Das VergnĂĽgen

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ZUR GEOGRAFIE EINER PROGRAMMINSEL: "IT'S OUR PLEASURE", KURATIERT VON SUPERAMAS IM TANZQUARTIER WIEN


I. Formatieren einer Lounge - aus den Routinen geraten

Von Helmut Ploebst


Eine der größten Vergnügungen in der Kommunikation von Kunst kann es sein, Kunstwerke in besonderen Formaten miteinander auftreten zu lassen. Dabei verspricht das Vergnügen das Gegenteil von Genügsamkeit (dem Gebrauch probater Präsentationsformen): der Gestus des bloßen Servierens wird zugunsten der Anregung eines - wie Claude Lévi-Strauss sagen würde - „appétit intellectuel“ aufgegeben, der durch die Einladung zur Lektüre auf mehreren Ebenen befriedigt wird.

Das Festival als Simulakrum des Feierns ist als kuratorischer Rahmen für darstellende Kunst selbstgenügsam geworden, ähnlich der statischen Ausstellung in der bildenden Kunst. Die Vernissage stellt den beharrlich wiederholten Initiationsritus für Ausstellungen dar, der nur sehr ungern hinterfragt wird. Das Geheimnis hinter der Unvermeidlichkeit von Festivals und Vernissagen ist das Ritual, die Wiederholung.

Hier wird nur zögernd experimentiert. Einerseits, weil sich die Inszenierung - die natürlich auch in den tradierten Formaten stattfindet - von Kunst nicht vor die gezeigten Werke schieben soll, andererseits, weil Rituale auch eine Zugkraft besitzen, die nur ungern aufs Spiel gesetzt wird. Die Ausstellung garantiert die Ordnung der Rezeption, die Vernissage führt die Kunst auf den Strich. Das Festival bildet eine Autorität der Wiedergabe, mit der es eine künstlerische Gabe kalkulierbar ihrer Annahme zuführt. So scheinen das Festival und die Ausstellung Konstanten zu bleiben, die sich den eingespielten Attraktionsfeldern für das Publikum stets aufs Neue anpassen. Noch mehr von dieser Art von Verläßlichkeit strahlen die Programme der meisten ganzjährig bespielter Häuser für Musik oder Darstellende Kunst aus.

Damit ist allerdings die Behauptung, das Beibehalten der gewohnten Formate führe zu Routinen, die das Abenteuer Kunst zu einem eher touristischen Erlebnis herabstufe, nicht vom Tisch. Im Gegenteil. Die Gefahr der Routine ist eine Ablösung des Vergnügens durch die Tüchtigkeit, der verrückten Idee durch normative Leistung.

Das Tanzquartier Wien hat sich für diese Saison den Routinen eines Jahresspielbetriebs entzogen und bietet zehn kleinere Festivals an, die als „Programminseln" bezeichnet werden. Zwischen diesen Inseln driften Einzelpräsentationen, und die Kommunikation hat von reinen Marketinglogiken in eine künstlerische Öffentlichkeitsarbeit gewechselt. Damit werden Regeln und Routinen aufgeweicht, und das Prinzip des Vergnügens tritt auf den Plan.

„It's Our Pleasure“, die von der Gruppe Superamas im November 2008 gestaltete TQW-Programminsel, bot zum Einstand eine „Vienna Lounge“ mit einem breiten künstlerischen Programm an (Ironie dabei: die Wiener Tageszeitung „Die Presse“ enthält ein Supplement mit dem Titel „KarriereLounge“ - die Lounge scheint also überhaupt in der Mitte unserer Gesellschaft anzukommen). Es gab eine Bar, einige Sitzgelegenheiten, die Besucher konnten flanieren. Chillig. Rauchverbot, ergo anfangs die prüde Atmosphäre einer Sanatoriumsfeier. Aus dieser an sich ernüchternden Position heraus schaffte das Kollektiv es trotzdem, aus der eigentlich schwierigen Metapher der Lounge heraus ein etwas anderes Kunstformat zu schaffen. Und zwar deshalb, weil das Publikum nach zehn Minuten vergessen hatte, daß es sich in einer „Lounge“ befand. Damit wurde dieselbe neu gesetzt. Ein dichtes Programm ließ kaum Zeit für ein Chill out.

Während das bekannte Format des Parcours das Publikum in Labyrinthe leitet, stellt die Lounge ihre Besucher in die Mitte und läßt um diese herum Kunst auftreten. Die in der Mitte entspannen dabei und spannen sich zugleich an. Endlich im Zentrum der Arena sein! In der „Vienna Lounge“ meldete sich die Kunst von den Wänden, von Screens, aus Ecken (wie Karl Karner und Linda Samaraweerová), von einem Podest oder einem zur Bühne umfunktionierten Gang, in dem - Vorhang hoch - Kris Verdoncks „Dancer #1“ auftrat: Ein schwerer Stahlwinkel in L-Form, montiert an eine elektrische Schleifmaschine. Das Gerät wird eingeschaltet, das L gerät ins Tanzen, ist aber viel zu schwer, sodaß sich der Motor überhitzt und zu rauchen und zu stinken beginnt, während das Metallobjekt wie paralysiert und entfesselt zugleich in der Luft schlingert.

Aus diesem Gang schoben später Michikazu Matsune und David Subal einen Kleinwagen und tanzten unter anderem ihre „Dooring“-Choreografie, eine Ironisierung des Fetischs Auto. Der Kraftwagen hatte noch einen weiteren Auftritt: in Nicolas Provosts choreografischem Film „Plot Point“, der in Bewegungsstrukturen von New Yorker Polizeiwagenflotten kulminierte. Der bildende Künstler Roland Seidel geriet in seinem Video „MAN OS1 / extrordinateur“ in die Mühlen eines Computermenüs, und Alix Eynaudi geisterte mit Agata Maszkiewicz in „The Visitants“ auf der Leinwand und durch die Lounge. Superamas selbst traten als Band zu Bildern der Galerie Vu' auf und zitierten in einem kostümintensiven „Imperial Vaudeville“ Motive aus ihrer jüngsten Arbeit „Empire“. Außerdem zeigte Jean Pierre Leclerq einen Teil seines riesigen „Waterloo Diorama“, einem Zinnsoldaten-Nachbau der Schlacht von Waterloo.

In dieser Lounge bewegten sich Geister und Maschinen, Körper und Bilder, Sounds (DJ Amina Handke) und Stimmungen in einem dichten Muster, das einige ungewöhnliche Prämissen der zeitgenössischen Choreografie versammelte. Das Vergnügen der Künstlergruppe Superamas an der Kuratierung dieses Formats bestand sichtlich darin, ein funktionierendes Format eingesetzt zu haben, das bisher noch wenig erprobt ist. Zwischen dem Publikum im Zentrum und der Kunst als „Peripherie“ entstand ein intimes Verhältnis, das von einer Umkehrung des Theatersettings dominiert war. Der Performanceraum erhielt den Charakter eines dynamischen, choreografierten Ausstellungsraums, in dem sich ein Zug jenes Unheimlichen widerspiegelte, das die Gegenwart in vielerlei Hinsicht zu verdunkeln begonnen hat: Das Waterloo des Börsenkapitalimus, der Kratzer im Fetisch Auto, die Einkehr und Ausbreitung von Kontrollmechanismen, der Orientierungsverlust im Kulturbereich - Superamas bot ein Pandämonium an Reaktionen auf die Gegenwart als bewußt ambivalente Show mit durchwegs hervorragenden KünstlerkomplizInnen.

Der zweite Teil von „It's Our Pleasure“ bestand aus drei verschiedenen, an drei aufeinanderfolgenden Tagen präsentierten Performances: Miet Warlops Performance „Creatures in Progres“, Rhys Chathams Konzert „,Guitar Trio‘ (G3) for numerous guitars, electric bass, and drums with ,Pictures for Music‘ by Robert Longo“ und Tina C in „TINA C - Tick my Box“. Jeder der drei Abende wurde mit einem von Superamas mit Roch Baumert, Alix Eynaudi, Agata Maszkiewicz und Diederick Peeters gestalteten „Prologue“ eingeleitet: ein Squatting von Bühnen vor dem eigentlichen Akt.

Das funktionierte ganz besonders gut vor Warlops „Creatures in Progres“, als die Superamas in vier Hund-mit-Herrchen/Frauchen-Paaren auftrat. Einer der Hunde (Eynaudi) sang ein Lied über das Tanzen als existentielle Metapher von Beständigkeit und Abweichung. Warlop baute für ihre Kreaturen ein Haus und ließ eine Box mit Beinen, einen wandelnden Tisch und eine Röhre mit Frauenoberleib Dinge tun, die wie aus Comicfilmen herausgeschnitten wirkten. Die Arbeit verhält sich zu Meg Stuarts Stück „Visitors Only“ wie ein Lachkrampf gegenüber solidem Wahnsinn - also in wunderbarem Kontrast bei ähnlichem Auftritt. Die Auftritte in dem Stück erinnern an solche von narrativen Abfällen, die miteinander ein performatives Environment bilden. Alles Tun läuft als eine Art Negativform von Handlung ab.

In Wien traten neben Diederick Peeters und Warlop selbst noch Krõõt Juurak, Valerie Oberleithner, Oleg Soulimenko und Cezary Tomaszewski auf. Aber weniger als Tänzer oder Performer, sondern als wandelnde Bild- beziehungsweise Objektträger, die an Jean Cocteaus „Parade“ erinnerten, aber noch mehr an Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“, Kreaturen im Aufbau, wie sie in der Kunstgeschichte eine eigene Geschichte bilden.


II. Dance (Inside Paper):011208 (integrated)

Superamas zeigen Rhys Chatham.
Was nehmen sie mit auf die Insel?
Lärm.

Composed by Captain Carey in collaboration with the media

Lärm:
Nun Ohren ihr. Lärm versteht sein eigenes Wort nicht mehr. Das eigene Tun nicht mehr. Wo die eigene Verortung und Herkunft sogar ausser sich. Die Bewegung wird Taumel und wird hier am 28. November 2008 im Tanzquartier in der Halle G: Musik eine darstellende Kunst.
Guitar Trio (G3) aus den späten 70er Jahren wird von Superamas eingeladen und mit einer aberwitzigen Modern Dance-Parodie als Prolog dem Tanzpublikum dargeboten.
Hören sie mal: Zum Tanzen trifft sich das ganze Dorf. Nicht nur das reale, auch das imaginäre. Und die ehemaligen Einwohner und die illegalen Engel auch. Notwendige Gespenster werden die Künste beim Tanzen. Was woanders tot geredet bereits oder eingelegt. Hier wird es wieder und wider. Mit diesen Sätzen in seinem angenehm vibrierenden Kopf verliess Captain Carey die Insel Nr. 3 der Übergalaxie. Der soeben von den supergalaktischen Inselbewohnern gekaperte Rockstar aus den 80er Jahren zeigt sich mit Musikern vor Ort aus dem Hier und Jetzt als eigenes Ready-Made auf der Zirkusbühne. Performt seine alte Kunst vor frischen Augen. Ja, das ist unser Doppelgänger der Hingabe. Vier Gitarristen auf der einen und vier Gitarristen mit einem Bassisten auf der anderen Seite. In der Mitte ein Schlagzeuger. Davor der Komponist ist Dirigent und Gitarrist gleichzeitig und bewegt sich auch zwischen allen Klischees. Rhys Chatham als der alte Rockstar, der dankbare spirituelle Künstler, der ironische Entertainer, der alte Haudegen, der staunende Krachmacher und ein weiteres Das Letzte Abendmahl wird inszeniert. Sein Orchester hat zehn unterschiedliche Bernhards: Keine Gitarre, keine Spielweise noch Bühnenhaltung gleicht der anderen.
Aus dem Programmheft: Bei jedem Auftritt wird das Gesamtwerk zweimal hintereinander aufgeführt, bloß das Spiel des Schlagzeugers verändert sich beim zweiten Durchgang merklich.
Hören sie noch mal: Zum Tanzen trifft sich das Ganze. Nicht nur das Reale, auch das Imaginäre. Und die ehemaligen und illegalen Engel auch. Notwendig zu Gespenstern werden die anderen Künste beim und durch Tanzen. Was woanders tot geredet bereit oder eingelegt wird hier wieder und wider durchdrungen.


III. She's a friend: Tina C, Drag Queen und Stand-up-Comedian

Von Sabina Holzer


„Tick My Box“ ist der Titel der Performance der Drag Queen Tina C, und „Tick My Box“ ist auch der Titel ihres ersten Songs in der Show. Die Performerin unterstreicht den Refrain „Tick My Box“ mit einer Geste und lädt das Publikum ein, mitzumachen und mitzusingen. Erst am Ende des Liedes erkenne ich die Bedeutung des in die Luft gezeichneten Dreiecks: Ein vergrössertes „Häkchen“ in dem imaginären Viereck eines Wahlzettels.

Die Show „Tick My Box“ ist ein Mäandern rund um Tina C's Kandidatur für das Weiße Haus. Entlang dieser Linie entsteht eine witzige und intelligente Auseinandersetzung über starke Frauen, Krieg und Religion, die zugleich scharfsinnig und liebevoll die Politik der Performance thematisiert. Im Lauf des Abends kommt es zu der Nummer „Ain't nobody do me like Tina“. Wieder mit der Aufforderung mitzusingen: „Ain't nobody do me like Tina. Ain't nobody do me like her. Ain't nobody do me like Tina. She's my friend.“

Ein Angebot von Freundschaft. Am Ende des Abends merke ich, dass ich diese Angebot gerne angenommen habe.
Warum? Ein Versuch:

4 Gründe to Tick Tina C's Box

Vorweg zum Verständnis: Freundschaft: Nicht die Form einer Zweierbeziehung, sondern eine Frage der Existenz. Wie ist es möglich, zusammen zu leben? Freie Zeit, Kummer, Wissen, Vertrauen zu teilen? Eine mögliche entblößte Begegnung außerhalb der institutionellen und familiären Bindungen, außerhalb der Beziehungen von Beruf und erzwungener Kameradschaft. Ein Begehren und eine Unruhe, ein unheimliches Begehren. Sich einander ohne Waffen oder passende Worte gegenüberstehen, ohne etwas, das den Sinn der Bewegung zueinander bestätigt. Eine Beziehung, die von A bis Z erfunden werden muss, die noch formlos ist: die Freundschaft, das heißt, die Summe all dessen, womit einander Freude bereitet wird. Freundschaft ist nicht Vereinnahmung, Freundschaft ist Raum für Entscheidung. [1]

1. Sexy, aber nicht „oversexed"

Tina C trägt ein Kostüm, rosa und glitzernd, Hot pants und ein rückenfreies Oberteil. Sie hat keine übernatürlich großen Brüste und keine übernatürlich langen Wimpern. Sie hat lange Beine (die in den silbernen Stöckelschuh noch länger werden) und eine kehlige Stimme. Sie hat eine gute Stimme, über die sie sich lustig macht. Sie lacht und hat manchmal Tränen in den Augen. Sie hat ein verwegenes scheues Blinzeln. Sie ist ein Drag: „dressed as girl“ [2]. Unregelmäßig und ungestüm wie ein JungesMädchen.

Sie wird dargestellt von dem Charakterschauspieler und Komödianten Christopher Green. Tina C scheint ein wunderbares Medium zu sein, um Greens tief verwurzelten Zorn über die amerikanische Politik zu transportieren. Imperialistische Naivität, Verstrickungen und die Notwendigkeit eines anderen Umgangs mit der Welt von „Change“ stehen nicht im Widerspruch zueinander. Auch Wien wird bedacht: „You build wooden huts for Chrismas to drink Glühwein. I walk through these streets and I see all these wooden huts and you people buying unnecessary things. I am proud of you. You really keep capitalism alive. That's so valid. I validate you as as human being.“

2. Purple Rain [3]

Tina C kandidiert für das Weiße Haus. „White trash into the White House!“ Diesmal hat sie es nicht geschafft. Aber das macht nichts. Die AmerikanerInnen haben etwas geschafft, das gut für Amerika ist. Nämlich „B.O.“
„Das Leben ist zu kurz, die Zeit ist zu wertvoll und es steht zu viel auf dem Spiel, um darüber nachzugrübeln, was gewesen wäre, wenn. Wir müssen gemeinsam dafür arbeiten, was sein wird.“ Das waren Hillary Clintons Worte, als sie sich aus dem US-Wahlkampf zurückzog. [4] Auch Tina C lässt sich nicht unterkriegen. Sie macht weiter. Sie ist ein Nashville Girl, ein Country Girl.

In diesem reaktionären Genre setzt sie mit ihrer Satire an, in der sich sämtliche alte und neue Bilder des amerikanischen Traums überlagern: Ein (Country-)Star, der aus armen Verhältnissen stammt und es geschafft hat. Es gibt kein anderes Land, in dem Träume so wahr werden wie in Amerika. Selbst wenn es Alpträume sind. Triviales und Träume werden von Tina C unmittelbar vermittelt, gedreht und gewendet. Wenn sie dann plötzlich mit einer Ansprache beginnt und feststellt, dass es ihr eigentliches Anliegen wäre, die Unterschiede aufzuheben, die vielen Parteien abzuschaffen, eine einzige Partei zu gründen, Stars and Stripes zusammen zu bringen, eine Purple Party zu gründen „No demo-k-rats, no re-public-ans!“ und sich schließlich mit Pose und Stimme in „Purple Rain“ wirft, läuft einem die Komplexität der Angelegenheit schauernd wohlig den Rücken hinunter.

3. „My body is a map“

Tina C sagt: „I am from Nashville. My body is a map. Look at it.“
Angeregt von ihren Wortspielen während der Show, kombiniere ich:
"Tina C - Tennessee".

Tennessee zählt zu den Südstaaten. Nashville ist die Hauptstadt. Der Name Tennessee kommt von Tanasi, dem Namen einer Indianersiedlung am Little Tennessee River. Einer der Beinamen von Tennessee lautet „Volunteer State“ - Staat der Freiwilligen. Tennessee trat den Vereinigten Staaten durch eine vom Senat gebilligte Gründung am 1. Juni 1796 als 16. Staat bei. Von 1838 bis 1839 wurden die restlichen verbliebenen rund 17.000 Cherokee in den Westen von Arkansas deportiert. Dieser Gewaltmarsch ist unter dem Namen „Pfad der Tränen“ (Trail of Tears) bekannt. Tennessee war in den 1960er Jahren der Mittelpunkt der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, die ihren Höhepunkt 1968 nach dem Attentat auf Martin Luther King erreichte. Die politische Landschaft Tennessees änderte sich früher als in den anderen Südstaaten.
Tennesee die Karte eines Körpers von Minderheiten, Tina C.

4. Offene Begegnung

Tina C ist kein übliches Klischee der Drag Queen als Femme fatale. Sie spielt eine Frau, die sich selbst zu helfen weiß, genau so wie jeder die ganze Zeit so tut, als könne er/sie sich selbst helfen. Sie weiß um den Jargon der Selbsthilfegruppen. Sie setzt ihn ohne die damit üblicherweise einhergehende Political Correctness ein. Natürlich nicht. Sie ist ein Stand-up-Comedian. Es ist ungewöhnlich, jemanden wie sie im Tanzquartier zu sehen.

Diese zarte Verschiebung, diese leichte Irritation, dieses feine Missverständnis der Konventionen - „Clap your hands, let's sing together to get rid of your certain european stiffness“ - wenn alle ihr Bestes versuchen und es trotzdem kein brillantes Spektakel wird; dieses Delay von Timing, dieser spröde Enthusiasmus, den Tina C mit wunderbarem Einsatz und mit Souveränität beantwortet, bringt einen ganz speziellen Charme mit sich. Es ist eine offene Begegnung, die - „Here I am. In a basement in Vienna. I have no hell of an idea how I got here!“ - stattfindet.

Und so hat, in dem größten Kellertheater von Wien, die Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Tanz einmal mehr Regelwerke hinterfragt und in Bewegung gebracht.
Yes we can. „Hell yeah!“


Fußnoten:
[1] Vgl. Michel Foucault, „Von der Freundschaft", Berlin: Merve Verlag 1985, S. 86f.
[2] In früheren Zeiten, als Frauen der Zutritt zu Bühnen noch verboten war, war es üblich, dass Schauspieler sich als Frauen verkleideten. Laut einer Geschichte schrieb Shakespeare an den Rand seiner Bühnenanweisungen Drag, wenn die Männer als Frauen auf der Bühne erscheinen sollten. Deshalb wird der Begriff „Drag“ oft meist auch als „dressed as a girl“ interpretiert und bedeutet dementsprechend soviel wie „wie ein Mädchen gekleidet“. Im Gegensatz dazu kann „Drag“ auch für „dressed as a guy“ (wie ein Junge gekleidet) stehen. In diesem Fall spricht man von Drag Kings. (vgl. http://de.wikipedia.org)
[3] Prince and the Revolution: „Purple Rain“, Album und Song, 1984.
[4] http://www.welt.de/politik/article2078354/Auszuege_aus_der_Rede_Hillary_Clintons.html


(2.12.2008)