CORPUS Suche


Das Dilemma ist das Dilemma ist das Dilemma

Drucken

"SONGS OF THE DRAGON FLYING TO HEAVEN" VON YOUNG JEAN LEE BEI DEN WIENER FESTWOCHEN

Von Judith Helmer

„Es ist das kleine schmutzige Geheimnis des amerikanischen Theaters, dass seine mutigsten Künstler von der EU subventioniert werden“, schreibt der New Yorker Theaterkritiker David Cote im Programmzettel zum Gastspiel einer amerikanischen Produktion bei den Wiener Festwochen: „Songs of the Dragons Flying to Heaven“ der 32 Jahre alten Dramatikerin Young Jean Lee.

Sie wird in dem Text weiters in eine Reihe gestellt mit amerikanischen Avantgardisten wie der Wooster Group, Richard Foreman oder Robert Wilson, deren Arbeit teils durch Geld und Aufmerksamkeit europäischer Gastspielorganisationen ermöglicht wird.

Dieser herbeigeschriebene Anspruch liegt schwer auf der kleinen, durchaus cleveren Arbeit, die allerdings mehr als postmodernes Paradestück daherkommt denn als innovative Neulandbeschreitung einer frischen Avantgardistin. Die Technik des Textes ist schnell offenbart: Eine Aussage wird nur insofern getroffen, als dass keine verlässlichen Aussagen gemacht werden. Jede Äußerung kann - und wird zumeist - im nächsten Moment genau in ihr Gegenteil verkehrt werden. Figuren stellen sich zum Beispiel als rassistische Weiße vor, nur um im folgenden Satz als komplexbeladene Mitglieder einer Minderheit zu sprechen. Bunte Bruchstücke vermeintlicher amerikanischer Stereotype fädelt die Autorin und Regisseurin in Personalunion wie an einer Perlenkette auf. Ethnische Herkunft und Identitätspolitik - darum geht es in den verschiedenen Episoden.

Schon beim Eintritt begegnen dem Publikum Papierlampions und Drachenbilder wie schöner gesehen nur im China-Restaurant. Drei in ihren traditionellen Kostümen alle Klischees des „Asiatischseins“ erfüllende koreanische Frauen treffen auf eine freche, streit- und überhaupt lustige koreanische Amerikanerin. Und dazwischen drängt sich immer dominanter ein weißes Paar, das einem herkömmlichen Beziehungsdrama entstiegen zu sein scheint und jenseits aller zwischenmenschlichen Political Correctness einander aufs Tiefste beleidigt. Die Ausgangspunkte des konservativen Paars, das ebenso gut in einer TV-Serie wie „Desperate Housewives“ auftauchen könnte, und der asiatischstämmigen Künstlerin Lee (obwohl sie nicht auf der Bühne mitspielt, dient ihr Charakter als Schablone für die koreanische Amerikanerin) könnten verschiedener kaum sein. Und doch treffen sie einander schneller als gedacht in der unentwirrbaren, immer ins Leere laufenden Logik der Identitätsbildung.

„Alles ist Eitelkeit“

Keine der Figuren schafft es mehr, eine konstante, kohärente Persönlichkeit zu konstruieren, und alle scheinen sich dessen auch bewusst zu sein. Postmodernes Paradestück eben. Schön ist dann vor allem der Schwenk in die christliche Ethik, mit der die sterbende Großmutter ihre vermeintlich unglückliche Enkeltochter auf den rechten Weg führen will. Es sei dumm von den Jungen, sich nicht auf das Althergebrachte zu verlassen, sondern den eigenen Weg durch das Chaos der Welt zu suchen. „Alles ist Eitelkeit und ein Haschen nach Wind", zitiert die Enkelin, eine junge Künstlerin, dann die auch als nihilistisch interpretierten Aussagen von König Salomo (Prediger 1,14). Und „mehrt man das Wissen, so mehrt man den Schmerz“ (Prediger 1,18). So alt ist diese Aussage also, und wenig ist dazugekommen in zwei Jahrtausenden - wer wollte da noch versuchen, etwas Neues zu erfinden, ist Young Jean Lees schnippische Conclusio.

Der brutale Beginn allerdings will sich zu dem locker-flockigen restlichen Stück nicht recht fügen. Zunächst nur über die Tonebene, dann auch mittels Videoprojektion werden die Zuschauer zu Zeugen eines Selbstversuchs, in dem Lee sich vor laufender Kamera hart ins Gesicht schlagen lässt - immer und immer wieder. Neben dieser rohen, extrahierten Gewalt nimmt sich all das Identitätspoltikgerede seltsam abgehoben aus. „Das Leben. Kein Traum“ heisst der Reihen-Titel des Formats „forumfestwochen“, in das „Songs of the Dragon Flying to Heaven“ hineinprogrammiert wurde. Das Leben ist nicht traumhaft, sondern bitterer Ernst, so könnte man diesen Titel lesen. Oder aber auch als Aufmunterung zur Tat, wie aus einem billigen Poesiealbenspruch. Das von Lee präsentierte, poppig-fröhliche, mit seiner intellektuell-pessimistischen Weltsicht und vorangestellten rohen Gewalt verbrämte Gedankenhopping passt also eigentlich wie die Faust aufs Auge. Fast schon zu korrekt, um noch spannend und „mutig“ zu sein.

 

(19. 05. 2007)

http://www.festwochen.at