JAN FABRE UND WIM VANDEKEYBUS SIND PROMETHEUS UND ÖDIPUS
Von Helmut Ploebst
Männer sind schon auch Titanen. Nachfahren der der einäugigen Zyklopen, Nachzeichnungen der Götter- und dann Gottväter, der pyramidalen Pharaonen, der gottgesegneten Feldherren, all der Blut- und Bodenpriester der Geschichte, von Geistesriesen und Inquisiteuren, Tyrannen und Rebellen, Kater Carlo und Superman. Die ganze glorreiche Geschichte eines Geschlechts, wie wir sie kennen. Heute ist sie versoffen und ins Wanken geraten, und mit ihr der Mann als solcher, wie er auf dem bröckelnden Gebäude des Patriarchats mit den Armen rudernd nach Halt und einem neuen Wurf sucht. Was hat die Männer angetrieben und was treibt sie noch von einem Showdown zum nächsten?
Mit den guten alten Männerproblemen haben sich zwei große belgische Choreografen actionreich auseinandergesetzt und die Früchte dieser Forschung in metaphernreicher Grandezza bei Impulstanz 2011 gezeigt. Jan Fabre und Wim Vandekeybus wollten da sicherlich keine andrologischen Diskurse aufbauen, aber es ist ihnen zugestoßen. Denn in Fabres Prometheus – Landscape II und Vandekeybus’ Oedipus / Bêt noir sowie Monkey Sandwich geht es um klassische Männeridentitäten und um die Frage nach dem heroischen Subjekt.
Fabres Prometheus bleibt während des gesamten Stücks hindurch gefesselt, während hinter ihm der kugelförmige, Protuberanzen speiende Glutofen der Sonne wütet, der das im Hintergrund wirkende System repräsentiert, den Göttervater also, der das Feuer an sich gerissen hat, als zweite, größere und systemische Singularität. Im Gegensatz zu dem Gefesselten bleiben in dem Stück weder die Macht noch die Abläufe zu Füßen des Prometheus konstant. Prometheus ist wie ein andreaskreuzähnliches X in das Zentrum der Bühne eingeschrieben und macht aus dieser einen „angekreuzten“ Kasten: ein Votum für den Promi.
Der Säulenheilige
Das ist die Antwort auf die am Beginn des Stücks x-fach gestellte Frage nach dem Helden: Der gefesselte Prometheus, im Zusammenhang mit dem Werk des Autors, der sich immer wieder selbst darstellt – etwa als Ritter der Schönheit –, ist Fabre selbst. Er als ER. Der Künstler als Held und damit als Superlativ der Selbstbehauptung.
Dieser Prometheus findet sich buchstäblich auch bei Monkey Sandwich in der Figur des Regisseurs Jerry und dessen Taktiken der Lenkung und Manipulation, in denen er sich selbst verliert. Und im Gründer einer Gemeinschaft, die er in den Untergang führt, sowie als Vaterfigur. Diese steht auf der Filmebene des Stücks seinem Sohn gegenüber, der als posthumane Livefigur auf der Bühne einen Anti-Prometheus darstellt. Immer wieder stellt sich dieser nackte und heilige junge Mann auf eine Säule, in einem aussichtslosen Aufstand gegen das Unvermeidliche.
Der Protagonist in Wim Vandekeybus’ und Jan Decortes Interpretation des Ödipus als Vermittler der Tragik ungekannter Zusammenhänge (Oedipus / Bêt noir) wird direkt vom Choreografen gespielt und getanzt. Dass Vandekeybus ausgerechnet einen kleinen Skandal in Wien verursacht, weil er für eine Minute ein Baby scheinbar allein auf der Bühne liegen lässt, ist die unbeabsichtigte Ironie hinter seiner Selbstbehauptung als Verkörperung eines tragischen Helden.
Im Moment seiner Entscheidung für diese Szene hat Vandekeybus offenbar genau gespürt, dass die Bühne ein Medium ist, das Situationen herstellt und nicht bloß Bilder überträgt. Was im Film niemanden sonderlich irritiert hätte, aktivierte in der Liveperformance unmittelbar die Empathie des Publikums. Der Zusammenhang mit der Fiktion der Ödipus-Erzählung ist – für die Autoren offenbar unvorhergesehen – zerrissen. „Kindesmissbrauch“, hieß es dann auch in der Presseaussendung einer populistisch-nationalkonservativen Partei. „Krank“ sei das, bellte ein Boulevardblättchen. Ablehnende, wenn auch differenziertere Reaktionen waren aber auch von BesucherInnen zu hören, die sich dem linken politischen Spektrum zurechnen.
Gescheiterte Kritik
Der Vorwurf des Kindesmissbrauchs ist freilich Unsinn, weist aber darauf hin, dass eine von den Missbrauchsdebatten und den Meldungen über Kinderpornografie im Internet der vergangenen Jahre geprägte Gesellschaft bereit ist, einen unscharfen Effekt auf der Bühne blitzschnell mit einem virulenten Großdiskurs kurzzuschließen. Vandekeybus’ Verdienst dabei liegt auf der Hand: Die Erregung über das Baby auf der Bühne machte die Grenzen der Bereitschaft zur Differenzierung sichtbar, die sich durch die österreichische Gesellschaft der Verdrängung ziehen.
Damit ist Oedipus / Bêt noir zu einem Beispiel dafür geworden, dass sich ein Bild, das hier die Ausgesetztheit des kleinen Ödipus möglichst authentisch darstellen sollte, selbständig machen kann. Das noch immer unbewältigte Problem des Kindesmissbrauchs im Großen lenkt die Empörung des sich unbewusst mitschuldig oder machtlos fühlenden Publikums auf das unklare Zeichen. Dass dann eine Partei versucht, daraus tagespolitisches Kleingeld zu machen, ist nur eine Randerscheinung im Diskurs.
Prometheus, Ödipus und Jerry in Monkey Sandwich sind drei fiktive Figuren, denen ein ausschlaggebender Rest an Weitsicht, an Wissen oder an der Fähigkeit, Zeichen zu lesen, fehlt. Fabre und Vandekeybus versuchen, der Komplexität der Krisenzeichen in der Gesellschaft mit großen Metaphern zu begegnen, die in symbolischen Singularitäten (Protagonisten) gipfeln und mit hoher Intensität daherkommen. Die kritisch gemeinte Metapher wird aber vom Publikum als Fiktion gelesen und von ihrem Zielgebiet, bei Fabre zum Beispiel der Rechtsradikalismus draußen in der Gesellschaft, abgekoppelt. Die Abkoppelung geschieht im Moment der Erfüllung einer Erwartungshaltung im Rahmen der Sehgewohnheiten der Zuschauer: die kritische Botschaft wird entweder auf das Werk zurückgespiegelt oder als Affirmation von bereits Gewusstem erfahren.
(26.8.2011)
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