der Zuschauer während des Film-Erlebnisses. Alle, die jemals im Kino waren, kennen ihre körperlichen Reaktionen auf Filme, das Zusammenzucken, das Sichanspannen, das Lachen, das Weinen, das in den Film hineinfließen, die feuchten Hände, das Zucken der Gesichtsmuskeln. Kinästhetik gibt es eben auch im Kino und nicht nur beim Tanz. Diese Verbindung - Tanz und Film - ist in Ben Russels Werk besonders offensichtlich.

In einem modernistischen Sinn bei „Black and White Tripps Number One“ von 2005, in dem auf der schwarzen Projektionsfläche Lichtpünktchen flimmern, die sich vermehren, ihre Form verändern und einen gewaltigen Tanz beginnen, der den Blick in sich saugt und wie eine Droge wirkt. Hier geht es, wie auch bei „Trypps“ Nummer zwei und vier, um psychedelische Wirkungen, um Zustandsverschiebungen. Dabei nimmt Russell, wie vor ihm viele Experimentalfilmer, sich das Monster des narrativen Films zur Brust und destilliert es, bis nur noch der Film übrigbleibt: wenige Formen, Licht, Bewegung, die vergrößert, rhythmisiert und dem Schauen überlassen werden.

Das Besondere an Russell ist aber, dass er noch eine andere Ebene bearbeitet und reflektiert, die Elemente der Erzählung konkret herausstellt und fokussiert. In „Black and White Trypps Number Three“ fixiert die Kamera einige wenige Besucher eines Konzerts der Noise-Band Lightning Bolt. Ihre Gesichter geben die Intensität ihres Musikerlebnisses wider. Dicht an dicht stehen sie und versuchen, sich doch noch ein wenig zu bewegen - als Elemente eines tanzenden Schwarms. Ein kleiner Scheinwerfer erfaßt sie und läßt sie wie Gespenster ihres Mitgerissenseins erscheinen.

Mit der Zeit verlangsamt Russell die Geschwindigkeit ihrer Bewegungen, die Musik wird monoton, und der Ausdruck ihres Erlebnisses verstärkt sich dadurch noch einmal. „Trypps #5 (Dubai)“ versetzt diese Nahsicht auf eine Leuchtreklame, die das Wort „HAPPY“ und einen arabischen Schriftzug vor verschiedenfärbig flimmernden Neonröhren zeigt. Das macht sofort eine ganz große Geschichte auf, die mit Konsum und Kapitalismus in den Golfstaaten zu tun hat, aber wiederum auch einen Tanz: den des stromdurchflossenen Leuchtgases, die Choreografie der Aufmerksamkeit und deren sture Mechanik in der Reklame.

Experimente für alle

Der aktuellste Film der Serie, „Trypps #6 (Malobi)“, erinnert sehr konkret an Jean Rouchs „Les Maîtres Fous", an eine Beobachtung, in der die Beobachteten den Beobachter lenken. Die Kamera folgt seltsamen Masken in einer afrikanischen Siedlung auf ihrem Weg zum Marktplatz. Das Dokumentarische steht in dieser strukturellen Bewegung der Kamera zur Disposition, oder anders gesagt, die Betrachter müssen sich aus den Bewegungen des Bildes und seiner Sujets heraus in eine eigene Fiktion begeben, damit sie nicht an der exotistisch anmutenden Oberfläche des Films hängen bleiben.

Russels Filme sind alles andere als hermetisch, ohne dass ihre konzeptuelle Identität verschleiert würde. Und sie sind auch für ein breiteres Publikum geeignet, ähnlich dem choreografischen Konzeptualismus, der so viele Emotionen ausgelöst hat. Auch wenn heute eine konservative Tsunami über den zeitgenössischen Tanz hinwegfegt - die Utopie, die sich auch bei Ben Russels „Trypps“-Reihe formuliert, verändert das Verständnis dessen, was Tanz und Kino ist, und diese Utopie hat einen langen Atem.

Der Experimentalfilm verändert den Blick, und die Viennale streut diese Möglichkeit, die Kinematografie ganz anders zu erleben, locker durch ihr Programm. Vielleicht wäre es nicht schlecht, manchmal den einen oder anderen Experimentalfilm als Vorfilm für große Publikumsmagneten zu projizieren, um den Diskurs über die Politik des Schauens anzustacheln.


(28. 10. 2009)