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SZENEN EINES FESTIVALS
Von Daniel Aschwanden
I
„...die meisten Leute sind schockiert (über das Leben auf dem Land in China). Viele, die kommen, waren schon dort, kennen die Situation, finden sich bestätigt durch die Dokumentationen. Mir gefällt am besten die Baustellen-Fotoserie, das andere kommt mir zu künstlich vor - das machen die Künstler vermutlich, weil es sich gut verkauft. Einige Leute kommen auch wegen der Räumlichkeiten im Berg, die sie nicht kennen", sagt die Betreuerin der Ausstellung „En route - from countryside to city" in den Kavernen in der Gstättengasse.
Dort, wo die Altstadt eng an die mächtigen Felsen des Mönchsbergs geduckt und, eingeklemmt vom Fluss, immer schmaler werdend ausläuft, draussen neben den Ausstellungsräumlichkeiten befindet sich auch die Dom. Rep. Bar - Öffnungszeiten 20 Uhr bis 4 Uhr. Ein Ort für das Exotische - in Form der Körper von Frauen wird es versteckt und in schummrigem Rotlicht vorgeführt und konsumiert.
Auf einem Ausflug nach Hallstatt die vorsichtige Frage eines Inders, ob denn die Häuser und das alles echt seien - oder nur zu einem Themenpark gehörten.
Die Bemerkung einer Mitarbeiterin des Festivals, dass sie als Frau von den Sufi-Musikern „ganz anders behandelt" wurde. Auf Nachfrage schildert sie die Erfahrung, dass die Männer ihr als Frau nicht die Hand reichen wollten und es ein Problem darstellte, ihr eine Tabla zu verkaufen. Und nach einer kurzen Pause nachdenklich: „Andererseits - wenn sie mir die Hand gereicht hätten - wäre ich in ihren Augen völlig unten durch gewesen und hätte jeglichen Respekt verloren."
Die Farbe Rot gehört primär dem riesigen Affiche des „MdM" (Museum der Moderne) , und kommt daneben in einer dunkleren, mehr blaubraun wirkenden Version auf der Sonnenblende des Restaurant Pizzeria del Sole, und den Sonnenschirmen des Café Rialto vor - dieses Spektrum von Rot auf dem Anton Neumayr-Platz wird eher überrasschend erweitert durch einen rotgolden verkleideten Bartresen und die darüber, in der Spannkonstruktion eines übergrossen Sonnenschirmes sanft im Wind schwingende Lampions chinesischer Herkunft.
Das Poster des Festivals in Übergrösse, fixiert zwischen zwei alten Häusern. „An Gottes Segen ist alles gelegen", steht unter der Dachleiste nebst dem Datum: 1405. Darunter nun: China-Indien.
Im Kontrast zu den anderen europäischen Festivals, die sich gerade eher singulär des China-Themas annehmen, ist die Salzburger sommerszene im republic den beiden Big Playern und Zukunftsmärkten Asiens, Indien und China gewidmet.
Auf den Werbeplakaten ist eine Frau zu sehen, die non-chalant lächelnd einen schwebenden Mann küsst - oder in der zweiten Version diesen lächelnd mit grosser Geste durch die Luft schleudert. Was sagt der chinesische Künstlers Li Wei mit dieser Montage? Wie ist das zu lesen? Ist es ein ironisch-zynischer Kommentar auf die Position der Frau? Postuliert er ihre Stärke und Souveränität als gesellschaftliche Funktion? Ist es die Beschwörung eines Wunsches, ein Traum? Nachdem der Mann schwebt, hat die Frau das wirkliche Gewicht, den realen Stellenwert, das Sagen? - Die gesellschaftlichen Verhältnisse sprechen eine andere Sprache.
Das Statement der chinesischen Regisseurin Cao Kefei klingt mir noch in den Ohren: „Tatsächlich - und beinahe widerstrebend - muss ich konstatieren, dass sich die Stellung der Frauen seit der Öffnung für kapitalistische Strukturen in China massiv verschlechtert hat und weiterhin konstant verschlechtert, sowohl in Bezug auf berufliche Perspektiven, wie auf Ausbildung!"
1967: das erste China Restaurant eröffnet in Salzburg - heute sind es um die 120.
Wie sehen wir das Andere, wie betrachten wir es und wie betrachtet es uns?
Welche Kriterien wenden wir an? Und wie verschieben sie sich? Und was heisst das in Bezug auf den Kunstbetrieb? Was bedeutet es, wenn in der Folge die Arbeit der chinesischen Tanztheatergruppe vorrangig durch den Politfilter betrachtet wird, während im Diskurs über die indischen Gruppen viel stärker formale Filter angewendet werden?
Was bedeutet es, wenn Angesichts der Tatsache, dass „dort" keine Subventionen ausgeschüttet werden - sei es als Faktum in Indien, sei es, dass aus politischen Gründen in China, um der Zensur zu entgehen, ohnehin kaum vorhandener möglicher staatlicher Förderung richtiggehend ausgewichen werden muss? Was bedeutet es, wenn demgegenüber die Verteilkämpfe der freien Gruppen „hier", die sich auf dem Territorium der je nach Stadt differierenden Mangelverwaltung im Förderbereich abspielen, als doch eher kleinlich beschrieben werden? Die Förderpolitik des Bundes für den freien Tanz in Österreich hat sich bislang dermassen autistisch und intransparent gestaltet, dass die aufgesplitterte Szene bar jeglicher grosser Lobbyisten ohnehin kaum dagegen aufmucken konnte.
Was bedeutet es strukturell, unter einem globalen Blickwinkel betrachtet? Hängt das zusammen mit den Zuständen in diesen Billiglohnländern, wie China und Indien sie sind? Mit den Dumpingpreisen chinesischer Textilien, welche in Europa die lokalen Textilproduzenten ausschalten?
Das Fremde. Der Fremde. Die Fremde.
Die Geschichte jener Chinesin, die vor vielen Jahren in China im Zug einen Salzburger aus konservativer Familie kennenlernte - sich verliebte, nach Österreich heiratete und heute Mutter dreier Kinder auf dem Land lebend in psychiatrischer Behandlung ist, schwer unter Medikamenten.
Die Werkzeuge wandeln ihre Bedeutung, die politische Sprengkraft eines tänzerischen Minimalismus ist plötzlich nur mehr im unmittelbaren lokalen politischen Kontext lesbar - wenn in Madras /Indien tatsächlich KünstlerInnen offen von religiösen Fanatikern bedroht werden. Aber auch wir haben unsere Fundamentalisten und Nationalisten in den Wartepositionen.
II
Es regnet.
Die chinesischen Lampions sind verschwunden. Und auch der verkleidete Bartresen, somit ein wesentlicher Anteil rot auf dem Platz. Grau, braun. Die Stühle vor dem republic-Café sind aufeinandergestapelt. Das Regenwasser rinnt durch die hohlen Plexiglass-Steher der futuristischen Schirme.Oberhalb, an der Fassade, türmen sich Hochhäuser zu Bergen, zu einer metastatischen fernen Stadt in den Grenzen des riesigen rechteckigen Frames. Laden ein, sich über die Phantasie in die Unnatur einer unendlichen, urbanen Landschaft zu projizieren. Im Kontrast zu dieser Collage von Lin Yilin entfernt der Klang von Kirchenglocken.
Nach mehreren Tagen intensiven Eintauchens in die Festivalrealitäten sehe ich mich in einem Widerstreit zwischen Argumenten der Betrachtung: einer grundsätzlichen Linie der Kritik am Framing, am Titel, der das Festival überschreibt und den programmatorischen wie repräsentativen Rahmen definiert, und, beinahe diametral entgegengesetzt, dem Faktischen einer interessanten und schlüssigen Programmierung - welche die orientalistische Setzung auch wieder relativiert; via Qualität der Arbeiten und Zusammenhänge, speziell gelungen in den Beiträgen zum indischen Tanz.
Die Position der Intendanz, sich ausgesprochenermassen einer gewissen Zweischneidigkeit des Spiels der Repräsentationen durchaus bewusst, hat auch Vorteile. Die junge indische Choreografin Preethi Athreya bemerkte etwa: In Indien wäre es niemals möglich gewesen, die Arbeiten von Chandralekha, Padmini Chettur und der jüngeren Generation der Schaffenden wie etwa Sujata Goel und ihrer selbst „back to back" zu sehen.So ist die Faszination Michael Stolhofers mit dem westlichen Blick aufs Orientale eine bewusste Weiterführung dieser Tradition - um sie, was vielleicht paradox erscheint, innerhalb dieses Blicks zu dekonstuieren, durch sich selbst.
Im Falle der indischen Programmierung funktioniert das, indem Verhältnisse zwischen eher klassischen und gegenwärtigen Positionen gezeigt werden. Das Fremde in seiner reinen Exotik kommt vielleicht am deutlichsten in der Musik zur Geltung. Im Tanz kommen drei Generationen zum Zug, und beinahe exemplarisch kann die Dekonstruktion einer Tradition mitverfolgt werden. Allerdings, ohne den reinen Bharatanatyam zu sehen, der für alle Choreographen eine mehr oder weniger deutliche Referenz darstellt - bis hin zur Auflösung und Neu-Formation mit anderen Mitteln. Während eine Generation zurückliegend Padmini Chettur noch ein Statement setzt, das auf einer durch Modernismus und Minimalismus gefilterten Traditionalität beruht und sich als radikale Anti-Bewegung zur Popkulturalität in Bollywood, aber auch in der Tanzästhetik versteht, arbeitet die jüngste Choreographin Sujata Goel genau auf der Basis eben dieser popkulturellen Versatzstücke und Konzepte.
Die Klammer Indien-China könnte aber auch aus der Sicht von Methoden programmiert werden. Zum Beispiel aus der Sicht reisender KünstlerInnen. Der Blick nach Indien kann täuschen, da das Indische von Indien nicht notgedrungen in Indien zu finden sein muss, und genausowenig nur exklusiv durch ExponentInnen der Ethnie artikuliert werden muss. In diesem Sinne kann die ausschliessliche Besetzung des Festivals mit „reinen" InderInnen und ChinesInnen, also auf Biopolitik beruhend, verkürzend sein.
In diesen Zeiten des Flux ist ein Argument, sei es der Kritik oder des Lobes, immer nur ein partikuläres, da simultan eine Pluralität von Aspekten wirkt, die sich je nach Kontext anders auswirken können. Der Reflexion kommt daher eine grosse Rolle zu. Ein Festival müsste immer auch seine eigenen Produktionsstrukturen transparent machen und reflektieren - diese Kommunikation auf der Metaebene der Programmierung und Präsentationen findet im republic statt. Im Bezug auf Ausmass und Platzierung sind sicher noch weitergehende Ansätze möglich, allerdings ist das nicht einfach. Die Geste, Betrachtung und Reflexion mit Genuss zu verbinden, wie sie in den Clubgesprächen und Videopräsentationen samt jeweiliger Landesküche stattfinden, entstammt einer starken Idee und weist unbedingt in die richtige Richtung.
Vielleicht sollten wir nicht vergessen, „Chindia" steht für zwei boomende Märkte, und das europäische Interesse an diesen Kulturen beruht vermutlich überwiegend auf dem Versuch, diese Märkte für sich zu erschliessen. Vielleicht noch ganz unbewusst der Situation, dass es auch umgekehrt sein könnte, dass in einer Re-kolonialistischen Bewegung auch Europa von diesen neuen Marktkräften erschlossen wird.
Um einen kritischen Filter anzuwenden: Die Gefahr eines Festivals mit diesem Thema „Indien-China" ist, dass es, obgleich vielleicht um andere Ansätze bemüht, genau die Klischees eines Exotizismus bestätigt, den es eigentlich zu unterlaufen gälte.
Konservative Politik stellt das Exotische gern in bunten Farben aus, um bewusst oder unbewusst reale Verhältnisse zu kaschieren. Ein Festival in diesem Sinne stellt eigentlich die Klammer des Einschlusses unter der Bedingung des Ausschlusses.
Das Andere, Fremde wird tendenziell auf das Exotische reduziert, gerne mit dem Argument des hohen kulturellen Wertes, der Schönheit bestimmter Eigenschaften, welche präsentiert werden. So spielt der Kontext eine entscheidende Rolle.
Wenn in Salzburg wohlhabende Inder auftauchen, werden sie als Touristen höflich empfangen - das Geld, das sie dann ausgeben, schafft die Klammer der Akzeptanz und in beschränktem Masse des kulturellen Austausches.
Ausserhalb dessen, im Alltag, kann offenbar ein grundlegender rassistischer Reflex kaum unterdrückt werden.
Erzählen etwa die Tänzerinnen einer indischen Company, dass sie in einem Restaurant angeschrien wurden und ihnen die Bestellung einer Nachspeise verweigert wurde - oder dass ein Jugendlicher, der ihrer gewahr wurde, ihnen „Mahatma Gandhi ist tot!" nachbrüllte. Offenbar wusste er sich angesichts ihrer Fremdheit nicht anders zu helfen.
Die Codes des Tourismus, genauso wie die Codes der exotischen Differenz, versagen scheinbar im Alltag - und nicht gezeichnet oder geschützt durch diese Ausnahmesituation sind Inder Fremde. Normale Fremde, bin ich versucht zu sagen. Und in der Gesellschaft tendenziell unsichtbar - sie arbeiten in der Küche, wäre ein lokales Klischee, und ihre Religion üben sie in einem ebenso unsichtbaren Tempel im Hinterhof eines Billa-Marktes im Kellergschoss aus, während in Deutschland gerade das Faktum politisiert wurde, dass indische ComputerspezialistInnen einen Ausnahmestatus im Bezug auf das strenge Einwanderungsprotokoll zugestanden bekommen haben: Weil die Wirtschaft ohne ihre Mitarbeit in Bezug auf den Weltmarkt ins Hintertreffen kommen würde.
Das wirft lokal einerseits die Frage auf, wie weit das Gastrecht geht. Da hat ein bekanntes Salzburger Café einen Trend gesetzt, in dem ein Glas Wasser nicht mehr kostenlos serviert wird. Womit ein Naturrecht der Gastfreundlichkeit ausser Kraft gesetzt oder die Frage in den Raum gestellt wurde, wie eng dessen Grenzen gesteckt sind, andererseits überhaupt problematisiert ist, wie grundsätzlich mit Differenz, dem Fremden umgegangen wird.
Ist es so, dass eigentlich Tourismus als Industrie das Gastrecht aushöhlt, konstant unterläuft, weil unter touristischen Bedingungen Freundlichkeit weitgehend im Tausch gegen Geld produziert werden muss? Und wäre dann das Burn out-Syndrom der Fremdenverkehrsarbeiter, der Fremdenhass, die verklemmte Rache dafür, dass sie sich den Fremden nur in der dienenden Form nähern können - mit allerdings entsprechender Mehrwertabschöpfung?
Bewährungshilfe, Rockhaus, Sikhtempel, Motorradwerkstätte, Tai-Imbiss, Tanzausbildung - lautet die geografische Reihenfolge der Institutionen an der Schallmooser Hauptstrasse am Stadtrand - aufgezählt nach zunehmender Entfernung vom Zentrum.
In einem kleinen Gärtchen sitzt ein steinerner Buddha vor einer Neonwerbung für Pirelli-, Bridgestone-, Semperit- und Dunlop-Reifen. Nicht unweit davon die Erinnerung an den Ort, an dem im Mittelalter Salzburgs Delinquenten das letzte Gebet vor ihrer Hinrichtung verrichteten. Eine düstere, mächtige Skulptur mit vier Kreuzen: Jesus, zweimal und damit von zwei Seiten zu betrachten, und seine Begleiter im Tode.
Globalität hat auch eine andere Form von Unsichtbarkeit geschaffen - wirtschaftliche Zusammenhänge. So wurde kürzlich zum Beispiel ein namhafter deutscher Stahlhersteller, ein Traditionsunternehmen, von einem weltweit operierenden indischen Grosskonzern aufgekauft.
Ähnliches lässt sich zu China sagen, welches, sich seiner Ressourcen und der Spielregeln eines global operierenden Kapitalismus gleichermassen bewusst, längst zu einem Global Player entwickelt hat, der sich anschickt, international eine Führungsrolle zu übernehmen und in wenigen Jahren die USA wirtschaftlich überrunden könnnte.
Österreich muss sich ziemlich anstrengen, um nicht in Zukunft nur mehr als exotischer, touristischer Themenpark internationale Bedeutung zu haben.
Auf kulturellem Gebiet bedeutet das, in Austausch zu investieren und diese Begegnungen auf Augenhöhe stattfinden zu lassen - also das Ende von überkommenen Bildern nationaler Überlegenheit. Tanz und Performance kommen in diesem Bereich besondere Bedeutung zu. Der Austausch passiert über das Medium des Körpers und nicht nur über Symbole. Die derzeit arbeitenden Schaffenden sind international tätig und formulieren ästhetische Konzepte, die auch politisch relevant sind. Der amerikanisch- palästinensische Performer und Choreograf Tarek Halabi - „sorry, ich bin kein Inder, ich mach' hier nur meinen Job" (im Stück von Sujata Goel) - bringt das in Bezug auf Differenz in Form unterschiedlicher Tanztraditionen auf den Punkt: „Let's just use the styles as grammatics." Lasst uns die Stile einfach als Grammatiken verwenden. So formuliert er den Abschied von Tanz im Dienst nationaler Herrschafts- und Identitätsideologien.
Fototableau
(7.7.2007)
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