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DIE "FREISCHWIMMER" AMANDA PIÑA UND DANIEL ZIMMERMANN MIT "THEM" IM WIENER BRUT
Von Helmut Ploebst
Zunächst ist jeder Mensch für einen anderen ein Anderer. Das wäre, abgesehen davon, daß jeder Mensch besonders ist, nichts Besonderes, gäbe es nicht die soziale Neigung zur Rudelbildung. Das Rudel ist nichts anderes als die Komplizenschaft innerhalb einer Gruppe, deren Funktion es ist, das Eigene zu verstärken. Das ist nichts von vornherein Verdächtiges, weil darin auch die wunderbare Komponente der Solidarität liegen kann. Eine solche Solidarität besteht etwa in der temporären Gruppenbildung des Publikums im Theater nicht von vornherein. Denn das verbindende Element unter den Zuschauern ist, daß einer Darstellung von „Anderen“ zugeschaut werden soll.
Was geschehen kann, wenn die Homogenität dieser Verbindung durchbrochen wird, zeigen die Wiener Nadaproductions (Amanda Piña und Daniel Zimmermann) in ihrer jüngsten Arbeit „Them“ für das Format Freischwimmer. Im Theaterfoyer werden die auf Einlaß Wartenden in zwei Gruppen geteilt. Eine der beiden Gruppen wird aus dem Warteraum geführt. So wird aus einem „Wir“ ein doppeltes gemacht, und im Theaterraum werden die beiden „Wir"-Einheiten einander gegenüber sitzen und einander die jeweils Anderen sein.
Die fortgeführte Gruppe wird ein anderes Wirgefühl entwickeln als jene der Dagebliebenen, denn sie wird eine andere Rolle spielen. Jede Besucherin und jeder Besucher fragt sich nach der Auswahl, ob er oder sie nun „Glück gehabt“ hat oder nicht. Und was heißt „Glück haben" in einer solchen Situation? Es heißt natürlich: Werde ich mich gleich vorführen lassen müssen oder nicht? Dieses Gefühl zeigt bereits, daß es keine Solidarität im Publikum gibt. Denn man weiß, daß der eigene Blick ein voyeuristischer oder auch denunziatorischer sein kann.
Der Zuschauer als des Zuschauers Wolf
Das heißt, jeder Zuschauer bekommt Angst vor den „wölfischen“ Funktionen seines eigenen Rezeptionsverhaltens. Es ist eine tiefsitzende Angst vor dem Versagen in den Augen der anderen. Performer - Tänzer, Schauspieler, Artisten oder Politiker, Vortragende und etwa Priester - treten vor Gruppen, um deren Gefolgschaft zu gewinnen. Das ist ein Gesetz, das so tief sitzt, daß sogar KünstlerInnen, die gegen dieses Gesetz antreten, sich in ihren Auftritten vor ihm bewähren müssen.
Auch das Publikum, das ist Teil des Spiels, muß sich bewähren. An einer falschen Stelle zu applaudieren oder zu lachen oder sich „im Gespräch danach“ zu entblößen (oder entblöden), das ist schon ein Risiko. Aber nun auch noch aus der ohnehin schon relativen Sicherheit im Dunkel des Tribüne gerissen zu werden, erhöht den Druck noch. Das ist aber nicht ein Druck, der von den Darstellern ausgeht, sondern von den Anderen in der eigenen Gruppe.
Denn es geht um die eigene Performance im sozialen System. Um die Annahme der fehlenden Solidarität im Wir, das keines ist. Nach ihrem erfolgreichen Stück „We“ kommen die Nadaproductions nun mit einem anderen Vorschlag daher. „Them“. Die dort. „Die“ also, die „Wir“ sein könnten, wäre es nicht anders gekommen. Bei „Them“ sitzen also zwei Gruppen aus einem Pool einander gegenüber. Unter diesen beiden Gruppen befinden sich die PerformerInnen des Stücks. Da ist Thomas Kasebacher und Laia Fabre, dort Daniel Zimmermann, Amanda Piña, Ewa Bankowska, Markus Frietsch. Dazwischen hängt ein großes Gazestück, das als Projektionsleinwand dient. Es zeigt das Gemälde „Echo und Narcissus“ (1903) von John William Waterhouse.
Die Tragödie der Nymphe Echo
Eine doppelt tragische Geschichte. Die von Narziß ist populär, die Tragödie der Nymphe Echo jedoch ist weitgehend unbekannt. Echo wurde von Hera dafür, daß sie sich hat verleiten lassen, Zeus bei seiner Untreue gegenüber Hera als Komplizin zu dienen, damit bestraft, daß sie nur noch nachplappern konnte, was ihr Gegenüber sagte. Als sie sich in Narziß verliebte, mußte sie erfahren, daß dieser sie wegen ihrer Papageienhaftigkeit verachtete. Sie verzweifelte an der Tatsache, daß ihre Liebe zu Narziß kein Echo erfuhr.
Thomas Kasebacher tritt an ein Pult vor dem Bild, das von Daniel Zimmermann manipuliert wurde. Vor Echos Mund ist ein Sprechrohr einkopiert und Narziß hält nun einen Stab in der Hand. Die erste Peinlichkeit: Wer im Publikum kann dieses Bild dekodieren? Eine klassische Bildung, die einen „Aha“-Effekt auslösen würde, gibt es nur noch in einem verschwindend kleinen Teil unserer Gesellschaft. Das Echo dieses einstigen Bildungskonzepts ist allerdings noch vorhanden. Wir wissen, wer der Mann sein könnte, aber wer ist das Mädchen? Welche Geschichte erzählt das Bild?
Kasebacher beginnt mit einer Lecture über die Thematisierung des „Anderen“ in der modernen und postmodernen Philosophie. Es ist ein Namedropping, das ein zweites Peinlichkeitsgefühl auslöst. Wer hat denn nun Nietzsche, Sartre, Derrida oder Levinas wirklich gelesen? Und wie seriös ist diese Lecture, die da einherstolpert wie ein Echo auf eine „richtige“ Vorlesung eines „richtigen“ Intellektuellen? Wüßten wir nur Bescheid über die Nymphe Echo, wir könnte uns mit ihr solidarisieren. Hätten wir Levinas nur gelesen, dann könnten wir den Lecturer vielleicht als Scharlatan denunzieren.
Peinlich, diese Sicherheit
Als Kasebacher von der Technik das erste Diabeispiel für seinen Votrag anfordert, verschwindet das Waterhouse-Bild, und eine der beiden Gruppen (die hinter Kasebacher sitzt), wird beleuchtet. Der Vortragende beschreibt wenig später ein erfundenes Bild von Goya. Cortés bei seiner Ankunft in Sevilla. Erst als Kasebacher beschreibt, daß Hernán Cortés grün im Gesicht ist und sich übergibt, und daß Goya ein solches Grün in seinen Gemälden eigentlich nie verwendet hat, mag ein Verdacht aufkeimen: Da stimmt etwas nicht.
Das Theater ist eine - stimmungsgeladene - Bildungsinstitution. Der Zusammenhang zwischen der Figur der Echo und der Performance von Bildung in einer Bildungsinstitution ist also der Einstieg in „Them“. Der Gebildete als tragisch-asozialer Narziß und Echo als Schreckensmodell der Peinlichkeit. Diese Metapher könnte nun noch einmal im Gendermodell hochgezogen werden, und dieser Ansatz ist im Stück auch klar lesbar. Jene Gruppe, die fortgeführt worden ist, und die in „Them“ klar zur Performergruppe wird, bekommt Stöcke in die Hände wie jener, der im Bild Narziß in die Hand gegeben wurde. Es ist die Gruppe mit dem höheren Peinlichkeitsfaktor, die sich verkleiden muß, die performerisch aktiv wird. Und diese wird angewiesen, auf die „Anderen“ durch den Vorhang der Gaze einzudringen und ihnen persönliche Dinge abzunehmen.
Die Gruppe, die eher im gewohnten Rezeptionsrahmen bleibt, ist wie Echo, die eigentlich peinliche Gruppe, denn ihr Blick ist der „nachplappernde“, also nachvollziehende. Mit unglaublichem Feingefühl holen die Nadaproductions die beiden Gruppen Schritt für Schritt aus der doppelten Tragödie, in die sie hineinerzogen wurden. Spielerisch, voll Empathie und mit subtilem Witz werden die BesucherInnen in eine Situation gebracht, die das Mißbrauchspotential der Peinlichkeit sichtbar macht. Ohne die didaktischen Autoritätsgesten des historischen „Mitmachtheaters“ aus den good old Seventies und ohne die konfrontativen Denunziationsprovokationen der Eighties überdribbeln die PerformerInnen und TänzerInnen die neue konzeptuelle Distanziertheit der Neunziger Jahre sowie den Neospektakularismus des gerade auslaufenden Jahrzehnts in einem neuen Ansatz performativer Choreografie, der in seinen Referenzen einen Pass aufnimmt, der vor gut 15 Jahren abgeschossen wurde. Als die Choreografie wieder das Mittel der Performance für sich adaptierte und „weiche“ Ansätze für eine kritische Kunst entwickelte.
„Them“ ist für die anbrechenden Zehnerjahre das, was die frühen Arbeiten von Superamas für die Nullerjahre waren, und für die Neunziger das unmögliche Paar Meg Stuart und Jérôme Bel. Und nicht weniger. Bis ins letzte Detail durchdacht, in der Qualität der DarstellerInnen so überzeugend wie in der dramaturgischen Durchführung und in der Integrität des Konzepts, ist „Them“ richtungsweisend, ein Angelpunkt einer jungen zeitgenössischen, gesellschaftskritischen Choreografie.
(12.12.2009)
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